Noch eine Frage bitte, Frau Schönhagen und Herr Meißner

In ihrem Buch "Kommunikations- und Mediengeschichte" geben Philomen Schönhagen und Mike Meißner einen Überblick über grundlegende Strukturen der Entwicklung gesellschaftlicher Kommunikation und der dafür genutzten Medien

Noch eine Frage bitte, Frau Schönhagen und Herr Meißner

In Ihrem Vorwort machen Sie darauf aufmerksam, dass Ihre Darstellung der Kommunikationsgeschichte nur eine mögliche ‚Erzählung‘ ist und auch andere Darstellungen möglich wären. Was zeichnet Ihre Darstellung aus?

Philomen Schönhagen: Zum einen, dass sie zeitlich sehr umfassend ist, da wir von der frühen Menschheitsgeschichte bis zu den digitalen Medien die gesamte Entwicklung gesellschaftlicher Kommunikation in den Blick nehmen und dabei auch alle Massenmedien einbeziehen – also zum Beispiel nicht nur die Pressegeschichte behandeln, was ja in manchen Darstellungen der Fall ist. Vor allem aber ist sicher speziell, dass sie auf einer theoretischen Basis fußt, dem vermittlungstheoretischen Ansatz und dem Konzept der Rationalisierungsprozesse, das damit verbunden ist. Und sich nicht nur an technischen oder an gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen orientiert, sondern der Frage nachgeht, wie eigentlich der gesamtgesellschaftliche Austausch mit welchen Medien zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Gesellschaften zustande gekommen ist oder organisiert wurde.

Mike Meißner: Zudem exisitiert auch keine solche Gesamtdarstellung zur Schweiz bisher, bzw. keine Darstellung, die durchgängig die Schweiz berücksichtigen würde.

Das grundlegende Verständnis von Kommunikation, Medien und Gesellschaft spielt eine wichtige Rolle für die Systematik und die Chronologie Ihrer Darstellung. Wie nähern Sie sich diesem Verhältnis?

Meißner: Da kann man an der vorherigen Antwort anschließen, wir nähern uns mit dem erwähnten theoretischen Hintergrund, der die Vermittlung gesamtgesellschaftlicher Kommunikation fokussiert. Das heißt, sie fand zunächst in Versammlungen statt, was aber in modernen Gesellschaften nicht mehr möglich war bzw. ist. Deswegen war es notwendig, eine andere Lösung zu finden. Das war zunächst die Kommunikation über Distanz, die dann weitere Entwicklungen in Gang gesetzt hat, die schließlich zu Journalismus und zu Massenmedien führten. Eben auch über die erwähnten Rationalisierungsprozesse. Erst Journalismus und Massenmedien ermöglichten in modernen Gesellschaften diesen umfassenden gesellschaftlichen Austausch.

Schönhagen: Da Sie auch nach der Chronologie gefragt haben, neben diesem eher systematischen Herangehen verfolgen wir auch eine chronologische Darstellung, mit einer Ausnahme: Wir haben den ‚Film‘ zusammen mit dem ‚Fernsehen‘ in einem Kapitel untergebracht.

Sie geben am Ende Ihres Buches einen ‚Ausblick vor dem Hintergrund der Digitalisierung‘. Wie kann Ihre Darstellung der Kommunikations- und Mediengeschichte helfen, die starken gesellschaftlichen Veränderungen zu verstehen, die mit der zunehmenden Digitalisierung einhergehen?

Schönhagen: Ich würde sagen, dass generell natürlich eine historische Perspektive den Blick schärft für Einmaliges und Wiederkehrendes. Unsere Darstellung zeigt speziell die ganz zentrale Rolle des Journalismus für den kommunikativen Austausch in modernen Gesellschaften. Und zwar unabhängig vom jeweiligen Medium, ob es sich um Presse handelt oder Rundfunk oder eben um eine Online-Verbreitung. Insofern unterstreicht unsere Darstellung die Bedeutung des Problems, dass die neue Plattformlogik den Journalismus bedroht.

Meißner: Durch diese Bedrohung des Journalismus ist auch die uns aktuell zur Verfügung stehende Lösung für den gesamtgesellschaftlichen Austausch bedroht.

 

Redigierte Transkription des Interviews mit Philomen Schönhagen und Mike Meißner vom 28. Mai 2021. Hier geht es zum Interview bei YouTube.