Mobilisierung durch Zensur: “Der Streisand-Effekt” oder “Das Ende der Kontrolle im Digitalen Zeitalter”


Von Karina Selin am 27.04.2012

Mobilisierung durch Zensur: “Der Streisand-Effekt” oder “Das Ende der Kontrolle im Digitalen Zeitalter”

Das Internet unterläuft traditionelle Kontroll- und Zensurmechanismen: Plattformen wie WikiLeaks stellen Weltmächte bloß, Blogger beenden politische Karrieren, große und kleine private Vergehen werden via Foto und Video im Netz unwiderruflich öffentlich. Jeder Versuch der Kontrolle oder Zensur bewirkt im digitalen Zeitalter meist das genaue Gegenteil. Das musste 2002 auch Barbara Streisand erfahren:

„Die kalifornische Küste, östlich von Malibu, hier scheint fast immer die Sonne, die Reichen und Schönen haben hier ihre Villen, bzw. eine ihrer Villen. Wir nähern uns einer kleinen Landzunge, und ja, da ist es auch schon: das Anwesen von Barbara Streisand. Unverkennbar der vorgelagerte Swimmingpool, dessen Form an einen Wal erinnert. Man kennt das Haus ja, aus dem Internet. Da tauchte es erstmals 2002 auf, als der Fotograph Kenneth Adelman 12000 Fotos ins Netz stellte, die die Erosion der kalifornischen Küstengebiete dokumentieren sollten. Das interessierte nur eine Handvoll Umweltschützer und das Haus eigentlich niemand, zumal man nicht wusste, dass es Barbara Streisands Anwesen war. Doch der Sängerin, Schauspiel- und Regie-Ikone gefiel das nicht, weswegen sie das Webportal und Adelman verklagte, auf Unterlassung würden wohl unsere Juristen sagen. Davon bekamen die traditionellen Medien Wind, und die Netzgemeinde erst recht. Jetzt aber!, sagte die sich, und klickte das Foto vieltausendfach an. Und seitdem gibt es den Streisand-Effekt.“
(Quelle: Bernd Schuh, WDR 5 „Neugier genügt“ vom 24.04.2012 http://www.wdr5.de/sendungen/neugier-genuegt.html)

In ihrem neuen Buch Der entfesselte Skandal, das am 02.05. 2012 im Halem-Verlag erscheint, beschäftigen sich die Autoren Bernhard Pörksen und Hanne Detel mit der Frage nach der (Un-) Kontrollierbarkeit digitaler Medieninhalte und beschreiben die Unzulänglichkeit traditioneller Zensurinstrumente.

„Der sogenannte ›Streisand-Effekt‹ besagt, dass ein Zensurversuch gerade die Aufmerksamkeit schafft, die man eigentlich unbedingt vermeiden möchte. Es handelt sich um einen kontraproduktiven Versuch der Daten- und Informationskontrolle, der als Relevanzindiz gewertet wird und den Widerstand und die Gegenreaktion erst weckt.”

Auf diese Weise werden aus Mücken Elefanten und aus einer anonymen Luftbildaufnahme ein Promi-Skandal.

“Technisch möglich und ohne Schwierigkeiten machbar ist dies, weil sich die Daten und Informationen von ihrem ursprünglichen Trägermedium, dem Papier, gelöst haben und damit die klassischen Kontrollinstrumente (Gegendarstellung im Ursprungsmedium, Schwärzung einzelner Passagen, Beschlagnahmung, im Extremfall das Einstampfen missliebiger Bücher und Zeitschriften) weitgehend untauglich geworden sind.”

Worin aber liegt die Motivation der User-Massen? Neugier, Schadenfreude oder doch Idealismus?

“Die Netzgemeinde (begreift) seit den Tagen von Stewart Brand und John Perry Barlow Informationsfreiheit als einen zentralen Wert, Zensur hingegen als archaisches Mittel der Unterdrückung, das es prinzipiell abzulehnen und gegen das es unter allen Umständen anzukämpfen gilt. Im Netz gelten Versuche der Informationskontrolle, die offline praktiziert und akzeptiert werden, als Normverletzungen eigener Art, als Grenzüberschreitungen zweiter Ordnung, die selbst skandalisiert werden.“
(Quelle: Bernhard Pörksen/Hanne Detel, „Der entfesselte Skandal“ http://www.halem-verlag.de/2012/der-entfesselte-skandal/)