Ringvorlesung “Skandal und die Medien” Tübingen


Von Karina Selin am 15. April 2011

Der Skandal und die Medien – die Tübinger Medienwissenschaft bietet eine öffentliche Ringvorlesung mit prominenten Gästen an.

Welche Ereignisse lösen öffentliche Empörung aus, welche nicht? Wie wird der Prozess der Skandalisierung von den Betroffenen erlebt? Was verrät der Eklat über den Moralkodex einer Gesellschaft?

Diese Fragen werden in einer öffentlichen Ringvorlesung der Tübinger Medienwissenschaft behandelt – Antworten und Forschungsergebnisse liefern Vertreter aus Wissenschaft und Praxis. So berichtet der Spiegel-Redakteur Sebastian Knauer über die Barschel-Affäre, die zum Sturz des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten führte. Der PR-Berater Dietmar Ecker erläutert, wie Krisenmanagement unter Extrembedingungen funktioniert – und welche Strategien er anwendete, um zu verhindern, dass das Entführungsopfer Natascha Kampusch auch ein Opfer der Presse wurde. Der Autor Rainer Nübel, Mitglied der Reportageagentur Zeitenspiegel, schildert die Schwierigkeiten einer Enthüllungsrecherche in der eigenen Nahwelt und analysiert das stets prekäre Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz. Der Krisenberater Frank Roselieb zeigt, welchen Beitrag die Krisenforschung zur Skandalbewältigung liefern kann. Prof. Klaus Kocks, ehemals Kommunikationsvorstand bei VW, spricht über das sogenannte “Fukushima-Paradox” (“das Unfassbare fassen sollen, das Unsägliche sagen wollen”). Und der ehemalige Chefredakteur (VOX) und heutige Berater Klaus-Peter Schmidt-Deguelle analysiert den Skandal in der Politik – unter den Bedingungen des Medienhypes in der Hauptstadt. Abschließend sprechen die profilierten Medienforscher Professor Hans Mathias Kepplinger (Mainz) und Professor Georg Franck (Wien) über Mechanismen der Skandalisierung.

Der Tübinger Medienwissenschaftler und Organisator der Vorlesungsreihe, Professor Bernhard Pörksen, sagt: “Der Skandal ist längst allgegenwärtig. Und die Beobachtung von Skandalisierungsprozessen erlaubt es, das moralische Nervenkostüm einer Gesellschaft zu studieren. Im Moment der öffentlichen Empörung erkennen wir, was gilt oder doch gelten sollte. Im Skandalschrei offenbaren Einzelne oder auch ganze Nationen ihr Verständnis von Normalität.”

Die Veranstaltungsreihe ist öffentlich, Interessierte sind herzlich willkommen! Die Termine: Ab 21. April 2011, jeweils donnerstags, 18-20 Uhr, Kupferbau, Hölderlinstraße 5, 72074 Tübingen.