Noch eine Frage bitte, Martin R. Herbers

„Post-publics“ ist eine neue Theorie der Öffentlichkeit, die die Defizite der bisherigen Theoriebildung beheben will. Martin R. Herbers untersucht dies im neuen Band der Reihe „Forschungsfeld Kommunikation“.
Martin R. Herbers: Post-publics

Es gibt bereits eine ganze Reihe von Theorien zum Thema „Öffentlichkeit“. Worin liegt das Neue an Ihrer Theorie der „Post-publics“?

Die Theorie der Post-publics verbindet neue Formen öffentlicher Kommunikation von netzwerkartig organisierten Individuen mit der traditionellen demokratietheoretisch basierten Öffentlichkeit.

Die klassische Idee der Öffentlichkeit als Sphäre der Kommunikation über die res publica ist ständig im Wandel. Technologische Innovationen wie Social-Media-Plattformen oder Mobilkommunikation bringen neue Arten und Weisen hervor, wie Medieninhalte produziert, verbreitet und rezipiert werden. Dies hat Auswirkungen auf die Prozesse des demokratischen Zusammenlebens. Bürger:innen erhalten die für sie relevanten Informationen nun sowohl über journalistische Massenmedien als auch über Social-Media-Plattformen. Soziale Wandelprozesse wie Globalisierung und zunehmende Individualisierung stellen weitere neue Anforderungen an die Öffentlichkeit. Viele Individuen schließen sich heutzutage weniger organisierten Gruppen wie Parteien oder Vereinen an, um ihre Interessen zu verfolgen. Vielmehr sind es netzwerkartig organisierte Online-Communities, in denen sie aktiv werden. In diesen Post-publics zeigen sich neue Formen und Gruppen der öffentlichen Kommunikation, in denen auch die Wandelprozesse auf individueller Ebene sichtbar werden.

Sie setzen sich in Ihrem Werk intensiv mit Jürgen Habermas auseinander. Warum hat er für diese Thematik eine solche Bedeutung?

Die Arbeiten von Jürgen Habermas sind für die Forschung zur Öffentlichkeit grundlegend. Seine Hauptwerke Der Strukturwandel der Öffentlichkeit sowie Faktizität und Geltung geben wichtige Impulse über die Entstehung der modernen Öffentlichkeit und ihrer Rolle für das demokratische Zusammenleben. Er fokussiert dabei auf eine institutionelle Ebene und zeigt auf, wie diese im Idealfall funktioniert.

Die Post-publics bauen auf den zentralen Konzepten von Habermas auf und erweitern diese: Die institutionelle Form der Öffentlichkeit ist weiter analytisch relevant für formale demokratische Prozesse, während die Post-publics die politische Dimension der Individuen in ihrem Alltag aufzeigt. Die Erkenntnisse von Habermas sind wichtig, um die kollektive und institutionelle Dimension der Öffentlichkeit zu beschreiben. Sie aber als alleinige Form der Öffentlichkeit anzusehen, greift mit Blick auf die vielfältigen Wandelprozesse zu kurz. Die Post-publics ergänzen die bisherige Theorie um diesen Aspekt und erweitern sie um neue Medientechnologien und neue soziale Gruppen.

Die sozialen Medien nehmen eine zentrale Rolle in Ihrer Theorie ein. Werden die „klassischen“ Massenmedien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen mittelfristig verschwinden?

Die „klassischen“ Massenmedien spielen für die traditionellen Ideen von Öffentlichkeit und den demokratischen Prozess nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie verbreiten vielfältige und allgemeine Informationen im Idealfall journalistisch gesichert an ein disperses Publikum. Sie nehmen eine demokratisch zentrale Rolle ein und werden in Zukunft nicht verschwinden. Vielmehr werden sie in der neuen Medienlandschaft neue Formen einnehmen, aber ihre ursprüngliche Aufgabe weiter durchführen. Social Media sind in den Post-publics deswegen zentral, da hier Menschen entlang ihrer persönlichen Interessen gezielt spezielle Informationen suchen und mit gleichgesinnten Menschen in Kontakt treten können. Beide Medienformen werden in Zukunft zusammenspielen und sich gegenseitig ergänzen: Social Media für den alltäglichen Bereich der Politik und die Massenmedien für den institutionellen politischen Prozess.

Weitere Informationen zum Buch Post-publics. Rekonstruktion einer Theorie der Öffentlichkeit, von Martin R. Herbers erhalten Sie hier.