Hermann Rotermund

Nach dem Rundfunk

Die Transformation eines Massenmediums zum Online-Medium

Medien haben ihre geschichtliche Zeit. Die Massenmedien, darunter der Rundfunk, also Radio und Fernsehen, haben inzwischen den Zenit ihrer Bedeutung für die private und öffentliche Kommunikation überschritten. Presse, Rundfunk und Film wurden noch 1949 im Grundgesetz verfassungsrechtlich privilegiert, aber haben allesamt ihren Charakter als gesellschaftliche Leitmedien eingebüßt. Die Zukunft des Rundfunks kann schon jetzt allenfalls als lineare Sonderform interaktiver Online-Medien beschrieben werden. Speziell die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland sind auf dem Weg in eine Legitimationskrise, die von der Medienpolitik allerdings nur ansatzweise beachtet und von den betroffenen Anstalten vehement bestritten wird. Die Nutzung der linearen Fernsehangebote verschiebt sich mehr und mehr in den Bereich der älteren Generationen und auch ihre Darbietung zum Abruf in Mediatheken verändert das Bild der generationsspezifischen Nutzung nicht. Die deutsche Medienpolitik hat gesetzlich den Weg für sendungsunabhängige Online-Produktionen geöffnet, der allerdings nur zaghaft eingeschlagen wird. Die Selbstwahrnehmung der öffentlich-rechtlichen Unternehmen ist vom Bild des herausragenden Beitrags ihrer Arbeit zur Vielfalt der Perspektiven in der gesellschaftlichen Kommunikation geprägt. Dieses Bild wird in der Außenwahrnehmung dieser Unternehmen von vielen nicht geteilt. Eine ähnliche Kluft gibt es in Bezug auf das Fernsehen als journalistisches Medium zwischen dem eigenen Anspruch und den Ergebnissen medienwissenschaftlicher Untersuchungen.

Die Analysen dieses Buchs zeigen, dass die Alternative zur drohenden Erosion des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems nur seine vollständige Transformation in ein Online-Medium sein kann. Der Autor unternimmt aus soziologischer Sicht dazu Analysen des Medienwandels, die nicht auf den technikgetriebenen Aspekt der sogenannten Digitalisierung beschränkt bleiben. Die Digitalisierung hat Tendenzen des gesellschaftlichen Wandels übernommen und verstärkt, die schon in den 1970er-Jahren sichtbar wurden. Der Leitideen des verfassungsrechtlichen Rundfunkauftrags werden in ihren geistesgeschichtlichen und nicht nur rechtsdogmatischen historischen Kontexten untersucht. Die Organisationsstrukturen und Managementmethoden der öffentlich-rechtlichen Anstalten werden an den Ansprüchen der Gemeinnützigkeit und der gesellschaftlichen Teilhabe gemessen, denen gemeinschaftsfinanzierte Unternehmen idealtypisch unterliegen. Schließlich werden im Schlussteil Szenarien entwickelt, in denen die Leitidee des Public Value, dem die Inhalte, aber auch das Organisationshandeln insgesamt verpflichtet sein sollen, auf die Beschreibung künftiger gemeinnütziger Online-Medien übertragen wird.

AUTOREN / HERAUSGEBER

Hermann Rotermund

Hermann Rotermund, Jg. 1949, Prof. Dr., studierte Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Germanistik in Frankfurt am Main. Er promovierte 1976 über ein kunstsoziologisches Thema. Rotermund ist freiberuflicher Autor, Übersetzer, Kurator und Projektmanager. Von 2004 bis 2013 war er Professor für Medienwissenschaft in Köln und von 2013 bis 2016 Gastprofessor in Lüneburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Medienwandel und die Designtheorie. ...


Nach dem Rundfunk
  • 2021,
  • Broschur, 213 x 142 mm, dt.
  • ISBN 978-3-86962-556-0
  • Dieser Titel erscheint am:
  • 27.5.2021