Felix Sommer ist Mitgründer der Produktionsfirma Sommer Slatter Film, mit der er seit 2023 dokumentarische und fiktionale Kurzfilmprojekte realisiert, die national und international Anerkennung finden. In unserer Interviewreihe zur Lage der deutschen Filmindustrie, die wir im Rahmen unseres LinkedIn-Newsletters “Mediengespräche” veröffentlichen, spricht er über die aktuelle Situation der Branche und darüber, welche Rahmenbedingungen es für eine zukunftsfähige und vielfältige Filmkultur braucht.
Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der deutschen Filmindustrie ein – insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Reformen im Filmförderungsgesetz?
Die Situation ist ernst. Janine Jackowski (Komplizenfilm) hat es vor kurzem im Gespräch mit der ZEIT auf den Punkt gebracht: Es gibt kaum eine deutsche Filmfirma, der es gerade gut geht. Überall wird Personal abgebaut, bei den etablierten Playern genauso wie bei den kleinen Firmen. Besonders die jüngeren Produktionsunternehmen kämpfen ums Überleben.
Von der großen Reform, an der die Branche fast vier Jahre gearbeitet hat, ist nach dem Ampel-Bruch wenig übrig geblieben. Das Ende 2024 beschlossene Punktesystem ist ein Fortschritt, aber das zentrale Steueranreizmodell wurde gekippt, und die Investitionsverpflichtung für Streaming-Dienste hängt in der Schwebe. Michelle Müntefering nennt die aktuellen Rahmenbedingungen treffend „zweite Liga und weiter abstiegsgefährdet“. Die Branche durchlebt einen fundamentalen Umbruch und die Politik liefert nicht die Voraussetzungen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.
Inwiefern wirken sich die Reformen konkret auf Ihren Produktionsalltag aus?
Die Auswirkung ist eindeutig: Es wird weniger in Deutschland gedreht, und Produktionen wandern ins Ausland ab. Das spüren wir selbst, und das spüren alle Produktionsfirmen in Deutschland. Ohne Steueranreize nach internationalem Vorbild können wir im Standortwettbewerb nicht mithalten. Die Beispiele sind bekannt: Edward Berger dreht seinen Papst-Film „Konklave“ in der Cinecittà statt in Babelsberg. Bora Dagtekins „Chantal im Märchenland“ entsteht großteils in Tschechien – genauso wie der Fantasyfilm „Hagen“, obwohl der mit fast drei Millionen Euro deutscher Fördergelder ausgestattet war. Pablo Larraín hätte seinen Callas-Film „Maria“ gerne in Berlin gedreht, aber die ungarischen Steuererleichterungen haben den Ausschlag gegeben. Das Muster ist immer dasselbe: Deutsche Fördergelder fließen, aber gedreht wird dort, wo die steuerlichen Rahmenbedingungen besser sind. Im Alltag bedeutet das: Die Planungsunsicherheit ist enorm. Die Fördermittel im Bundeshaushalt sind begrenzt und wenn sie aufgebraucht sind, gibt es nichts mehr, das macht langfristige Planung schwierig und schreckt internationale Produktionen ab. Die angekündigten 250 Millionen für den DFFF stehen zudem unter Sperrvermerk und werden erst freigegeben, wenn eine Einigung zur Investitionsverpflichtung steht.
Vergleicht man 2022, das letzte Jahr vor der akuten Krise, mit 2025, sind die Produktionszahlen in nahezu allen Kategorien eingebrochen. Bei TV-Serien liegt das Minus bei fast 38 Prozent, bei Miniserien und Limited Series sogar bei über 56 Prozent. Der Dokumentarfilmbereich ist noch härter getroffen: Kinodokumentarfilme sind um fast 78 Prozent eingebrochen, klassische Dokumentarfilme um 57 Prozent. Selbst der Kinospielfilm, der sich noch am stabilsten hält, verzeichnet ein Minus von knapp 17 Prozent. Die Jobinserate auf Crew United – ein guter Indikator für die reale Auftragslage – sind um über 41 Prozent zurückgegangen. Besonders alarmierend: Laut Crew United haben über 42 Prozent der aktiven Mitglieder mit Berufen hinter der Kamera im Jahr 2025 noch kein einziges Projekt in ihrer Filmografie eingetragen. Bei Schauspielerinnen und Schauspielern sind es 66 Prozent.
Gibt es Beispiele, die zeigen, welche Projekte möglich sind und wo strukturelle Hürden bestehen?
Die strukturellen Hürden zeigen sich besonders bei ambitionierten Projekten. Das Fördersystem setzt falsche Anreize: Wenn ein Film an der Kinokasse erfolgreich ist, bedienen sich zuerst die Verleiher und Weltvertriebe, für die Produzenten bleibt am Ende wenig übrig. Die im Filmförderungsgesetz vorgesehene Produzentengebühr von 15 Prozent des Budgets deckt kaum die laufenden Kosten einer Firma. Das führt dazu, dass viele Produzenten auf Masse setzen müssen, um wirtschaftlich zu überleben. Qualität oder Kassenerfolg sind dabei fast zweitrangig – solange die Förderung bewilligt wird, rechnet sich das Projekt.
Bei Streaming-Auftragsproduktionen zeigt sich besonders deutlich, warum die ausgebliebene Reform so schwer wiegt: Produzenten, die für Netflix, Amazon oder Disney arbeiten, treten in der Regel sämtliche Verwertungsrechte ab. Nach Ablieferung des Projekts verdienen sie nichts mehr daran, egal wie erfolgreich die Serie läuft. Die einzige Hoffnung ist der Folgeauftrag. Genau hier hätte eine gesetzliche Investitionsverpflichtung mit Rechterückbehalt nach französischem Vorbild ansetzen können: Rechte würden nach einer festgelegten Frist an die Produzenten zurückfallen, was langfristige Geschäftsmodelle und IP-Entwicklung ermöglichen würde. Ohne diese Regelung bleiben deutsche Produktionsfirmen gegenüber den globalen Plattformen strukturell in einer zu schwachen Verhandlungsposition.
Welche Rahmenbedingungen wären notwendig für mehr vielfältige, risikoreiche Projekte – und was würde der Branche am meisten helfen?
Drei Dinge wären entscheidend:
Erstens eine gesetzlich verankerte Investitionsverpflichtung für Streaming-Dienste. Freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht, das zeigen alle Erfahrungen mit internationalen Konzernen. Ein Anteil, der in Deutschland erzielten Umsätze muss auch hier reinvestiert werden. Frankreich hat vorgemacht, dass das funktioniert. Die kürzlich verkündeten 15,5 Milliarden klingen beeindruckend, aber der Großteil davon wäre ohnehin geflossen, durch ARD, ZDF und die privaten Sender und Streamer. Ein echter Zuwachs an Investitionen ist es nicht.
Zweitens Steueranreize, die uns im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig machen. Aktuell bieten fast alle Nachbarländer bessere Konditionen. Warum sollte eine Produktion in Deutschland drehen, wenn in Tschechien oder Ungarn ein erheblicher Teil der Kosten erstattet wird? Die Landschaft ist dieselbe, die Infrastruktur vergleichbar, nur die steuerlichen Rahmenbedingungen sind im Ausland attraktiver.
Drittens ein Rechterückbehalt nach französischem Modell. Wenn Verwertungsrechte nach einer definierten Frist an die Produzenten zurückfallen, können diese langfristig mit ihren Stoffen arbeiten, Marken aufbauen und unabhängiger verhandeln. Ohne dieses Instrument bleiben Produktionsfirmen dauerhaft in einer schwachen Position gegenüber den globalen Plattformen.
Die deutsche Filmbranche hat das kreative Potenzial, international mitzuhalten. Aber ohne echte strukturelle Reformen werden gerade die kleineren und mittleren Firmen die nächsten Jahre nicht überstehen. Dabei zeigen die letzten Jahre, was möglich ist: Filme wie „Das Lehrerzimmer“, „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ oder „September 5“ waren international erfolgreich und wurden vielfach ausgezeichnet. Deutsche Filmemacher und Produktionsfirmen leisten hervorragende Arbeit, die weltweit Anerkennung findet. Was fehlt, sind nicht Talent oder Ideen – was fehlt, sind die Rahmenbedingungen, die diese Arbeit nachhaltig ermöglichen.
Unser Gesprächspartner
Felix Sommer ist Produzent. Nach seinem Studium der Social und Political Sciences an der University of Cambridge und seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission in Brüssel begann er 2021 sein Produktionsstudium an der HFF München, wo er unter anderem die Kurzfilme „Ein Teil von mir“ (Regie: Vivian Bausch, u.A. Max Ophüls Preis 2024) und „Am Ende sind wir alle Gesang (Regie: Katharina Schnekenbühel, u.A. Brussels Short Film Festival 2024, New York International Children’s Festival 2024) produzierte. Zuvor produzierte er bereits den Abschlussfilm der London Film School „Rubberneck“ (Regie: Frederick Kau, u.A. Max Ophüls Preis 2019). Zuletzt produzierte er gemeinsam mit Thomas Slatter den Dokumentarfilm „Politik ist Persönlich“ (Regie: Indira Geisel) in Zusammenarbeit mit dem ZDF kleines Fernsehspiel. Nachdem Felix Sommer bereits seit 2023 parallel zu seinem Studium bei der if…Productions in München arbeitete, setzt er seine Arbeit für if… nach seinem Abschluss an der HFF nun als Producer fort.







