Der Kinospielfilm im Fördersystem

Thomas Wiedemann im Gespräch mit Christian Meyer-Pröpstl.
Bei den Kölner Mediengesprächen stellte der Autor Thomas Wiedemann seine Forschungsergebnisse aus dem neu erschienenen Buch Deutscher Kinospielfilm. Akteurskonstellationen und Wirklichkeitskonstruktion im Zeichen des Filmfördersystems vor.
 
In seiner Studie untersucht Thomas Wiedemann, wie die Struktur der Filmförderung in Deutschland Einfluss auf die Produktionsbedingungen und die Inhalte von Filmen nimmt. Als Untersuchungsgrundlage dienten Schimanks Ansatz der Akteur-Struktur-Dynamiken sowie die Diskurstheorie und Diskursanalyse in der Tradition Foucaults. Wiedemann versteht dabei den Film als diskursive Praxis, die Ideen von Gesellschaft spiegelt.
 
Ausgewählt wurden 40 deutsche Kinospielfilme, die im Zeitraum von 2012 bis 2020 künstlerisch oder kommerziell besonders erfolgreich waren. Auf der Produktionsebene wurden knapp 100 Interviews mit Akteurinnen und Akteuren aus der Filmbranche geführt (Drehbuch, Regie, Produktion, Verleih und Vertrieb, Kinoabspiel, Filmfestivals, Filmförderung, Fernsehen).
 
Die Aussicht auf wirtschaftliche Rentabilität und die öffentlich-rechtliche Sendetauglichkeit haben oftmals großen Einfluss auf die Zusage von Fördergeldern. Dies wirkt sich inhaltlich auf die filmischen Wirklichkeitskonstruktionen in Bezug auf das Gesellschaftsbild, legitime Sprecher und das gezeigte Milieu aus. Die Erzählform und die Gestaltung der Filme sind weitgehend konventionell, die Schauspielerinnen und Schauspieler sind häufig immer die gleichen und es wird versucht, durch Fortsetzungen an kommerzielle Erfolge anzuknüpfen.

Thomas Wiedemann

Wiedemann resümiert: Das Filmschaffen in Deutschland wird geprägt von politischen Entscheidungen, sozialen Hierarchien und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Gezeigt wird in den Filmen ein begrenztes Wirklichkeitsspektrum und es findet kein ernsthaftes Untergraben herrschender Wissensstrukturen statt.

Im Gespräch mit dem Kulturjournalisten Christian Meyer-Pröbstl und in der lebhaften Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, dass es unter den Filmschaffenden nur wenige prominente Akteurinnen oder Akteure gibt, die über so viel Freiraum verfügen, dass sie unkonventionelle Projekte durchsetzen können. Gleichzeitig werden aufseiten der Filmförderung aber immer neue Sichtweisen gesucht und zweifellos wird durch sie weiterhin die Vielfalt des deutschen Filmschaffens gewährleistet. Trotzdem soll die Studie dazu anregen, so Wiedemann, über die bestehenden Strukturen und Macht-Wissens-Konstellationen zu reflektieren.