Noch eine Frage bitte, Herr Müller

Die tiefsitzende Überzeugung, dass ernstzunehmende Politik mit Vernunft und Argumenten gemacht werde, verhindert die Suche nach anderen Lösungen. In "Politisches Storytelling" zeigt Michael Müller, welche Rollen Geschichten, Erzählungen, Storys und Narrative im Politischen und in der Demokratie haben.

Noch eine Frage bitte, Herr Müller

In Ihrer Einleitung machen Sie auf eine Spannung aufmerksam, die bereits im Titel Politisches Storytelling anklingt – wird doch von der Politik allgemein erwartet mit Sachargumenten zu überzeugen und keine Geschichten zu erzählen. Warum ist Storytelling in der Politik dennoch so bedeutsam?

Ich denke, die Erwartung, allein mit Sachargumenten Menschen von politischen Programmen überzeugen zu können, beruht auf einer starken Überschätzung unserer Rationalität seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Natürlich spielen Argumente eine Rolle, aber mindestens ebenso wichtig sind die Geschichten, die in den Köpfen der Menschen zu einem politischen Programm entstehen und sie motivieren. Übrigens geht es beim politischen Storytelling in meinem Verständnis nicht einfach darum, nette oder motivierende Geschichten zu erzählen. Es geht darum, ein Sinnangebot zu machen – eine Zukunftsgeschichte darüber erzählen zu können, wie sich unsere Gesellschaft weiter entwickeln soll, und wie wir in Zukunft leben wollen. Den meisten politischen Parteien in Deutschland fehlt eine solche Zukunftsgeschichte. Fünf Prozent mehr Rente zu versprechen ist eben noch keine Vision, die Menschen mitreißen kann. Die Leerstelle, die hier entsteht, besetzen dann die Rechten mit ihren rückwärtsgewandten und exklusiven, ausschließenden Geschichten.

Sie schreiben, dass neben dem ‘Telling’ auch ein ‘Listening’ wichtig ist, um erfolgreich mit Narrativen arbeiten zu können. Können Sie dies erklären?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der alle immer auf Sendung sind und kaum jemand zuhört. Um gute politische Geschichten entwickeln zu können, ist es jedoch wichtig, die Geschichten-Welten zu kennen, in denen die Menschen, die man erreichen will, leben. Was erzählen sie über ihren Alltag, ihre Erfahrungen, ihre Begegnungen? In diesen Geschichten bildet sich die Realität der Menschen ab – anders als in Meinungsumfragen, die, wie man weiß, ja stark in Richtung erwünschte Antworten und Konzeptionalisierungen hin verzerren. Die Meinungen der Menschen haben oft nicht sehr viel mit ihrem tatsächlichen Handeln zu tun. Ihre Geschichten aber schon. Man kann durch Storylistening also einerseits erfahren, was die Menschen wirklich bewegt und das eigene Storytelling anschlussfähig an diese Lebenswelten gestalten. Ich setze Storylistening andererseits aber auch sehr erfolgreich in Organisationen und gesellschaftlichen Kontexten ein, wenn es darum geht, Verständnis zwischen unterschiedlichen Gruppen zu schaffen. Ich lade dann Vertreter dieser Gruppen ein, von ihren alltäglichen Erfahrungen zu erzählen. Es wird einfach zugehört, ohne zu diskutieren oder Argumente auszutauschen. Es ist immer wieder überraschend, wie das Zuhören alleine große Veränderungen initiieren kann.

Sie postulieren in Ihrem Buch eine “Ethik des politischen Storytelling”. Wie sollte ein verantwortungsvoller Umgang mit politischem Storytelling Ihrer Meinung nach aussehen?

Storytelling ist zunächst einmal eine Form der Kommunikation und damit auch ein Werkzeug. Und wie die meisten Werkzeuge kann man es zum Guten und zum Schlechten einsetzen. Ich beschreibe in meinem Buch eine Reihe von Kriterien für verantwortungsvollen Umgang mit politischem Storytelling. Eines davon ist zum Beispiel, dass man keine Geschichten mit Sündenbock-Externalisierungen erzählen sollte. Das sind Geschichten, die eine ganze Gruppe für bestimmte Entwicklungen verantwortlich machen: die Juden, die Migranten, die Moslems, etc. Werden immer wieder Geschichten erzählt, in denen Vertreter dieser Gruppen als Sündenböcke dargestellt werden, hetzt man gegen diese Gruppen auf. Ein zweites Beispiel für veranwortungslosen Umgang mit dem Erzählen sind natürlich Fake Stories: Geschichten, die als “wahr” ausgegeben werden, aber die in ihnen erwähnten Tatsachen verdrehen. Insgesamt kann man verantwortungsloses Storytelling sehr gut an Trump und anderen Rechtspopulisten studieren.