Leopold Hoesch zählt zu den prägenden Stimmen des europäischen Dokumentarfilms. Mit BROADVIEW entwickelt er seit über zwei Jahrzehnten international ausgezeichnete Produktionen. In unserer Interviewreihe zur Lage der deutschen Filmindustrie, die wir im Rahmen unseres LinkedIn-Newsletters „Mediengespräche“ veröffentlichen, spricht er über die aktuelle Situation der Branche und darüber, welche Rahmenbedingungen es für eine zukunftsfähige und vielfältige Filmkultur braucht.
Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der deutschen Filmindustrie ein – insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Reformen im Filmförderungsgesetz?
Die Situation ist aus meiner Sicht ernst. Die Branche hat es nicht geschafft, die Politik an die eigenen Zusagen zu binden – und das fällt uns jetzt auf die Füße. Wir sehen eine schleichende Erosion des Standards, die unsere Erzählkultur im Bewegtbild weiter schwächt. Deutschland verliert im internationalen Vergleich an Tempo und Strahlkraft. Und das betrifft längst nicht mehr nur fiktionale Filme, sondern die gesamte Produktionslandschaft.
Inwiefern wirken sich die Reformen, insbesondere das neue Filmförderungsgesetz und die Diskussion um eine Investitionsverpflichtung, bereits konkret auf Ihren Produktionsalltag aus?
Bei BROADVIEW sind die direkten Auswirkungen bislang überschaubarer. Das liegt auch daran, dass wir seit vielen Jahren gegen den Trend in eigene IP investieren und immer wieder eine glückliche Hand bewiesen haben, alternative Finanzierungsquellen zu finden. Diese Unabhängigkeit trägt uns heute. Aber das große Bild ist nun einmal ein anderes: Zu wenig Innovation aus den Sendern, zu viele regulatorische Hürden, zu wenig Raum für echte Geschäftsmodelle. Das schwächt das gesamte Ökosystem – und bremst Talente aus, die eigentlich Lust hätten, zu gestalten.
Gibt es Beispiele aus Ihrer eigenen Produktionstätigkeit, die zeigen, welche Projekte derzeit möglich sind und wo strukturelle Hürden bestehen?
Wir haben schon sehr früh auf Sportdokumentationen gesetzt – seit 2004. Heute ist dieses Genre international stark, und davon profitieren wir. Produktionen wie KLITSCHKO, Nowitzki. Der perfekte Wurf, KROOS, Schwarze Adler, Das letzte Tabu, Beckenbauer – Der letzte Kaiser oder MOSES – 13 Steps haben sich als echte Marken etabliert und unsere Position im Markt nachhaltig gestärkt. Trotzdem sehen wir immer wieder, wie viele herausragende Projekte scheitern. Die Ambition ist da, die Strukturen sind leider so, dass man nicht wirklich wachsen kann.
Welche Rahmenbedingungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um künftig mehr vielfältige, risikoreiche oder gesellschaftlich relevante Projekte realisieren zu können – und was würde der Branche insgesamt am meisten helfen?
Wenn wir wieder mutiger und vielfältiger erzählen wollen, brauchen wir verlässliche, langfristig planbare Rahmenbedingungen. Der deutsche Markt muss wettbewerbsfähiger werden. Dazu gehören zentrale Instrumente, die international längst selbstverständlich sind: eine echte Investitionsverpflichtung für Streamer, ein funktionierendes Tax Incentive, Wiederholungshonorare und ein konsequenter Rechte-Rückbehalt für Produzenten. Ohne diese Hebel bleiben wir strukturell im Hintertreffen.
Und wir müssen die Marktverzerrung durch die Produktionstöchter der öffentlich-rechtlichen Sender beenden. Sie werden faktisch bevorzugt – und das nimmt unabhängigen Produzenten Luft zum Atmen. Wer Wettbewerb und kreative Vielfalt stärken möchte, muss diese Schieflage korrigieren.
Was der Branche am meisten helfen würde? Ein Rahmen, der Qualität, Innovation und Unternehmertum wirklich unterstützt, nicht ein System, das primär Verwaltung betreibt. Wenn Deutschland international relevant bleiben will, müssen wir Produzenten stärken, Risiken ermöglichen und Exzellenz aktiv fördern.
Unser Gesprächspartner
Filmproduzent und BROADVIEW-Gründer Leopold Hoesch führt seit 1999 eine der profiliertesten dokumentarischen Produktionsfirmen Europas. Unter seiner Leitung hat BROADVIEW ein vielfach ausgezeichnetes Portfolio entwickelt, das national wie international Maßstäbe setzt.
Hoesch verantwortete mehr als hundert hochwertige Dokumentarfilme und serielle Formate und wurde dafür mit zahlreichen renommierten Preisen geehrt – darunter der International Emmy® Award, der Deutsche Fernsehpreis, der Romy Award, der Magnolia Award, der German Business Film Award, der Banff Television Award sowie weitere internationale Festival- und Branchenauszeichnungen.
Als Produzent verbindet Hoesch unternehmerische Klarheit mit internationaler Perspektive. Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägen seine Filme den deutschsprachigen Dokumentarfilmmarkt und gelten als Referenz für journalistische Präzision, visuelles Erzählen und relevante globale Themen.








