Noch eine Frage bitte, Joseph Garncarz

Noch eine Frage bitte, Herr Garncarz

Welche Rolle spielte das Bedürfnis nach Unterhaltung des Publikums in der Gestaltung des Kinoprogramms in der Zeit der DDR?

Es kommt darauf an, wen man fragt. Für die SED-Funktionäre im Politbüro und im Ministerium für Kultur war das Kino der DDR vor allem eine kulturpolitische Bildungsinstitution, die die Ostdeutschen zu ‚sozialistischen Persönlichkeiten‘ erziehen sollte. Unterhaltung war zweitrangig. Für das Publikum hingegen stand die Unterhaltung an erster Stelle. Die Beschäftigten der Filmwirtschaft wie die Mitarbeiter des Filmverleihs Progress und der Kinos engagierten sich für ihr Publikum. Der Verleih ließ von einem Film so viele Kopien herstellen, wie er Zuschauer erwartete, und in den Kinos wurden vor allem die Filme programmiert, die einen hohen Unterhaltungswert für das Publikum hatten.

Sie schreiben, dass die Wahlfreiheit auf der Seite der Zuschauer und der Kinomacher bestanden habe. Wie lässt sich diese Freiheit im Kontext eines totalitären Regimes erklären?

Das Selbstbild der Machthaber totalitärer Regime ist, dass sie selbst so mächtig sind, dass sie ihren Staat und ihre Bürger vollständig unter Kontrolle haben. Aber das ist in vielerlei Hinsicht trügerisch. Da der Kinobesucher Eintritt bezahlt, hat er immer die Wahl zwischen den angebotenen Filmen, auch wenn das Filmangebot reglementiert ist. In einer verstaatlichten Filmwirtschaft wie der DDR war die Situation für die Kinoschaffenden ungleich schwieriger. Einerseits mussten sie die Vorgaben des Politbüros und des Ministeriums für Kultur umsetzen, andererseits waren sie in ihrem Selbstverständnis dem Publikum verpflichtet. Kein Kinobetreiber spielt auf Dauer gerne Filme ohne Publikum. Den Repressalien der politischen Führung entgingen die Kinobetreiber weitgehend dadurch, dass sie dem Ministerium für Kultur und damit indirekt dem Politbüro berichteten, was dieses hören wollte.

Was haben Sie anhand der von Ihnen erstellten Kinocharts über den Filmgeschmack der DDR-Bürger im Vergleich zum BRD-Publikum herausgefunden?

Kinocharts sind wichtig, um die Vorlieben des Kinopublikums einschätzen zu können. In der DDR wurden jedoch keine Kinocharts erstellt, sondern vor allem die Besucherzahlen der DEFA-Filme aus eigener Produktion erhoben. Angesichts der Vorliebe des ostdeutschen Publikums für Filme aus dem Westen war es wichtig, die Besucherzahlen so selektiv zu erheben, um sich vor Repressalien der politischen Führung zu schützen. Da es keine Kinocharts gab, standen wir vor dem Problem, retrospektive Jahreskinocharts für die DDR auf der Basis einer repräsentativen Kinostichprobe zu erstellen. Damit liegt erstmals ein vollständiger Überblick über die Besucherzahlen aller in den Kinos der DDR gezeigten Filme vor.

Vergleicht man nun diese Kinocharts mit den westdeutschen, so ist zu berücksichtigen, dass aufgrund der strikten Filmzulassungspolitik der DDR die Zahl der in beiden deutschen Staaten gezeigten Kinofilme begrenzt war. Betrachtet man jedoch nur die Filme, die beide Publika auswählen konnten, so zeigt sich eine sehr hohe Übereinstimmung in der Auswahl. Der Filmgeschmack des ostdeutschen Kinopublikums unterscheidet sich nur geringfügig von dem des westdeutschen Kinopublikums – nicht anders als man es von westdeutschen Regionen wie Schleswig-Holstein und Bayern erwarten würde. Das ostdeutsche Kinopublikum liebte die gleichen Unterhaltungsfilme aus dem Westen wie das westdeutsche.

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Kölner Mediengespräche

Kurze Zusammenfassung des Vortrages von Joseph Garncarz zum Thema ›Sehnsucht nach Vergnügen‹ und die Macht des Publikums bei den Kölner Mediengesprächen.