Kunst und Algorithmen: Kann KI kreativ sein?

Dieter Mersch bei den Kölner Mediengesprächen

Wer Künstlicher Intelligenz kreatives Handeln zuspricht, muss davon ausgehen, dass Kreativität sich mathematisieren lässt, denn KIs sind vor allem eines: mathematische Maschinen. Aber gibt es eine Mathematik des Kreativen? Der Professor für Ästhetische Theorie Dieter Mersch hinterfragt dies bei den Kölner Mediengesprächen, denn Kunst und KI seien zunächst inkompatibel. Kunst entstehe da, wo die Regeln der mathematischen Logik nicht greifen.

Eines der ersten jemals ausgestellten KI-Werke ist Deep Dream von Alexander Mordvintsev (2015), welches mittels sogenannter Convolutional Neural Networks (CNN) generiert wurde. CNN versuchen das menschliche Gehirn zu adaptieren und erstellen Bilder, basierend auf Trainingsdaten und hochkomplexen Rechenoperationen. Daraus entstehen ornamental anmutende, repetitive Muster, welche die zugrundeliegenden Motive widerspiegeln. Die Kunst der KI ist also nicht rein abstrakt, sondern auf verzerrte Weise figurativ und erscheint wie eine psychotische Fantasie. Während jedoch ein Künstler wie Hieronymus Bosch albtraumhafte Wesen symbolisch malte, generiert die KI nur das Ornamentale selbst. Das Gebilde der KI ist nicht menschlich, es enthält keine Dramaturgie und entsteht rein zufällig.

Dieter Mersch bei den Kölner Mediengesprächen.
Dieter Mersch bei den Kölner Mediengesprächen.

Einen anderen Ansatz führt das Werk „The Next Rembrandt“ (2016) vor, welches mittels eines Generative Adversarial Networks (GAN) generiert wurde. Die Netzwerke kompilieren dabei Stilelemente bekannter Maler und Epochen zu einer Kombination plagiierter Formelemente. Das fiktive Rembrandt-Porträt entstand aus 346 Rembrandt zugeschriebenen Gemälden. Eingefasst in einen schwarzen Rahmen soll es besonders kunstwürdig erscheinen und imitiert ein Ölbild, wobei die Kompilierung durch einen 3D-Druck auf Kunststoffunterlage dargestellt wird. Die weichen Gesichtszüge des imitierten Rembrandts sind durch probabilistische Methoden entstanden und erinnern an Komposit-Fotografien.

Das preisgekrönte Werk „Théâtre d’Opéra Spatial“ von Jason Allen (2022) wurde mithilfe der multimodalen KI-Plattform Midjourney hergestellt. Entstanden aus 600 verschiedenen Prompts zeigt es eine Bühne mit drei singenden Frauen, räumliche Aufbauten im Hintergrund, die Andeutung eines Publikums und den kreisförmigen Ausblick auf eine fiktive Stadt. Bemerkenswert erscheint der Rückgriff auf alte ästhetische Kategorien sowie die charakteristische Erhabenheits-Ästhetik, die auf Faszination und Wunder setzt.

Laut Mersch repräsentieren die drei Bilder die heute gängigsten, technischen Text-zu-Bild-Generatoren. Er folgert: Die KI-Modelle ersetzen das kreative, menschliche Momentum des Künstlers durch ein Zufallsmomentum. Der Mechanismus funktioniere dabei durch das Zusammenspiel der menschlichen Eingabe und einem mehrfach geschichteten Zufall. Die menschliche Kreativität dagegen entstehe nicht nur durch reine Zufälligkeit, sondern lasse sich einer reflexiven Kategorie zuordnen. Kunst sei eine Art des Denkens, lautet seine Schlussfolgerung. Warum also die Kunst den Maschinen überlassen, wenn KI zu einem Reduktionismus und letztlich zu Stereotypen und Bildklischees führt?