Philipp Scheid

Raum/Akteure

Inszenierte Landschaften in den frühen Filmen von Wim Wenders

Ein Mädchen folgt mit dem Fernrohr der Flugbahn einer Möwe durch die Straßenschluchten von New York (“Alice in den Städten”, 1974); auf dem Gipfel der Zugspitze gesteht sich ein junger Schriftsteller ernüchtert den Fehlgang seiner Dichterreise ein (“Falsche Bewegung”, 1975); ein Berufsnomade erkundet mit einem wortkargen Reisegefährten das terrain vague der innerdeutschen Grenzregion (“Im Lauf der Zeit”, 1976) und ein Filmteam ‘strandet’ in einer ruinösen Hotelanlage an der portugiesischen Atlantikküste (“Der Stand der Dinge”, 1982): Landschaften nehmen im Œuvre von Wim Wenders seit jeher einen besonderen Stellenwert ein. Die Dissertation nimmt diese Beobachtung zum Anlass, um anhand früher Werkbeispiele aus der Epoche des Neuen Deutschen Films eingehender über die Funktion der filmischen Landschaft als künstlerisch inszenierter Handlungsraum nachzudenken.

Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die These, dass die Landschaftsaufnahmen in den behandelten Fallstudien ihre ursprünglich dramaturgische Funktion (z. B. die Etablierung eines neuen Handlungsortes) erweitern und eine Präsenz erreichen, die ihnen einen nahezu autonomen Bildstatus verleiht. In ausführlichen Filmanalysen wird die Bedeutung der verschiedenen Landschaftstypen im Kontext der jeweiligen Filmerzählung untersucht und ihren bildlichen Traditionen in den Medien Malerei, Fotografie und Film nachgespürt. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Arbeit dabei den Modalitäten des filmischen Blicks: Wie ist das Verhältnis von Landschaft und Figur beschaffen? Welche Rolle übernimmt die Kamera bei der Produktion von Räumlichkeit? Welche Mittel stehen dem Aufnahmeapparat zu Gebote, um das Bild der Landschaft künstlerisch zu überformen?

Die jeweilige Bedeutung, die der Stadt, Kulturlandschaft oder Wildnis in den behandelten Filmen zukommt, regt schließlich die Überlegung an, inwiefern die Spielfilme auf Konzepte und künstlerische Strategien zeitgenössischer Kunstformen (Fotografie, Land Art, Städtebau) reagieren, um nicht zuletzt auf nationaler Ebene kulturelle Umcodierungen von überkommenen, vornehmlich aus der Geistesströmung und dem Bilderreservoir der deutschen Romantik sich herleitenden Landschaftsauffassungen vorzunehmen.

Die Dissertation leistet mit dieser interdisziplinären Fragestellung nicht nur einen Beitrag zur anhaltenden Raum-Debatte in den Geisteswissenschaften, sie versteht sich darüber hinaus als Exempel einer genuin kunstwissenschaftlichen Annäherung an den Film.

AUTOREN / HERAUSGEBER

Philipp Scheid

Philipp Scheid, geb. 1985, Dr. des., Studium der Kunstgeschichte, Archäologie, Germanistik, Vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaften in Bonn. Von 2012 bis 2017 Lehre am Kunsthistorischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, von 2013 bis 2015 Graduiertenstipendium zur Förderung der Dissertation. Seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-Universität Marburg. Forschungsschwerpunkte sind Geschichte und Ästhetik der sog. Neuen Medien, das Verhältnis von Kunst und Populärkultur, Darstellungen der Bild-Betrachter-Relation, Landschaftskunst und Raumtheorien. ...


Raum/Akteure
  • 2018
  • 344 S., 54 Abb., 213 x 142 mm, dt.
  • ISBN 978-3-86962-306-1
  • Dieser Titel erscheint am:
  • 09/01/2019