Die Treuhand und die ostdeutsche Presse

Privatisierung, Konflikte und medienstrukturelle Langzeitfolgen 1990–1994

35,00 €

Zusätzliche Information

Maße 14,2 × 21,3 cm
Artikelnummer(n)

9783869627632, 9783869627649

Veröffentlicht

15.10.2026

Auflage

1. Auflage

Formate

Buch, PDF

DOI

10.1453/2026_9783869627632

Verlag

Herbert von Halem Verlag

Seiten

436

Bucheinband

Broschur

Zwischen 1990 und 1994 privatisierte die Treuhandanstalt nicht nur Tausende Industriebetriebe, sondern auch große Teile der DDR-Presselandschaft. Dieses Buch untersucht erstmals systematisch und auf breiter Archivgrundlage, wie dieser Vorgang verlief, welche Akteure ihn prägten und welche Entscheidungslogiken dabei wirksam waren. Im Mittelpunkt stehen die ehemaligen SED-Bezirkszeitungen sowie weitere DDR-Presseverlage, deren Privatisierung die heutige ostdeutsche Medienstruktur maßgeblich geformt hat.

Die Studie stützt sich auf die bislang weitgehend unausgewerteten Treuhandakten im Bundesarchiv Berlin sowie auf Bestände weiterer zentraler staatlicher Institutionen, darunter die Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR (UKPV) und das Bundeskartellamt. Sie zeigt, dass die Presseprivatisierung ein hoch konflikthafter Vorgang war, in dem konkurrierende Markt- und Machtinteressen aufeinandertrafen und westdeutsche Großverlage systematisch bevorzugt wurden. Personelle und institutionelle Kontinuitäten waren dabei nicht Nebenprodukt, sondern ausdrückliches Ziel der Treuhandpolitik.

Die Studie rekonstruiert die zentralen Akteurskonstellationen – von der Treuhandanstalt über das Bundesministerium des Innern bis hin zu westdeutschen Verlagskonzernen – und analysiert anhand ausgewählter Fallbeispiele, wie Entscheidungen getroffen, Interessen durchgesetzt und Alternativen systematisch ausgeblendet wurden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Restitutionsansprüchen der SPD, den PDS-nahen Verlagen sowie der Rolle der WAZ-Gruppe in Thüringen. Die Befunde sind dabei nicht nur historisch relevant: Die ostdeutsche Presselandschaft befindet sich bis heute weitgehend in westdeutschem Verlagsbesitz. Gleichzeitig instrumentalisiert die AfD die Treuhandgeschichte gezielt zur eigenen politischen Profilierung und nutzt ostdeutsche Umbruchserfahrungen als Mittel politischer Mobilisierung. Eine historisch fundierte Analyse dieser Privatisierungsvorgänge ist daher nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftspolitisch notwendig.

Das Buch ist die Fortsetzung von Trögers 2019 erschienenem Band Pressefrühling und Profit und schließt eine zentrale Forschungslücke in der Medien- und Zeitgeschichte. Es liefert zugleich einen wichtigen Beitrag zum Verständnis gegenwärtiger Debatten über Medienkonzentration, Deutungskämpfe um das Erbe der Treuhand und die medienstrukturellen Langzeitfolgen der deutschen Einheit.

Mandy Tröger, Dr., Jg. 1980, studierte nordamerikanische und westasiatische Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft im Bachelor an der Universität Erfurt und nordamerikanische Geschichte im Master an der Universität von Amsterdam. Sie promovierte 2018 am Institute of Communications Research der University of Illinois at Urbana-Champaign und habilitierte sich 2026 im Rahmen der Walter Benjamin-Stelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am Institut der Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Seit Juli 2026 ist sie assoziierte Professorin an der Södertörn Universität in Stockholm, wo sie als Wallenberg Academy Fellow 2025 ein Forschungsprojekt zur Kommunikationsgeschichte der NATO leitet. Zudem ist sie assoziierte Forscherin am Media, Inequality & Change (MIC) Center der Annenberg School for Communication, University of Pennsylvania. Ihre Forschungs- und Publikationsschwerpunkte liegen in der Medien- und Kommunikationsgeschichte, politischen Ökonomie der Medien und Kommunikation und ostdeutschen Pressegeschichte.

Vorwort
1 Einleitung
1.1 Zeitungsprivatisierungen als Forschungslücke
1.2 Transformationen der ostdeutschen Presselandschaft
2. Historischer Kontext und Erkenntnisstand
2.1 Presse und Zeitungen in der DDR
2.2 Erkenntnisstand: Die Rolle der Treuhandanstalt in der Pressetransformation
2.3 Forschungsfragen und Aufbau des Buches
2.4 Quellenlage und methodisches Vorgehen
3. Staatliche Akteure in der Presseprivatisierung
3.1 Die Treuhandanstalt
3.2 Die Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR (UKPV)
3.3 Das Bundeskartellamt
3.4 Das Bundesministerium des Innern
4. Die Privatisierungen der ehemaligen SED-Bezirkszeitungen
4.1 Die ›Gesamtlösung‹
4.2 Die Mitteldeutsche Zeitung und die Freie Presse
4.3 Die Restitutionsansprüche der SPD
5. PDS-Verlage und -Parteienvermögen im Kontext der Presseprivatisierung
5.1 Die Zentrag
5.2 Der Berliner Verlag
5.3 Das Neue Deutschland
6. Die Blockpartei-Zeitungen und die Junge Welt
6.1 Die Zeitungen der LDPD und NDPD
6.2 Die Zeitungen der CDU und der Verlag Frankfurter Allgemeine Zeitung
6.3 Die Junge Welt
7. Der ›Sonderfall‹: Die Region Thüringen und die WAZ-Gruppe
7.1 Eine vorgeprägte Region
7.2 Die Thüringer Allgemeine
7.3 Die Thüringische Landeszeitung
7.4 Die Ostthüringer Nachrichten/Ostthüringer Zeitung
8. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis
Hinweis zur Zitierweise der Quellen

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