Wie erkennen wir totalitäres Denken, ehe es Gesellschaften zerstört? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Kölner Mediengespräche, bei denen der Meinungsforscher vom Institut für Demoskopie Allensbach, Dr. Thomas Petersen, zentrale Erkenntnisse aus seinem neu erschienenen Buch Das Gesicht des Totalitären. Woran man radikales Denken erkennt vorstellte.
Dr. Thomas Petersen zeigte in seinem Vortrag, wie totalitäres Denken wiederkehrenden Strukturen folgt, unabhängig von seiner politischen Ausprägung und den damit verbundenen Inhalten. Im Fokus stand die Fragestellung: Was sind die Strukturen des totalitären Denkens und sind wir imstande, diese frühzeitig zu erkennen?
Als zentrales Element totalitärer Strukturen beschrieb Petersen die Täter-Opfer-Erzählung, bei der sich eine Gruppe als Opfer ungerechter Behandlung darstellt. Die Schuld wird hierbei Minderheiten zugeschrieben, wie etwa Migranten oder religiösen Gruppen. Verknüpft wird diese Erzählung mit einer apokalyptischen Dimension: Die Gesellschaft stehe vor einer Katastrophe, die nur durch radikales Handeln im Sinne der totalitären Erzählung abgewendet werden könne. Die Struktur des totalitären Denkens ergibt sich im Verbund mit dem Kernelement des Überlegenheitswahns. Dabei wird eine vermeintlich goldene Vergangenheit beschworen, in der vorgeblich alles besser war – eine reaktionäre Nostalgie, die mit der Realität meist nichts zu tun hat. Diese Erzählung wird begleitet von der Vorstellung, dass die zuvor bestimmte Minderheit den „wahren“ Mitgliedern der Gesellschaft etwas wegnehmen würde.

Im Konglomerat mit einem ausgeprägten Kulturpessimismus, der den Niedergang der Gesellschaft als unausweichlich darstellt, werden demokratische Institutionen systematisch untergraben, Politiker und Parlamente diskreditiert und als korrupt dargestellt. Dies führt zu einem politischen Rigorismus, bei dem Kompromisse als Schwäche gelten, die Bereitschaft zum gemeinsamen Dialog verloren geht und so einem weiteren Kernelement der totalitären Denkstruktur Vorschub leistet: Verachtung der Politik. Politiker werden pauschal als unfähig und moralisch verwerflich abgewertet, während „die Gesellschaft“ glaube, sie selbst könne es besser machen. Und dabei verkennt, dass die Politik selbst ein Teil und Abbild unserer Gesellschaft ist. Dieses Misstrauen schwächt das Vertrauen in demokratische Prozesse und Institutionen nachhaltig.
In ihrer Gesamtheit formen diese Elemente ein geschlossenes Gedankengebäude, das in sich logisch erscheint, aber auf trügerischen Annahmen beruht. Gerade diese scheinbare Logik macht totalitäres Denken so gefährlich, denn es lässt wenig Raum für Zweifel oder Widerspruch – und kann so Gesellschaften in autoritäre Strukturen treiben. Petersen verdeutlichte, dass diese Denkstrukturen denen von Verschwörungstheorien ähneln. Denn auch verschwörungstheoretische Konstrukte basieren auf der Errichtung einer geschlossenen Erzählung, die an Bekanntes anknüpft.
Abschließend verdeutlichte Dr. Thomas Petersen, dass totalitäre Denkstrukturen selbst in demokratischen Gesellschaften unerkannt bleiben können und warnte eindrücklich: „Geschichte kann sich wiederholen.“ Sein Appell lautete daher, sich selbstkritisch mit ebendiesen Strukturen auseinanderzusetzen. Damit regte der Meinungsforscher auch zur Reflexion über die eigene Wahrnehmung und Verantwortung an, damit die wichtige Botschaft „Nie wieder“ als aktive Aufgabe begreifbar werde.


