“Weil wir Fußball so schön finden…”

Bei den Kölner Mediengesprächen am 17. Mai diskutierte Herbert von Halem mit Olaf Kupfer, Sportredakteur der Westdeutschen Zeitung, Martin Ammermann, Executive Director Sports bei Sportstadt Düsseldorf, und Dr. Jörg-Uwe Nieland vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster über die zunehmende Kommerzialisierung und politische Instrumentalisierung von Sportgroßereignissen – und die Probleme, die dadurch für den Sportjournalismus entstehen.

“Weil wir Fußball so schön finden…”

Bei den Kölner Mediengesprächen zu unserer Neuerscheinung “Großer Sport, große Show, große Wirkung?” wurde es voll auf unserer kleinen Bühne im Verlag: Mitherausgeberin Dr. Christiana Schallhorn führte mit einem kurzen Vortrag in das Thema des Buches und auch des Abends ein. Sportgroßereignisse, wie die diesjährige Fußball-WM in Russland, gewinnen immer stärker an gesellschaftlicher Bedeutung. Dies spiegelt sich unter anderem in den ständig wachsenden Teilnehmerzahlen wider – sowohl im Hinblick auf Athleten als auch auf Journalisten, die von den Ereignissen berichten. Mit der steigenden öffentlichen Aufmerksamkeit steigen natürlich auch die Einnahmen, etwa durch Vermarktung und TV-Übertragungsrechte. Dieser Effekt wird durch die mediale Inszenierung der Großereignisse noch verstärkt: Schon während der sportlichen Wettkämpfe erhält der Zuschauer heute Live-Informationen zum Geschehen und zu den Regeln des Wettkampfes. Mit umfangreicher Vor- und Nachberichterstattung, Analysen, Interviews mit Sportlern und anderen Akteuren wird es dem Zuschauer leicht gemacht, auch Sportarten zu verfolgen, die ihn sonst eher nicht interessieren – was die Reichweite von Sportgroßereignissen weiter steigert. Durch Identifikation mit Sportlern der eigenen Nation, das Zugehörigkeitsgefühl beim Public Viewing und durch andere sogenannte “Feel Good”-Effekte werden Sportgroßereignisse noch attraktiver für die Öffentlichkeit. Das geht soweit, dass Schattenseiten solcher Ereignisse – wie Doping-Skandale, Geldverschwendung oder auch Fälle wie die Verweigerung der Akkreditierung für den ARD-Doping-Experten Hajo Seppelt für die WM in Russland – kaum ins öffentliche Bewusstsein dringen. Angesichts solcher bedenklichen Entwicklungen müssen wir uns fragen: Wie viel “bunter, lauter, teurer” verträgt der Sport?

In der anschließenden Diskussionsrunde äußerten sich die Sport-Experten zu verschiedenen Aspekten rund um die Organisation, Inszenierung und journalistische Begleitung von Sportgroßereignissen: Martin Ammermann, der für die Organisation des Tour de France-Starts 2017 in Düsseldorf verantwortlich war, gab Einblicke in die Kalkulation des Projekts: Im Schnitt lasse jeder Zuschauer etwa 70 Euro in Düsseldorf. Neben solchen rein monetären Aspekten habe der Tour de France-Start der Stadt Düsseldorf aber auch viel Prestige und Bekanntheit eingebracht und sie als Standort attraktiver gemacht, so Ammermann. Sportjournalist Olaf Kupfer umriss für unsere Gäste, wie der Ablauf in der Redaktion durch Sportgroßereignisse, wie eben die Tour de France, beeinflusst wird.

Dass Sport auch sehr politisch sein kann, wurde ebenfalls deutlich, etwa am Beispiel des umstrittenen Treffens der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Die Fußball-WM 2022 soll in Katar stattfinden, einem Land, in dem die Menschenrechte vielfach missachtet werden. Ist dies vertretbar? Sollten wir etwas dagegen tun? Können wir etwas dagegen tun? Doch auch hier scheint das eingangs von Christiana Schallhorn beschriebene Phänomen zu greifen: Der Glanz des Sportgroßereignisses macht einen großen Teil, wenn nicht gar die Mehrheit der Zuschauer, für die problematischen Aspekte des Ereignisses blind – weil wir Fußball so schön finden.