Kölner Mediengespräche: Informationslücken und Medienhypes

Prof. Dr. em. Hans Mathias Kepplinger stellte uns am 29. Juni die Ergebnisse seiner Studie "Totschweigen und Skandalisieren" vor.


Von Julian Pitten am 3. Juli 2017

Kölner Mediengespräche: Informationslücken und Medienhypes

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ So ist es unter Ziffer 1 des Pressekodex des Deutschen Presserates festgelegt. Aber erfüllen deutsche Journalisten diesen Anspruch auch wirklich? In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die daran zweifeln und von „Lügen“- oder zumindest „Lückenpresse“ sprechen. Tatsächlich kommt es vor, dass die Berichterstattung in diversen Fällen fehler- und/oder lückenhaft ist. Aber liegt hier eine Absicht zugrunde? Wie denken Journalisten selbst über ihre Fehler? Zu dieser Frage referierte Prof. em. Dr. Hans Mathias Kepplinger am 29. Juni bei den Kölner Mediengesprächen.

Kepplingers Vortrag und sein zeitgleich erscheinendes Buch Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken stellen die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von 300 Journalisten aus den Redaktionen deutscher Tageszeitungen vor. Die Teilnehmer wurden zu acht konkreten Verstößen gegen journalistische Berufsnormen befragt, bei denen ihre Kollegen entweder durch verfälschte Berichterstattung Skandale provoziert oder aber der Öffentlichkeit relevante Informationen verschwiegen hatten. Die befragten Journalisten sollten Angaben dazu machen, inwieweit sie das Totschweigen oder Skandalisieren in den geschilderten Einzelfällen für akzeptabel halten. Zudem wurden sie danach gefragt, wie sehr sie Argumenten für und wider das Skandalisieren beziehungsweise Totschweigen zustimmen.

Eines der in der Befragung genannten Fallbeispiele, auf das der Autor auch während seines Vortrags einging, ist die Berichterstattung über einen angeblichen „Putin-Hitler-Vergleich“ Wolfgang Schäubles aus dem Jahr 2014: Schäuble verglich während einer Disskussionsrunde zunächst den möglichen Anschluss der Ukraine an Russland mit der Besetzung des Sudetenlandes durch Hitler und äußerte sich mit Bezug auf die Annexion der Krim durch Russland auch über Putin, allerdings wurde in der Presse aus diesen zwei voneinander unabhängigen Aussagen Schäubles ein Skandal um einen angeblichen Putin-Hitler-Vergleich, den Schäuble so nie geäußert hatte. Hier liegt klar ein journalistisches Fehlverhalten vor, das mit Ziffer 1 des Pressekodex nicht in Einklang zu bringen ist.

Wie viel Akzeptanz findet ein solches Fehlverhalten bei den befragten Journalisten? Anhand von insgesamt fünf Fällen von Skandalisierung und den jeweils gemachten Angaben zur Akzeptanz des Fehlverhaltens in diesen Fällen wurden Durchschnittswerte berechnet, anhand derer sich die befragten Journalisten in „Gegner“ und „Befürworter“ von Skandalisierungen, sowie eine Gruppe indifferenter Journalisten einteilen ließen. Das Ergebnis: Die Gruppe der Befürworter von Skandalisierung ist zwar nur klein, allerdings ist die Gruppe indifferenter Journalisten, die Skandalisierung mal akzeptieren und mal ablehnen, fast genauso groß wie der Anteil entschiedener Gegner dieser Praxis.

Eine ähnliche Bilanz zieht Kepplinger im Bezug auf das „Totschweigen“, also das bewusste Unterschlagen von für die Öffentlichkeit relevanten Informationen. Ein Fallbeispiel für dieses journalistische Fehlverhalten ist die kaum vorhandene Berichterstattung in deutschen Medien anlässlich eines 2014 veröffentlichten UNSCEAR-Berichtes, der die nur geringen medizinischen Langzeitfolgen der Reaktorkatastrophe von Fukushima in 2011 für die Bevölkerung aufzeigte und für die Atomenergie-Debatte in Deutschland relevant gewesen wäre. Auch in diesem „Totschweigen“ liegt ein Verstoß gegen den Pressekodex. Die Befragung der Journalisten zeigt: Die Akzeptanz für solche Informationsblockaden (gemessen am Durchschnitt der Reaktionen aus 3 Fällen) ist noch geringer, als bei Skandalisierungen, auch hier ist die Gruppe der indifferenten Journalisten jedoch relativ groß.

Erhellend ist auch die Analyse der Pro- und Contra-Argumente zu Skandalisierungen bzw. Informationsblockaden, die die Befragten sich zu eigen machen: Die fragwürdigen Verhaltensweisen rechtfertigte ein Teil der Journalisten, indem sie die Deutungshoheit über das Geschehen beanspruchten und eine Bringschuld gegenüber den Protagonisten des Geschehens und gegenüber ihren Lesern zurückwiesen. Kepplinger stellt heraus, dass viele der indifferenten Journalisten und selbst einige Gegner der Skandalisierung beziehungsweise Informationsblockade die Argumente der Befürworter trotzdem nachvollziehen können und teilweise sogar gutheißen. Unter diesen Umständen müssen die Befürworter der Skandalisierung und der Informationsblockade nicht viel Widerspruch seitens ihrer Kollegen befürchten, auch wenn ihr Tun gegen journalistische Berufsnormen verstößt.

Die Ergebnisse von Kepplingers Studie sollten der Presse und auch uns als Bürgern zu denken geben. Viele Journalisten fühlen sich, das legt die Studie nahe, den klassischen journalistischen Tugenden scheinbar nicht in dem Maße verpflichtet, wie dies wünschenswert wäre. Zugleich warnt Kepplinger aber auch davor, angesichts der aufgezeigten Probleme in ein paranoides allgemeines Misstrauen gegenüber der Presse zu verfallen. Mit seinem Buch will er keine Nahrung für Verschwörungstheorien liefern, sondern sachlich und nüchtern ein Phänomen der journalistischen Praxis analysieren.

Wir bedanken uns bei Hans Mathias Kepplinger für seinen spannenden und informativen Vortrag!