Am 4. Dezember fand im Herbert von Halem Verlag ein weiteres Kölner Mediengespräch statt. Zu Gast war der Filmhistoriker Joseph Garncarz, der sein neues Buch Sehnsucht nach Vergnügen. Das Kino der DDR zwischen Kontrolle und Freiheit vorstellte. In seinem Vortrag erläuterte Garncarz die organisatorischen und politischen Strukturen des DDR-Kinos und machte deutlich, welchen Einfluss das Publikum selbst in einem autoritären Regime ausüben konnte.
Ein zentralisiertes System und seine Grenzen
Zu Beginn beschrieb Garncarz die engmaschige Einbindung der Filmwirtschaft in die politischen Entscheidungsstrukturen der DDR. Die gesamte Produktions- und Verwertungskette – von der DEFA über Kopierwerke und Synchronstudios bis hin zu Verleih und Kinos – war staatlich organisiert und von SED-Mitgliedern geführt. Entscheidungen wurden routinemäßig auf höhere Ebenen verlagert, sodass selbst vergleichsweise unbedeutende Fragen vom Politbüro oder vom Generalsekretär bestätigt werden mussten.
Für die Forschung ist diese komplexe staatliche Organisation ein Vorteil: Der bürokratische Apparat der DDR hat umfangreiche Dokumente hinterlassen. Garncarz konnte für seine Untersuchung auf etwa 250.000 Seiten aus Archiven der DEFA, des Zentralkomitees, des Politbüros, der Staatssicherheit und weiterer Institutionen zurückgreifen.
Die kulturpolitische Linie war eindeutig: Kino sollte zur Ausbildung sozialistischer Persönlichkeiten beitragen. Unterhaltung war zweitrangig. Entsprechend wurde das Filmangebot gesteuert. Rund 75 Prozent der gezeigten Filme stammten aus sozialistischen Staaten, ein Viertel davon aus der Sowjetunion. Die konsequente Auswahl führte dazu, dass viele internationale Produktionen gar nicht erst ins Land gelangten, eine Filmknappheit, die von der staatlichen Steuerung unmittelbar verursacht war.
Zuschauerpräferenzen als Gegenkraft
Im zweiten Teil des Vortrags rückte Garncarz das Publikum in den Mittelpunkt – eine Perspektive, die in der bisherigen Forschung häufig fehlte. Da es in der DDR keine offiziellen Kinocharts gab, rekonstruierte er 32 Top-30-Listen auf Grundlage einer repräsentativen Stichprobe, eines für Planwirtschaften angepassten Prognosemodells sowie der Auswertung von Kinoanzeigen.
Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Bild: Das Publikum orientierte sich stark an westlichen Produktionen. Etwa 84 Prozent der beliebtesten Filme stammten aus dem Westen, Preisunterschiede spielten für die Besucherinnen und Besucher kaum eine Rolle. Wo Filme sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland liefen, gab es eine Übereinstimmung der Filmpräferenzen von rund 90 Prozent. Der Wandel der Filmvorlieben – mehr Hollywood, weniger deutschsprachige Produktionen – vollzog sich in beiden deutschen Staaten nahezu parallel.
Tatsächlich reagierte die SED auf diese Entwicklungen vor allem mit einer gezielten Verzerrung der Erfolgsmessung. In internen Berichten wurden Zuschauerzahlen sozialistischer Filme hervorgehoben, während Daten zu westlichen Produktionen ausgeblendet oder geschönt dargestellt wurden. Mitunter wurden politisch erwünschte Filme durch den Verkauf von Kartenkontingenten an Betriebe künstlich in ihrer Reichweite gesteigert. Auf diese Weise entstand ein statistisches Bild, das den kulturpolitischen Vorgaben entsprach, jedoch wenig mit den tatsächlichen Präferenzen des Publikums zu tun hatte.
Ein Blick auf die Funktionsweise autoritärer Kulturpolitik
Abschließend machte Garncarz deutlich, dass seine Studie weit über die Filmgeschichte hinausweist. Die Untersuchung zeigt, wie wenig planbar kulturelles Verhalten selbst in autoritären Systemen ist und wie deutlich sich daran die Grenzen politischer Steuerung ablesen lassen. Indem Garncarz Publikumsvorlieben systematisch rekonstruiert und mit der offiziellen Darstellung kontrastiert, eröffnet er einen neuen Blick auf die Funktionsweise der DDR-Kulturpolitik – und darauf, wie gesellschaftliche Entwicklungen auch dort wirksam bleiben, wo Kontrolle besonders stark ausgeübt wird.
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