“Kein Platz für Schnellschüsse”

Über den Aktualitätsdruck in Fachverlagen sprach Herbert von Halem mit Isabella Caldart. Der Artikel erschien im Börsenblatt Spezial Fachbuch 18/2020.

“Kein Platz für Schnellschüsse”

Kein Platz für Schnellschüsse

Ob Corona, Klimawandel oder Fake News: Fachverleger Herbert von Halem will sich nicht dem Aktualitätsdruck beugen. Er setzt lieber auf vertiefte Analyse. Von Isabella Caldart

Handbücher, Tagebücher, Ratgeber – in der Corona-Krise zeigt sich, wie schnell die Buchbranche auf aktuelle Themen reagieren kann. Doch während die Publikumsverlage gern mal auf Schnellschüsse setzen, lassen sich Fach- und Wissenschaftsverlage in der Regel etwas mehr Zeit – auch wenn der Transcript Verlag für Ende Juli bereits einen Titel angekündigt hat: »Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft«. Aber: Ist Schnelligkeit wirklich die richtige Strategie in diesen Zeiten? Das würde Herbert von Halem, Verleger des gleichnamigen Verlags, für sein Programm wohl verneinen. »Die Bücher, die wir machen, sind keine Reaktionen auf aktuelles Geschehen«, betont er. »Wir wollen keine Schnellschüsse, die wir anschließend bereuen.«

Wissenschaft braucht Zeit. Herbert von Halem setzt sich nicht nur als Wissenschaftsverleger mit dem Thema Medien und Kommunikation auseinander. 2013 hat er die Kölner Mediengespräche ins Leben gerufen, um einer breiteren Öffentlichkeit Wissen zu vermitteln – zu Themen wie »Fluchtberichterstattung heute. Zwischen journalistischem Anspruch und Medienrealität« oder »Das Christentum im Blätterwald. Religiöse Motive in deutschen Zeitschriften«. Die Veranstaltungsreihe, die in den Verlagsräumen stattfindet, pausiert gerade Corona-bedingt und wird nicht ins Internet verlegt, denn »das Format funktioniert vor allem als Präsenzveranstaltung«, wie von Halem meint. Ob durch Gespräche oder Bücher – die Themen, die öffentliche Debatten beherrschen, auch einem Laienpublikum zu vermitteln, ist dem Verleger ein Anliegen. Deshalb hat er neben den Mediengesprächen die Reihe »Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses« ins Leben gerufen. »Ich habe den Verlag immer als neutrale Plattform verstanden, damit Wissenschaft sich entfalten kann, aber ich bin darüber beunruhigt, wie kommuniziert wird, wie wir kritische Themen in der Gesellschaft diskutieren, den Meinungsprozess formen und so auch auf die Politik wirken«, sagt der Verleger. »Wir sehen Diskussionen als Grabenkampf und nicht mehr als Versuch, ein Thema zu durchdringen.« Ein Missstand, den von Halem überwinden will – nicht um seine eigene Meinung zu kommunizieren, sondern um ein Diskussionsangebot zu machen. »Debatten über Migration, über das Klima und jetzt auch über Corona wurden und werden kontraproduktiv geführt. Jeder versucht, eine Position durchzusetzen, aber nicht, das Problem in allen Facetten zu verstehen«, fürchtet er.

Natürlich hat der Verlag auch Gegenwartsthemen im Programm. Das zeigen Titel wie »Schöne digitale Welt. Auf dem Weg in eine dystopische Gesellschaft?« [sic] oder »Regulierung für die Onlinegesellschaft«. Doch manche dieser Themen sind älter, als sie auf den ersten Blick wirken: »Fake News oder der Vorwurf ›Lügenpresse‹ kommen in jedem unserer Bände zur journalistischen Ethik vor«, so der Verleger, »auch wenn es natürlich neue Konnotationen durch Digitalisierung und Social Media gibt.« Man müsse der Wissenschaft Zeit für Beobachtung, Datenerhebung und Analyse lassen, sagt von Halem mit Nachdruck. »Das halte ich für absolut zentral.« Ein Corona-Buch wird es also bei ihm so bald nicht geben.

Isabella Caldart: Kein Platz für Schnellschüsse. In: Börsenblatt Fachbuch Spezial 18/2020, S. 26

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