Noch eine Frage bitte, Herr Haller

Michael Hallers Klassiker der Journalistenausbildung, "Die Reportage", erscheint komplett überarbeitet und aktualisiert in der 7. Auflage.

Noch eine Frage bitte, Herr Haller

Vor über dreißig Jahren ist die erste Auflage von Die Reportage erschienen. Nun liegt die siebte, komplett überarbeitete Fassung vor: Was hat sich am Journalismus in dieser Zeit verändert?

Die Digitalisierung, das Web 2.0 und die Multimedia-Technologien haben die Darstellungsformen des Journalismus markant verändert. Aber auch das Publikum ändert sich, es will nicht nur konsumieren, sondern auch partizipieren. Auf der Einbahnstraße der Berichterstatter gibt es jetzt Gegenverkehr. Auch der Reporter muss auf sein Publikum eingehen, sein Handeln begründen und sein Vorgehen transparent machen.

Sie schreiben in Ihrem Vorwort, dass Sie Redakteur*innen dazu ermutigen möchten, den subjektiven Erzählstil der Reportage wieder zu zulassen. Wieso halten Sie es für wichtig, subjektive Erzählweisen in die journalistische Praxis von heute einzubringen?

Der starke Medienwettbewerb im Internet und der Zwang, hohe Reichweiten zu erzielen, führt zur Konfektionierung der Formen. Immer größere Teile der Berichterstattung werden von Robots erledigt. Und seit der Relotius-Affäre klammern sich viele Redaktionen an die Fakten und streichen die Erlebnisse und Eindrücke ihrer Reporter weg. Doch die Wirklichkeit besteht nicht nur aus Fakten. Um Akteure mit ihren Handlungen kennenzulernen, muss man sich auf sie einlassen und verstehen. Diese subjektive Perspektive des Reporters gibt den Themen und Texten erst die Tiefenschärfe.

Gibt es eine Reportage, die Ihnen besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben ist?

Beeindruckt haben mich Reportagen, die eine für mich fremde Perspektive bieten. Das Training der für ihre Härte berüchtigten Football-Mannschaft aus der Sicht einer Frau; die Denkweise unserer Denkmalpfleger aus der Sicht eines dem Bürgerkrieg entflohenen syrischen Journalisten; unser piekfeiner Promi-Reporter in Mecklenburg, wo er sich mit der Spargelstecher-Kolonne aus Bulgarien ein paar Tage auf den Spargelfeldern quält. Solche Themen. Mir sind viele gelungene Texte gut in Erinnerung – gelungen, weil mir die Reporterinnen und Reporter ihre Protagonisten nahegebracht und sich dabei selbst zurückgenommen haben. Weil ihre Sprache stimmig und ihre Beschreibungen erhellend waren. Solche Reportagen las ich schon vor fünfzig Jahren, als ich mit dem Journalismus anfing, und solche Reportagen lese ich auch in Zukunft mit Gewinn.