Sie beschreiben, wie der Sportjournalismus zuletzt in starke Bedrängnis gerät. Was verstehen Sie unter der sogenannten ›Abwärtsspirale des Sportjournalismus‹? (Was verstehen Sie unter der „Abwärtsspirale des Sportjournalismus“?)
Sinkende Erlöse und Reichweiten führen zu Einsparungen in den Redaktionen. Dadurch fehlen Zeit und Personal für Recherche, Einordnung und Qualitätskontrolle. Die Berichterstattung konzentriert sich zunehmend auf reichweitenstarke Themen, vor allem den professionellen Männerfußball, und auf kostengünstig produzierbare Inhalte.
Damit nehmen Vielfalt und journalistische Eigenständigkeit ab. Die Abhängigkeit von Agenturmaterial, Pressemitteilungen und vereinseigenen Medien wächst. Sinkende Qualität schwächt wiederum Vertrauen, Zahlungsbereitschaft und Reichweite – und verschärft so den ökonomischen Druck. Darin besteht die Abwärtsspirale.
Welche Aspekte dieser Abwärtsspirale sind vor dem Hintergrund seiner einzigartigen Genese spezifisch für den Sportjournalismus? (Was daran ist spezifisch für den Sportjournalismus?)
Der Sportjournalismus ist historisch in enger Verbindung mit dem organisierten Sport entstanden. Er war nicht nur Beobachter, sondern auch Förderer und Popularisierer. Bis heute bewegt er sich deshalb zwischen Information, Unterhaltung, Service und kritischer Kontrolle.
Zugleich ist er besonders abhängig von Zugängen zu Vereinen, Verbänden und Athleten. Diese produzieren inzwischen eigene Medieninhalte und umgehen damit den unabhängigen Journalismus. Sportjournalisten sollen Organisationen kritisch kontrollieren, sind aber auf deren Kooperation angewiesen. Hinzu kommt die historisch gewachsene Konzentration auf Stars, Wettbewerb und Männerfußball, die andere Sportarten und gesellschaftliche Perspektiven häufig verdrängt.
Welche künftigen Entwicklungen erwarten Sie mit Blick auf die beschriebenen Herausforderungen und Paradoxien des Sportjournalismus? (Welche künftigen Entwicklungen erwarten Sie?)
Standardisierte Inhalte wie Ergebnisse, Statistiken oder kurze Spielberichte werden zunehmend automatisiert und durch KI erstellt. Der besondere Wert des Journalismus liegt deshalb künftig stärker in Recherche, Einordnung, Kritik und Orientierung.
Ich erwarte eine Polarisierung: Auf der einen Seite entstehen große Mengen schneller, personalisierter und automatisierter Inhalte. Auf der anderen Seite können hochwertige Angebote mit investigativer Recherche, Expertise, lokaler Kompetenz und narrativer Qualität an Bedeutung gewinnen.
Entscheidend wird sein, Vielfalt zu erhöhen und traditionelle Selektionsmuster zu überwinden. Sportjournalismus muss Aufmerksamkeit erzeugen, ohne sich der Aufmerksamkeitslogik vollständig zu unterwerfen, und Nähe herstellen, ohne seine kritische Distanz zu verlieren.


