Alte Bekannte: Warum Henri Nannen nicht den Stern erfand

Alte Bekannte: Warum Henri Nannen nicht den Stern erfand

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler Tim Tolsdorff seine 600 Seiten starke Dissertation und erzeugte damit ein großes Medienecho. Unter dem Titel Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern stellte er die Ergebnisse seiner über drei Jahre hinweg andauernden Recherchen vor. Kernpunkt der Arbeit für den in Berlin lebenden Historiker mit den Arbeitsschwerpunkten „Medien im NS-Regime und in der Nachkriegszeit“ und „Propagandistische und ideologische Instrumentalisierung der Illustriertenpresse“ war dabei die Dekonstruktion des bis heute kursierenden Mythos, Henri Nannen habe in der Nachkriegszeit die Illustrierte stern erfunden. Vielmehr war es so, dass Nannen zu großen Teilen das Konzept einer Illustrierten übernahm, die bereits bis Ende 1939 in Berlin als erfolgreiches Produkt der NS-Propaganda erschien. Tolsdorff kann nachweisen, dass der Relaunch der beiden Illustrierten das Ergebnis eines nach wirtschaftlichen, pressepolitischen und markenrechtlichen Kriterien gesteuerten Ausleseprozesses war.

Belastete Vergangenheit, verklärte Geschichte – der Medienmythos Stern: Am 18. Juni 2015 trafen sich auf dem Verlagspodium der Autor Tim Tolsdorff, der Professor für Kommunikationswissenschaft und Dekan der Philosophischen Fakultät in Erfurt Patrick Rössler sowie der Gründungsdirektor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, Dokumentarfilmer und Autor Lutz Hachmeister. Unter der Moderation von Herbert von Halem erörterte die Diskussionsrunde das Thema und versuchte Licht in die spärlich ausgeleuchteten Ecken der deutschen Mediengeschichte vor und nach 1945 zu bringen. Einen einführenden Vortrag hielt Prof. em. Dr. Horst Pöttker von der TU Dortmund, Journalismushistoriker und Doktorvater des Autors Tim Tolsdorff.

Horst Pöttker, der auch Herausgeber der Schriftenreihen Journalismus International, Öffentlichkeit und Geschichte und der Online-Zeitschrift r:k:m ist, würdigte in seinem Vortrag den stern als einen der wichtigsten Faktoren des Demokratisierungsprozesses im Nachkriegs-Deutschland. Mittels umfangreichen Bildmaterials belegte er die inhaltlichen, grafischen und personellen Ähnlichkeiten und Verbindungen zwischen dem Stern der Jahre 1939/39 und dem stern ab dem Relaunch 1948. Das Aufdecken der wahren „Gründungsgeschichte“ sei für ihn ein deutlicher Beleg für die Wichtigkeit einer „unerschrockenen Wissenschaft“.

Der einleitende Vortrag von Horst Pöttker ist hier nachzulesen.

Tim Tolsdorff bezeichnete die Recherchen als sehr schwierig in der Umsetzung. Es habe seitens des Verlages Gruner + Jahr keinerlei Kooperationen gegeben. Erst durch die Ermittlung des Aufenthaltes von Ursula Marquardt-Beckmeier, Mitglied des ehemaligen Redaktionsteams und Erfinderin des stern-Logos, habe sich Licht ins Dunkel bringen lassen. Die zunächst subjektiv empfundenen auffälligen Ähnlichkeiten stellten sich nun als von Henri Nannen bewusst herbeigeführte Übernahmen der damals volksbekannten Marke „Stern“ dar. Die Seitengestaltung, Einführung serienhafter Rubriken und der Bildjournalismus als entscheidende Ressource und Erfolgskomponente, das ganze redaktionelle Korsett, erwiesen sich als deckungsgleich. Als weiteren Hinweis zu Verletzungen des Urheberrechtes nannte Tolsdorff das zu Beginn unreflektierte Abtippen von Artikeln aus anderen Verlagen oder Agenturen der damaligen Zeit. Ebenso unreflektiert sei Nannen wohl mit der nazifreundlichen Ausrichtung des alten Stern umgegangen, der als Propaganda-Instrument zur Einschwörung als schicksalshafte „Volks- und Opfergemeinschaft“ der Deutschen benutzt worden sei.

Patrick Rössler beschreibt Zeitungsmache seit jeher als evolutionären Prozess, eine Orientierung an bestehenden Standards bei Layout und Bildgestaltung der damaligen Zeit kann hier nicht als verwerflich bezeichnet werden – sich entgegen der Wahrheit als Erfinder auszugeben jedoch schon. So sei der neue stern nicht zwingend plagiiert worden, sondern schlicht Ausdruck des Stils der illustrierten Zeitschriften dieser Zeit. Bis 1939 habe es selbst für die im Deutschen Reich erschienenen amerikanischen Publikationen durchaus Bewunderung und Begeisterung gegeben. Die aus dem Vorkriegs-Stern bekannte Mischung aus Politik und Unterhaltung in ausgeprägter Bildersprache sei hier als die eigentliche Innovation zu verstehen. Stern-Nachfolger sei die Zeitschrift Erika, die bis 1942/43 als Propaganda-Magazin an der Front verteilt wurde. Die wahre Innovation im Nachkriegs-stern sei die durch Nannen initiierte investigative Form des Journalismus gewesen, auch dabei seien Bilder als entscheidendes Instrument verwendet worden. Es wurden eigens Fotografen für entsprechend eindrucksvolle Bilder bezahlt.

Lutz Hachmeister, der auch Publikationen und Dokumentarfilme zur Zeit- und Mediengeschichte, u. a. Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, Schleyer – Eine deutsche Geschichte und Das Goebbels-Experiment veröffentlichte, beantwortete die Frage, warum stern den Gründungsmythos noch bis vor Kurzem aufrecht erhielt, mit der Begründung, dass der „Krupp-Stahl“ des deutschen Nachkriegsjournalismus nicht daran rütteln wollte. Es sei ein Versuch gewesen, sich nicht mit der eigenen Nazi-Vergangenheit zu beschäftigen, wie er nicht ungewöhnlich sei – auch wenn stern nun die belastete Vergangenheit annähme, weiterhin würden sich erfolgreiche Betriebe wie z. B. Boss schwer tun, die eigene faschistische Vergangenheit an die Öffentlichkeit zu bringen. Das Beispiel Tolsdorff solle weiter Schule machen, es gäbe noch viel zu erforschen in der Zeitungsgeschichte.

Im Anschluss an die Diskussion entspann sich ein Dialog mit dem Publikum. Ein anwesender Stern-Journalist gab wieder, wie er die Haltung bei Gruner + Jahr empfindet: Warum überhaupt von einem „Gründungsmythos“ die Rede sei. Die Vergangenheit sei in der Redaktion nicht mehr spürbar. Schließlich sei es normal, sich zu orientieren und inspirieren zu lassen, eine Verschwörungstheorie existiere nicht. Der Geschichtenerzähler Nannen sei getrieben gewesen, Journalismus realistisch und lebensnah zu vermitteln, so seien auch die Bildstrecken zur DNA des stern geworden. Wenn es einen Mythos gäbe, so mache Nannen diesen selbst aus. Sein Lebenswerk sei durch die gegenteiligen Behauptungen in Frage gestellt. „Nannen war ein journalistischer Instinktmensch“ formulierte es Patrick Rössler. Das war Rudolf Augstein ebenfalls und auch nicht der Erfinder des Spiegels, bemerkte eine Stimme aus dem Publikum. Im Gegensatz zu Nannen aber habe dieser das auch nie behauptet.

Links

Gruner + Jahr weicht der Wahrheit um Henri Nannen aus. Von Peter Turi

„Zur Ehrlichkeit braucht es mehr“. Interview mit Stephanie Nannen

Rezension bei H/SOZ/KULT

Die braunen Wurzeln des „Stern“. Beitrag von Tim Tolsdorff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung