Warum unterscheiden sich West- und Ostberliner*innen auch fast 35 Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung so stark in ihrer Mediennutzung?
Im Umgang mit Medien haben sich Ost und West in den letzten drei Jahrzehnten zwar angenähert, dennoch bestehen weiterhin Unterschiede. Das zeigt sich beispielsweise an der Verbreitung überregionaler Pressemedien. Auch bei der Leistungsbewertung öffentlich-rechtlicher Medienangebote lassen sich kontinuierlich Unterschiede beobachten. Dabei handelt es sich eben nur teilweise um ein Vermächtnis aus DDR-Zeiten, relevanter noch scheint die Zeit nach 1989 zu sein. Der drastische Wandel der Alltagswelt im Zuge der Vereinigung und der Systemtransfer von West nach Ost haben dazu geführt, dass Ostdeutsche im sozialen Gefüge anders positioniert waren als Westdeutsche – nicht nur materiell, sondern auch symbolisch. Die Diskurse, denen ehemalige DDR-Bürger über den Osten und die DDR-Vergangenheit in den (Leit-)Medien begegneten, waren lange Zeit vor allem solche, die im Westen satisfaktionsfähig waren. Die Beobachtung dieser Diskurse hat – in Abhängigkeit persönlicher biografischer Erfahrungen und Lebenslagen – zur Entstehung jener Nutzungsroutinen und Einstellungen gegenüber Medien beigetragen, die wir heute im Osten finden.
Sie haben mit 80 durchgeführten medienbiografischen Interviews eine ungewöhnlich hohe Zahl an Menschen befragt. Wie valide sind die von Ihnen aufgestellten Typologien der Mediennutzung?
Die Kriterien anhand derer ich die Typologien gebildet habe, hätte man sicher auch anders wählen können, sodass sich andere Typen ergeben hätten. Auch die Interpretation der Interviews ist letztlich immer subjektiv geprägt. Bei einer qualitativen Arbeit wie meiner kommt es deshalb darauf an, dass der Leser oder die Leserin nachvollziehen kann, wie die Ergebnisse entstanden sind. Nachvollziehbar ist meine Arbeit einerseits aufgrund des konsequenten Rückbezugs auf das zugrunde liegende Theoriegebäude, andererseits durch das Offenlegen von Auswahl-, Rekrutierungs- und Auswertungsprozess sowie durch die Reflexion meiner eigenen Position als Ostdeutsche und Angehörige der Nachwendegeneration.
Was ist nach Ihrer Meinung nach der Wende in der Berliner Medienlandschaft schiefgelaufen?
Jüngere Studien haben gezeigt, dass die Entwicklung der ostdeutschen Medienlandschaft nach der Wende von parteipolitischen und ökonomischen Interessen – vornehmlich westdeutscher Akteure – beeinflusst wurde, die eine rasche Übertragung des westdeutschen Mediensystems auf das Gebiet der ehemaligen DDR forcierten. Stimmen, die für einen Erhalt oder eine Reform der DDR-Medien plädierten, fanden kein Gehör. Die Entstehung einer (überregionalen) ostdeutschen Öffentlichkeit, die differenzierte innerdeutsche und innerostdeutsche Debatten ermöglicht hätte, wurde so verhindert. Es wäre wohl ratsam gewesen, hätte man dem Osten Raum zum Aufbau ‚eigener‘ Medienstrukturen gelassen. Das ist aus heutiger Perspektive sicher leicht gesagt. Dass das westliche Modell der richtige Weg sein würde, entsprach schließlich dem Zeitgeist – auch Ostdeutsche dachten damals so.
Weitere Informationen zum Buch Getrennte Medienwelten. Mediennutzung in Ost- und Westberlin nach der Wende, von Elisa Pollack erhalten Sie hier.


