Noch eine Frage bitte, Kevin Pauliks und Jens Ruchatz

2025-02-21 Noch eine Frage bitte, Herr Pauliks und Herr Ruchatz

Was macht Soziale Medien heute zu einem Ort, an dem Bilder nicht nur gezeigt, sondern auch kritisch hinterfragt werden?

In einer Zeit, in der jedes Bild potenziell unter dem Verdacht steht, generiert oder wenigstens manipuliert zu sein, ist es nicht verwunderlich, dass die Orte, an denen Bilder erscheinen, auch zu Orten der Bildkritik werden. Das entspricht genau der Logik der Sozialen Medien: Sie dienen nicht nur zum Präsentieren, sondern immer auch zum Rezipieren und Kommentieren von Bildern. Die Rezeption kann kritisch ausfallen, etwa wenn das Gezeigte nicht gefällt und deshalb ein kritischer Kommentar hinterlassen wird. In dem Fall handelt es sich allerdings um sprachförmige Bildkritik. Was uns in dem Buch interessiert, sind solche Fälle, die Bilder nutzen, um andere Bilder zu kritisieren: bildförmige Bildkritik.

Welche Aspekte Sozialer Medien werden immer wieder bildkritisch thematisiert?

Am häufigsten werden in den Sozialen Medien mit Bildern die dargestellten Schönheitsideale kritisiert, die als unrealistisch empfunden werden. Die bildförmige Bildkritik zeigt mit Vergleichen, dass Menschen im Alltag nicht so aussehen, wie sie sich in den Sozialen Medien inszenieren. Zu bedenken ist, dass es sich bei den Gegenüberstellungen von Instagram vs. der vermeintlichen Realität nur um eine weitere Realitätsebene handelt, die natürlich ebenso ihren Platz in den Sozialen Medien findet. Kritisiert wird auch die Bildbearbeitung, z. B. durch den Einsatz von Filtern, die zu solchen Schönheitsidealen führen. Auffällig sind außerdem Redundanzen, also ähnlich aussehende Bilder, die in Bildern zusammengetragen und ausgestellt werden, um die vorgetäuschte Influencer-Individualität zu entlarven.

Es ist spannend zu beobachten, dass die Bildkritik an den Sozialen Medien sich auf den Sozialen Medien abspielt und dadurch deren Bedingungen unterliegt. Die kritische Kuration von Wiederholung in Gesamtbildern zeichnet sich selbst durch Wiederholung im Bilderfeed aus. Die Bildbearbeitung wird mit Bildbearbeitungen kritisiert. Die Gegenüberstellung von Schönheitsidealen produziert neue Schönheitsideale für die Sozialen Medien usw. usf.

Welche Potenziale ergeben sich durch die von Ihnen entwickelte Methode der Bildpraxeografie für die Medienwissenschaft?

In der Medienwissenschaft hat es zweifelslos eine Hinwendung zu den Praktiken gegeben. Forschende sind daran interessiert herauszufinden, was Menschen mit Medien machen. Um diesem Erkenntnisinteresse gerecht zu werden, werden häufig ethnografische Methoden herangezogen und dabei medienwissenschaftliche Kernkompetenzen wie die Bildanalyse über Bord geworfen. Mit unserem Ansatz der Bildpraxeografie möchten wir der medienwissenschaftlichen Praxisforschung ein Angebot machen, Bilder und Praktiken stärker zusammenzudenken. Das gibt es bisher noch nicht. Die Bildpraxeografie bietet also als Ansatz eine medien- und formsensible Erforschung von sozialen Praktiken an, die – so unsere These – in den Bildern sichtbar sind.

Weitere Informationen zum Buch Bildkritik durch Bilder. Soziale Medien als Ort einer praxeologischen Medienphilosophie von Kevin Pauliks und Jens Ruchatz erhalten Sie hier.