Zwischen 1990 und 1994 privatisierte die Treuhandanstalt nicht nur Tausende Industriebetriebe, sondern auch große Teile der DDR-Presselandschaft. Dieses Buch untersucht erstmals systematisch und auf breiter Archivgrundlage, wie dieser Vorgang verlief, welche Akteure ihn prägten und welche Entscheidungslogiken dabei wirksam waren. Im Mittelpunkt stehen die ehemaligen SED-Bezirkszeitungen sowie weitere DDR-Presseverlage, deren Privatisierung die heutige ostdeutsche Medienstruktur maßgeblich geformt hat.
Die Studie stützt sich auf die bislang weitgehend unausgewerteten Treuhandakten im Bundesarchiv Berlin sowie auf Bestände weiterer zentraler staatlicher Institutionen, darunter die Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR (UKPV) und das Bundeskartellamt. Sie zeigt, dass die Presseprivatisierung ein hoch konflikthafter Vorgang war, in dem konkurrierende Markt- und Machtinteressen aufeinandertrafen und westdeutsche Großverlage systematisch bevorzugt wurden. Personelle und institutionelle Kontinuitäten waren dabei nicht Nebenprodukt, sondern ausdrückliches Ziel der Treuhandpolitik.
Die Studie rekonstruiert die zentralen Akteurskonstellationen – von der Treuhandanstalt über das Bundesministerium des Innern bis hin zu westdeutschen Verlagskonzernen – und analysiert anhand ausgewählter Fallbeispiele, wie Entscheidungen getroffen, Interessen durchgesetzt und Alternativen systematisch ausgeblendet wurden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Restitutionsansprüchen der SPD, den PDS-nahen Verlagen sowie der Rolle der WAZ-Gruppe in Thüringen. Die Befunde sind dabei nicht nur historisch relevant: Die ostdeutsche Presselandschaft befindet sich bis heute weitgehend in westdeutschem Verlagsbesitz. Gleichzeitig instrumentalisiert die AfD die Treuhandgeschichte gezielt zur eigenen politischen Profilierung und nutzt ostdeutsche Umbruchserfahrungen als Mittel politischer Mobilisierung. Eine historisch fundierte Analyse dieser Privatisierungsvorgänge ist daher nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftspolitisch notwendig.
Das Buch ist die Fortsetzung von Trögers 2019 erschienenem Band Pressefrühling und Profit und schließt eine zentrale Forschungslücke in der Medien- und Zeitgeschichte. Es liefert zugleich einen wichtigen Beitrag zum Verständnis gegenwärtiger Debatten über Medienkonzentration, Deutungskämpfe um das Erbe der Treuhand und die medienstrukturellen Langzeitfolgen der deutschen Einheit.







