Bei den Kölner Mediengesprächen referierten Iva Krtalić und Erk Simon über die Rolle von Medien in einer superdiversen Gesellschaft. In der anschließenden, von Christine Watty moderierten Gesprächsrunde, stand die Frage im Mittelpunkt, welche Erwartungen eine vielfältige Mediengesellschaft an die journalistische Praxis stellt und inwiefern Medieninhalte diverse Perspektiven abbilden.
Erk Simon führte in das Konzept der Superdiversität nach Steven Vertovec ein und verdeutlichte, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte keine homogene Gruppe darstellen. Vielmehr prägen unterschiedliche Faktoren wie Herkunft, Sprache, Religion, Bildung, Gender, Milieu und Lebensstil das Publikum. Vor diesem Hintergrund sei eine differenziertere Sprache notwendig, um gesellschaftliche Realitäten adäquat abzubilden. Angesichts eines Anteils von etwa 30 Prozent Menschen mit Migrationserfahrung in Deutschland, gewinnen vielfältige Perspektiven für Medien zunehmend an Bedeutung.

Iva Krtalić knüpfte daran an und betonte die Verantwortung der Medien, gesellschaftliche Wirklichkeiten abzubilden. Repräsentation sei dabei ein zentrales Anliegen: Bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte handle es sich zwar nicht um eine separate „Special-Interest-Gruppe“, zugleich formulieren sie aber übereinstimmende Erwartungen und Qualitätskriterien an Medieninhalte. Menschen mit Einwanderungsgeschichte nehmen eine häufig negativ konnotierte Berichterstattung über Migration wahr – ein Befund, der durch zahlreiche Inhaltsanalysen empirisch belegt ist.
Auf Basis einer multimethodischen WDR-Studie (2019–2023) stellten die beiden Autor*innen vier zentrale Qualitätskriterien vor, die für junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte entscheidend sind: Relevanz, Vertrauen, Identifikation und Normalität. Im Informationsbereich gewinnen digitale und internationale Medienangebote an Bedeutung, während lineare Formate an Reichweite verlieren. Gleichzeitig zeigt sich ein differenziertes Vertrauensverhältnis gegenüber Medien, das je nach Herkunftskontext variiert. Besonders betonte Krtalić die Bedeutung der Identifikation als Voraussetzung für die Relevanz medialer Inhalte: Diese müsse über bloße Sichtbarkeit hinausgehen. Zentral sei der Wunsch nach Normalität – also einer Darstellung, die Menschen mit Einwanderungsgeschichte nicht als Ausnahme oder Problemfall markiert, sondern als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Realität.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Herausforderungen für Medien, Journalismus und Forschung vielschichtig sind. Neben strukturellen Fragen – etwa der Diversität in Redaktionen – wurde insbesondere die Notwendigkeit betont, stärker in den Dialog mit dem Publikum zu treten. „Wir müssen mit Zielgruppen sprechen und nicht nur Statistiken lesen“, appellierte Erk Simon.
Iva Krtalić und Erk Simon bekräftigten abschließend, dass Relevanz, Vertrauen, Identifikation und Normalität als zentrale Kriterien für Medieninhalte in einer superdiversen Gesellschaft sowohl in der journalistischen Medienpraxis als auch in der Medienforschung stärker in den Fokus rücken müssen. Sie regten zudem an, die Transformationsaufgaben in Bildung, Politik, Arbeitsmarkt und den Medien diskursiv auszuhandeln.


