Noch eine Frage bitte, Herr Eberwein!

Tobias Eberwein über sein Buch "Literarischer Journalismus"


Von Herbert von Halem am 2. Dezember 2013

Noch eine Frage bitte, Herr Eberwein!

1. Was ist Literarischer Journalismus?

Literarischer Journalismus ist eine besondere Spielart journalistischer Kommunikation, die sich vom gängigen Nachrichtenjournalismus abgrenzt. Sie zeichnet sich aus durch besondere Merkmale wie Immersion, Präzision, Subjektivität, einen Fokus auf Alltagsthemen und oft kunstvolle dramaturgische und sprachliche Gestaltung. Allerdings führt der Begriff „literarisch“ häufig zu Missverständnissen. Literarischer Journalismus ist eben nicht als Einladung zur Verfälschung oder Fiktionalisierung gesellschaftlicher Wirklichkeit zu begreifen. Er basiert genauso wie herkömmlicher Journalismus auf Fakten, die in meist sehr aufwändigen Rechercheprozessen zusammengetragen werden. Er bereitet diese Fakten nur anders auf – häufig mit erzählerischen Mitteln, die die Aufnahme beim Rezipienten erleichtern können.

2. Warum ist Literarischer Journalismus ein aktuelles Thema?

Viele Printmedien – Zeitungen wie Zeitschriften – kämpfen derzeit ums blanke Überleben, weil ihre ökonomische Grundlage in Zeiten des free content ins Wanken gerät. Das Konzept des Literarischen Journalismus kann den angeschlagenen Verlagen einen Ausweg aus der Krise weisen. In den vergangenen Jahren hat sich nämlich gezeigt, dass die Blätter, die verstärkt auf gut recherchierte und erzählte Geschichten setzen, recht ordentlich am Markt bestehen konnten. Denken Sie nur an Publikationen wie die „Zeit“ oder die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“! Deren Auflage ist auch in Krisenzeiten stabil, weil sie eben nicht nur auf möglichst schnelle Nachrichtenvermittlung aus sind, sondern auch mal mit ihren Darstellungsformen spielen. Diese Beispiele zeigen: Literarischer Journalismus kann auch ein Verkaufsargument sein, ein Alleinstellungsmerkmal, das am Markt offenbar nachgefragt wird.

3. Für Ihr Buch haben Sie Interviews mit Autoren geführt, die dem Neuen Literarischen Journalismus zugerechnet werden können. Welches Interview hat Sie maßgeblich in dem Eindruck bestärkt, dass der Literarische Journalismus in Deutschland künftig eine größere Bedeutung erlangen könnte?

Unter den Reportern, mit denen ich gesprochen habe, herrschte große Einigkeit darüber, dass der erzählende, hintergründige Journalismus der Journalismus der Zukunft ist. Da ist es gar nicht notwendig, ein einziges Interview besonders hervorzuheben. Als Tenor der Gespräche kristallisierte sich heraus: Literarischer Journalismus ist eine sinnvolle, notwendige Alternative zum Nachrichtenticker-Journalismus, der gegenwärtig auf vielen Newssites im Internet dominiert. Notwendig deshalb, weil ein entschleunigter und einordnender Journalismus viel besser dazu beitragen kann, die Komplexitäten der Welt, in der wir leben, verstehbar zu machen. Dieses Argument finde ich sehr einleuchtend, denn genau das Ziel der Einordnung fehlt vielen herkömmlichen Nachrichtenmedien. Dem Rezipienten wird eine Unzahl an Einzelinformationen geboten. Aber was diese Informationen bedeuten, erklärt ihm niemand! Genau hier kann Literarischer Journalismus für einen Kontrapunkt sorgen. Er kreiert Sinn in einer ansonsten oft unverständlich erscheinenden Gegenwart.

4. Als Verlag interessiert uns natürlich auch der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse an eine fachspezifische, aber auch eine darüber hinaus reichende Öffentlichkeit. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die von Ihnen gewonnenen Erkenntnisse in den praktischen Journalismus zu überführen?

Journalismus- und Medienforschung wird in vielen Redaktionen häufig als realitätsfern wahrgenommen. Das finde ich schade, denn letztlich ziehen wir ja am gleichen Strang: Es geht uns darum, Entwicklungsperspektiven für journalistische Akteure aufzuzeigen – auch um den Journalismus der Zukunft ein bisschen besser zu machen. Ich glaube, dass das Konzept des Literarischen Journalismus viele Ansatzpunkte bietet, um diesem Ziel einen Schritt näher zu kommen. Meine bisherigen Gespräche mit Journalisten haben mich in diesem Eindruck bestärkt. Darauf lässt sich aufbauen – zum Beispiel im Rahmen von Seminaren und Workshops. Die Fragen, die ich in meinem Buch diskutiere, sind für den redaktionellen Alltag ja von direkter Relevanz. Daher ist mir der weitere Austausch darüber sehr wichtig.