Ausgehend von einem Vortrag der Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel zum Thema Antisemitismus in den Medien diskutierten der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, und Volker Beck von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, moderiert durch den Verleger Herbert von Halem, über die deutschsprachige Medienlandschaft und ihr Verhältnis zu Israel.
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, schrieb der Soziologe Niklas Luhmann Mitte der 1990er-Jahre. Dieses Zitat nutzte Monika Schwarz-Friesel als Ausgangspunkt, um das befremdliche Verhältnis der Deutschen zum Staat Israel und zu dem Judentum darzustellen: Sind die vorgetragenen Meinungen in diesem Zusammenhang oftmals stark, so sind die tatsächlichen Berührungspunkte in einem Großteil der Fälle eher gering.
Schwarz-Friesel machte deutlich, wie sich nach dem 7. Oktober 2023 in deutschen Medien einseitige Perspektiven gegenüber Israel verstärkt hätten. Sie sprach von einem „Versagen der Medien“ und führte zahlreiche Beispiele für unbewusst oder explizit antisemitische Sprachmuster an. Diese reichten von stereotypen Zuschreibungen über problematische Metaphern bis hin zu verzerrten Kausalitätsdarstellungen, die – oft unbeabsichtigt – alte Vorurteile reproduzierten. Sie stellte dies anhand einer Vielzahl von Beispielen aus Korpusanalysen dar und identifizierte dabei vor allem eine Form des „mittig-gebildeten Antisemitismus“, der vorwiegend im Feuilleton zu beobachten sei.
Besondere Kritik richtete sie an öffentlich-rechtliche Formate, in denen antisemitische Deutungsmuster ihrer Ansicht nach in vielen Fällen unkommentiert geblieben seien. Auch prominente Publizisten würden immer wieder falsch kontextualisieren, Hintergrundinformationen weglassen oder Stereotype reproduzieren. Das sei zum Teil auf mangelnde Sensibilisierung der Journalist*innen in diesem Feld zurückzuführen. Denn die Wirkung solcher Äußerungen sei dieselbe, unabhängig davon, ob diese intentional oder nicht intentional getätigt werde.

In der anschließenden Diskussion betonten Abraham Lehrer und Volker Beck die gesellschaftliche Verantwortung von Medien und Bildungsinstitutionen, gaben aber auch Einblicke in das Leben der jüdischen Community nach dem 7. Oktober. In der Diskussion wurde unterstrichen, dass bestimmte Begriffe – wie der Ausdruck „Geisel-Deal“ – unterschwellige Verzerrungen transportierten. Beck hob hervor, dass dieses antisemitische Framing fest in der Gesellschaft verankert ist und so zu einer stetigen Derealisierung auf der sprachlichen Ebene führe.
Lehrer wies darauf hin, dass mangelnde Sensibilität in der Sprache antisemitische Denkmuster festigen könne, auch wenn keine bewusste Absicht dahinterstehe. Zugleich wurde anerkannt, dass die Medienlandschaft heterogen ist und eine differenzierte Berichterstattung durchaus existiert. Die Diskutanten räumten ein, dass es zahlreiche journalistische Beiträge gebe, die sich sachlich und kritisch mit Israel auseinandersetzten, ohne in Muster zu verfallen. Dennoch sei die Tendenz zur Pauschalisierung und moralischen Bewertung weiterhin ein Problem, das Aufmerksamkeit und Selbstreflexion erfordere.
Abschließend richteten Beck und Lehrer einen Appell an das Publikum: Kritik müsse sachlich bleiben, Antisemitismus klar benannt werden. Sie ermutigten dazu, problematische Darstellungen in Medien durch Programmbeschwerden oder Leser*innenbriefe zu hinterfragen. Medien, so Lehrer, seien lernende Organisationen, die Rückmeldung benötigten. Beck unterstrich zudem, dass es gerade in einer demokratischen Gesellschaft die „Verantwortung zur Gegenrede“ gebe, die – wie die Aufklärung – eine zentrale Aufgabe in der öffentlichen Debatte bleibe.
Eindrücke von der Veranstaltung








Aufzeichnung der Veranstaltung
Diese Veranstaltung wurde aufgezeichnet. Die Aufzeichnung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist eine Videoaufzeichnung des Vortrags von Frau Prof. Dr. Schwarz-Friesel. Ihr Vortrag wurde via Zoom in das Theater übertragen. Vom zweiten Teil der Veranstaltung, dem Gespräch zwischen Abraham Lehrer, Volker Beck und Herbert von Halem wurde die Tonspur aufgezeichnet. Beide Aufzeichnungen stellen wir so schnell wie möglich zur Verfügung.
Audio-Aufzeichnung des Gesprächs mit Abraham Lehrer und Volker Beck
Aufzeichnung des Vortrags
von Prof. Dr. Schwarz-Friesel zum Thema
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