Für mehr “konfliktsensiblen Journalismus” in Deutschland

Vor Kurzem erschien "Von »Wirtschaftsflüchtlingen« und »Willkommenskultur«. Fluchtberichterstattung abseits des Politikressorts" im Herbert von Halem Verlag. Autorin Jutta Brennauer diskutierte bei den Kölner Mediengesprächen mit Journalistin Sheila Mysorekar und Verleger Herbert von Halem über den Umgang der Medien mit Geflüchteten.

Für mehr “konfliktsensiblen Journalismus” in Deutschland

Zur Vorbereitung der Diskussion stellte Jutta Brennauer in einem Impulsvortrag kurz den Aufbau und die Ergebnisse ihrer Untersuchung vor. Sie verglich die Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die in der Kommunikationswissenschaft als “mitte-rechts” gilt, und der Süddeutschen Zeitung (SZ), die als “mitte-links” gesehen wird. Von beiden Qualitätsmedien nahm Brennauer jeweils das Wirtschafts- und das Kulturressort in den Blick. Der Vergleich kam zu folgenden Ergebnissen: Im Wirtschaftsressort beider Zeitungen war die Berichterstattung, auch, bevor 2015 zahlreiche Menschen aus Syrien und anderen kriegsgeplagten Ländern nach Deutschland flohen, eher negativ. Flüchtlinge und Migranten allgemein wurden verstärkt als Kostenfaktor beschrieben, da deren Aufnahme und Versorgung Geld kostete. Allerdings ist festzuhalten, dass die Berichterstattung der SZ trotz dieser Tendenz im Wirtschaftsressort immer wieder versuchte, die positiven Aspekte der Migration – etwa den Zuzug von Fachkräften – nicht gänzlich zu übergehen.

Anders sieht die Lage hingegen im Kulturressort aus. Hier lässt sich bei beiden Medien eine empathischere Berichterstattung beobachten. Die Artikel gehen verstärkt auf die Situation der Geflüchteten ein und schildern sie als Opfer des Krieges. Ungeachtet dessen lassen sich auch in den Kulturressorts einige aus Sicht der Autorin kritikwürdige Phänomene beobachten. So wird zumeist nur über Gruppen berichtet, ohne das Individuum zu betrachten. Auch wird zwar viel über  Geflüchtete berichtet, sie selbst kommen aber kaum zu Wort.

Wie können Journalisten dieser Problematik begegnen? Um diese Frage drehte sich die an Jutta Brennauers Vortrag anschließende Diskussion. Man müsse mehr für einen “konfliktsensiblen” Journalismus tun, sagt Sheila Mysorekar, die für die Deutsche Welle Akademie tätig ist. Zu ihrem Beruf gehört es, beim Aufbau funktionierender Mediensysteme in “Post-Konflikt-Ländern” (also Ländern, die kürzlich von bewaffneten Auseinandersetzungen betroffen waren) zu helfen und vor Ort Journalist/innen auszubilden. Für letztere ist es ungemein wichtig, “konfliktsensibel” zu berichten, also in einer Art und Weise, die geeignet ist, die schwelenden Konflikte im Land zu deeskalieren. Wie bei jedem seriösen Journalismus ist hier Faktentreue unabdingbar, sehr wohl können Journalist/innen aber ihre Präsentation der Fakten beeinflussen und z.B. durch Wortwahl und Ähnliches deeskalierend wirken. Mehr konfliktsensibler Journalismus täte auch Deutschland gut, darin sind sich Jutta Brennauer und Sheila Mysorekar einig. Denn in Deutschland und Europa sei der Journalismus mehr auf das Prinzip der “Aufmerksamkeitsökonomie” hin ausgerichtet, als auf Deeskalation. Oft werde hierzulande mit reißerischen Schlagzeilen und Berichten über negative Aspekte eines Themas die Aufmerksamkeit der Leser/innen erregt, denn das generiert die meisten Verkäufe, Klicks, Likes und damit letztlich das nötige Geld.

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, wäre es wichtig, sich für eine gute Bezahlung journalistischer Angebote einzusetzen (Bezahljournalismus). Die stärkere finanzielle Flexibilität würde Medienschaffende in die Lage versetzen, differenzierter und “gelassener” zu berichten, da sie sich dann nicht mehr durch schnelle und möglichst brisante und Aufmerksamkeit heischende Meldungen finanzieren müssten. Auch wäre die Steigerung der Vielfalt unter den Journalisten wünschenswert: Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund bringen verschiedene Blickwinkel in die Berichterstattung ein und sorgen so für ein differenzierteres, vollständigeres Gesamtbild. Ein gutes Beispiel liefert hier der WDR, der bereits in ein entsprechendes Förderprogramm investiert.

Im Anschluss an die Diskussionsrunde stellten sich die drei Diskutierenden, wie es bei den Kölner Mediengesprächen Tradition ist, den Fragen des interessierten Publikums, bevor der Abend bei Käse, Wein und angeregten Gesprächen ausklang.