Kann KI Kunst schaffen? Über die Grenzen künstlicher Kreativität

Dieter Mersch steht am Podium.

Kann Künstliche Intelligenz Kunst schaffen?

Dieser Frage ging Dieter Mersch in seiner gestrigen Veranstaltung „Artistic vs. Artificial Intelligence“ nach, die im Rahmen der Reihe Kunst im Kontext von der Gesellschaft für Moderne Kunst stattfand.

Ausgangspunkt war eine grundlegende Unterscheidung zwis^chen Erzeugen und Erschaffen. Während KI in der Lage ist, Bilder, Texte oder Musik zu generieren, bleibt offen, ob diese Hervorbringungen bereits als schöpferische Akte gelten können, oder ob Kreativität zwingend an menschliche Erfahrung, Intentionalität und Sinnsetzung gebunden ist. Entsprechend betonte Mersch eine prinzipielle Grenze zwischen menschlichem Denken und maschineller Berechnung.

Zur Beantwortung dieser Frage stellte Mersch zunächst zwei einander gegenüberstehende erkenntnistheoretische Positionen vor. Einer platonistischen Sicht zufolge bildet Mathematik die objektive Struktur der Wirklichkeit ab; aus dieser Perspektive ließe sich argumentieren, dass auch Maschinen prinzipiell in der Lage sind, künstlerische Formen hervorzubringen. Demgegenüber steht eine konstruktivistische Position, nach der Mathematik kein Abbild der Welt ist, sondern ein menschliches Konstrukt, das mögliche, jedoch keine wirklichen Welten erzeugt. Kreativität ist hier untrennbar an menschliche Erfahrung, Intentionalität und Sinnsetzung gebunden.

Vor diesem Hintergrund wandte sich Mersch der mathematischen Grundlage aktueller KI-Systeme zu. Deep-Learning-Verfahren wie Convolutional Neural Networks (CNNs) oder Generative Adversarial Networks (GANs) operieren auf statistischen Modellen, die visuelle Muster analysieren, vergleichen und variieren. Diese Logik setzt sich in multimodalen Generatoren fort, die unterschiedliche Medienformate wie Text und Bild verarbeiten, indem sie sämtliche Inhalte in numerische Werte übersetzen und in hochdimensionalen Vektorräumen mathematisch kombinieren. Die scheinbare Kreativität dieser Systeme beruht auf hochkomplexen Berechnungen, nicht auf Verstehen, Erfahrung oder Bedeutungszuschreibung. Problematisch wird dies dort, wo algorithmische Variation mit menschlicher Kreativität verwechselt wird und Zufallsmomente als schöpferische Entscheidungen erscheinen.

Diese technische Begrenzung hat ästhetische Konsequenzen. Bilder erscheinen nicht als singuläre, ästhetisch dichte Ereignisse, sondern als allgemeine Ideen oder Konzepte. Das Bildliche wird auf das reduziert, was es darstellt, nicht darauf, wie es wirkt. Individualität und Einzigartigkeit gehen dabei verloren.

Die Resultate sind häufig klischeehaft und oberflächlich. Sie basieren auf vortrainierten Datensätzen, statistischen Wahrscheinlichkeiten und kulturellen Stereotypen, ohne Reflexivität oder eigene ästhetische Fragestellung zu entwickeln. Besonders deutlich wird dies im Vergleich zwischen René Magritte’s Gemälde Le Masque vide und einem durch Grok generierten Bild (siehe rechts). Während Magritte eine komplexe Reflexion über das Verhältnis von Bild und Sprache eröffnet, löst das KI-generierte Bild die Irritation durch eindeutige, illustrative Darstellungen auf und verliert damit die ästhetische Tiefe des Originals.

Der Vortrag zeigte, dass die Frage, ob KI Kunst schaffen kann, nicht nur davon abhängt, was sie produziert. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen Bedingungen diese Bilder entstehen. KI kann Formen erzeugen, Kunst beginnt dort, wo Wahrnehmung hinterfragt, Bedeutung geschaffen und das eigene Sehen reflektiert wird.

Le Masque vide von Rene Magritte

Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn. Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Cover der Publikation Kann KI Kunst?  von Dieter Mersch. Das Bild wurde von Grok mit den Begriffen Himmel (ciel), Menschlicher Körper / Wald (corps humain / ou foret), Vorhang (rideau), Hausfassade (facade de maison), generiert.

Copyright: Herbert von Halem Verlag