Noch eine Frage bitte, Herr Tolsdorff

Tim Tolsdorff über sein Buch "Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern"

Noch eine Frage bitte, Herr Tolsdorff

1. Hat Henri Nannen den Stern erfunden?

Nein. Die Darstellung, dass es sich bei der Gründung des Blattes im Sommer 1948 um einen journalistischen Geniestreich Nannens handelte, ist ein Mythos, der auf den Erzählungen einiger weniger Stern-Veteranen beruht. Treffender kann man Henri Nannen als einen der Wiederbegründer der Marke Stern bezeichnen. Bereits in den Jahren 1938 und 1939 hatte es im Deutschen Reich eine Illustrierte gleichen Namens gegeben, für deren Konzeption der Journalist Kurt Zentner und der Verlagsmanager Carl Jödicke verantwortlich zeichneten. Auf Anraten und mit Hilfe Jödickes, der ab 1947 als Geschäftsführer im selben Hannoveraner Zeitungsverlag arbeitete und einige fähige Fachleute aus Vorkriegszeiten rekrutierte, reanimierte Henri Nannen die vor dem Krieg überaus populäre Marke Stern.

2. Wo liegen die Kontinuitäten zwischen dem ›ersten Stern‹ und dem Stern von Henri Nannen?

Zahlreiche Kontinuitäten auf personeller Ebene – sogar der eigentliche Stern-Erfinder Kurt Zentner reüssierte für einige Monate als Nannens Stellvertreter – manifestierten sich in frappierenden Ähnlichkeiten bei der Gestaltung des Logos und der Titelblätter. Dieser Befund setzt sich in den Heften fort – so übernahm Nannens Redaktion fast unverändert ganze Rubriken als visuell-inhaltliche Korsettstangen, um die in den Hinterköpfen der Leser schlummernden Erinnerungen an das Vorkriegsblatt zu aktivieren. Berichte über Stars und Sternchen der Populärkultur dominierten hier wie dort das Blatt. Während der alte Stern aber den nationalsozialistischen Gesellschaftsentwurf der ›Volksgemeinschaft‹ propagierte, bediente der neue Stern die Bedürfnisse einer ›Opfergemeinschaft‹, als deren Mitglieder sich viele Deutsche in den Nachkriegsjahren sahen.

3. Inwiefern würden Sie die Geschichte und Arbeit des Stern und von Henri Nannen mit den von Ihnen gewonnenen Erkenntnissen neu bewerten?

Zweifelsohne war Henri Nannen einer der prägenden Journalisten der jungen Bundesrepublik. Ein zeitgemäßes journalistisches Ethos aber musste er erst entwickeln. Zeitgenossen berichten auch von eher bedenklichen Eigenschaften: von Opportunismus, von der Neigung zur Übernahme fremder Ideen und vom Drang zum Ausschmücken seiner Erzählungen. Letzteres resultierte in einer mythisierenden Version der Stern-Gründung, bei der sowohl der Input anderer Protagonisten als auch publizistische Irrungen über Bord gingen. Wirtschaftliche Überlegungen spielten in den Anfangsjahren der Zeitschrift eine wesentlich größere Rolle als die Erziehung der Deutschen zur Demokratie. Nannen und seine Mitarbeiter erfüllten manches Mal mit tendenziösen Tatsachenberichten die Erwartungen der Leser oder ließen sich von rechten Netzwerken instrumentalisieren. Ausnahmen bestätigten die Regel, wie eine Reportageserie von Michael Heinze-Mansfeld über die menschenunwürdigen Zustände in der hessischen Klinik Eichberg bewies. Mit diesem Stück etablierte Nannen die investigative Berichterstattung auch gegen den Willen restaurativer Kräfte.

4. Warum war der Stern Ihrer Meinung nach im Nachkriegsdeutschland so erfolgreich?

Bis zum Sommer 1948 hatten die Briten vor allem Zeitschriften belehrender Natur lizenziert, die Leser aber gierten nach Unterhaltung. Illustrierte hatten angesichts dieser Konstellation gute Entwicklungschancen – trotz der Währungsreform und des 1949 folgenden Wegfallens der Lizenzpflicht. In den schwierigen Anfangsmonaten zahlte sich die Übernahme der Marke aus Vorkriegszeiten aus: Schon im September 1948 erreichte man Auflagenzahlen von über 200.000 Exemplaren. Konsequent setzte die Redaktion auf Skandale, Sensationen und Personalisierung. Zu guter Letzt bediente man in den ersten Jahren des Erscheinens konsequent die Anliegen großer gesellschaftlicher Gruppen wie der Kriegsheimkehrer, der Vertriebenen oder all jener, die sich als Opfer der Umstände sahen.

5. Welche Impulse erhoffen Sie sich von Ihrer Arbeit für die Wissenschaft, aber auch für den Umgang des Journalismus mit seiner Geschichte im Dritten Reich?

Ich hoffe, dass die stillschweigende Übernahme fremder Ideen im Journalismus über historische Zäsuren hinweg näher beleuchtet wird. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass auf der berufsbiografischen Ebene mehr als bisher zu den Protagonisten in der dritten oder gar vierten Reihe geforscht wird, den Funktionseliten im NS-Regime. Ob es das Geld ist, die Angst vor dem Terror, die Versorgung der Familie oder schier Karrieredenken: Um zu verstehen, was aus Journalisten Propagandisten machte, ist eine nüchterne Analyse ihrer Motive, ihres Werdegangs sowie ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen notwendig. Dies gilt aus meiner Sicht bedingt auch für die heutige Zeit, in der gerade freie Journalisten dazu getrieben werden, PR zu machen oder ihre Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen, um sich über Wasser zu halten. Letztlich ist die aktuelle Krise des Journalismus eine Gefahr für den Pluralismus in unserem Land.

6. Gerne werden die illustrierten Magazine der Weimarer Republik als Vorbild heutiger Zeitschriften herangezogen; die Jahre der NS-Diktatur hingegen bleiben unerwähnt. Aber was haben all die Journalisten und Grafiker, die in der Weimarer Republik und dann wieder im Nachkriegsdeutschland für diese Zeitschriften gearbeitet haben, in den Jahren 1933 bis 1945 gemacht?

Unter Verlagschronisten und Historikern ist die Auffassung weit verbreitet, dass die erfolgreichen Illustriertenmacher der Nachkriegszeit an die große Zeitschriftentradition der zwanziger Jahre anschlossen. Damit würden die Jahre der NS-Diktatur gleichsam als schwarzes Loch ohne jede kreative Leistung verbucht. Gerne wird übersehen, dass nach 1933 in den ›gleichgeschalteten‹ Verlagen weiterhin viele fähige Redakteure und Gestalter tätig waren, die sich mit dem Regime arrangierten. Darunter waren auch viele Nachwuchskräfte wie Henri Nannen, die – oftmals hoch motiviert und ideologisch indoktriniert – die von aussortierten jüdischen oder politisch missliebigen Mitarbeitern hinterlassenen Lücken füllten. Nach dem Krieg, den nicht wenige der Medienschaffenden in den Propagandakompanien erlebten, brachten viele von ihnen trotz der Entnazifizierungsbestimmungen ihr Fachwissen bei den neuen Illustrierten ein und bestimmten die öffentliche Agenda – so auch beim ›Stern‹.

Das Buch Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern. Zwei deutsche Illustrierte und ihre gemeinsame Geschichte vor und nach 1945 erscheint im Frühjahr 2014 im Herbert von Halem Verlag.

VORTRAGENDE / DISKUTANTEN

Tim Tolsdorff

Tim Tolsdorff, Dr. phil., Jahrgang 1977, begann seine journalistische Laufbahn im Jahr 1995 bei der Honnefer Volkszeitung, der damals kleinsten unabhängigen Tageszeitung Deutschlands. Seit 2002 lebt er in Berlin, ist dort als Historiker und als leitender Redakteur bei Axel Springer tätig. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin, schloss ein Volontariat bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung in Potsdam ab und promovierte anschließend an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Technischen Universität Dortmund. Seine Arbeitsschwerpunkte: Die Medien im NS-Regime und in der Nachkriegszeit, propagandistische und ideologische Instrumentalisierung der Illustriertenpresse sowie journalistische Biografien. ...