Bei den Kölner Mediengesprächen sprach der Autor Prof. Dr. Siegfried Weischenberg mit der Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Thiele über sein neu erschienenes Buch Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden der deutsch-jüdischen Publizistik.
Grundlage für die Untersuchung bildeten die rund 100 Autobiografien von Journalistinnen und Journalisten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie teilweise während und nach dem Zweiten Weltkrieg tätig waren. Weischenbergs Impuls für die Auseinandersetzung mit berühmten Persönlichkeiten der Publizistik war Stefan Zweigs Vortrag „Das Geheimnis künstlerischen Schaffens“. Im Gegensatz zu seiner bisherigen empirischen, vor allem theorie-, hypothesen- und modellgeleiteten Forschungsarbeit boten die Autobiografien einen völlig anderen Zugang zur Erforschung journalistischen Schaffens.
Zwar ließen sich Autobiografien nicht als verlässliche Quellen bezeichnen. Sie könnten jedoch durchaus als eine Art Interview ohne Fragen verstanden werden. Außerdem gebe es aus dem untersuchten Zeitraum kaum anderes Material. Ein Korrektiv durch Berichte anderer Zeitzeugen, beispielsweise von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sei zudem häufig möglich.
Die ausgewählten Medienlegenden waren in ihrer Zeit in den gesellschaftlichen Kreisen von Kultur, Kunst und Literatur berühmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte dann vor allem das Fernsehen für Popularität. Insgesamt haben Weischenberg die Autobiografien der wenigen Frauen, wie Helene Rahms, Gabriele Tergit und Stéphane Roussel, besonders gefallen, da sie weniger von Eitelkeit geprägt gewesen seien.
Während sich unter den 36 im Buch betrachteten Publizistinnen und Publizisten der eine Teil mit deutsch-jüdischen Wurzeln wegen der antisemitischen Bedrohung ins Exil flüchten musste, blieb der andere Teil mit „Arier-Nachweis“ unter häufig schwierigen Bedingungen während der NS-Zeit im Journalismus tätig. Letztere verschwiegen oftmals ihre Rolle in dieser Zeit, lieferten fadenscheinige Ausflüchte oder sprachen von „innerer Emigration“.
Im Erinnern und Vergessen werden in den Autobiografien Muster und Strukturen erkennbar. Zudem wird sichtbar, wie entscheidend Netzwerke in diesem Berufsfeld waren und sind. Es gibt Übereinstimmungen und große Unterschiede, wie mit Schuld und Scham umgegangen wird. Viele der journalistischen Mitläufer konnten ihre Karrieren im Nachkriegsdeutschland ausbauen.
Im Gespräch betonte Thiele besonders, wie wichtig auch in der heutigen Zeit das Erinnern an die Geschehnisse des Holocausts für das Fortbestehen der Demokratie sei. In der anschließenden Diskussion wurde hervorgehoben, dass der offene Umgang mit der Vergangenheit, wie ihn beispielsweise die im Buch beschriebene Helene Rahms gezeigt hat, auch heute als Vorbild dienen könne.


