Zahnloser Tiger oder Exportschlager für Europa?


Von Redaktion Journalistik Journal am 6. Oktober 2010

Das Forschungsprojekt „MediaAcT“ sucht nach Anreizen für Selbstkontrolle

Von Susanne Fengler

Auf dem “zahnlosen Tiger”, den der Deutsche Presserat angeblich darstellt, ist in den vergangenen Jahren von Medienpraxis und Medienforschung in Deutschland so häufig herumgehackt worden, dass man kaum anders kann als Mitleid zu empfinden für diese unglückliche Kreatur. Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er einsam durch den Mediendschungel streift. Anstatt Journalisten und Medienmanagern kräftig in die Waden zu beißen, hocken diese feixend hoch oben in den Ästen.

Aus französischer oder italienischer, polnischer oder rumänischer Perspektive hingegen mag dieser greise Geselle ganz anders erscheinen: als stolzer Exot, den man sich zu gern einmal als Ordnungshüter ausborgen würde. Schon allein sein Schatten würde der eigenen Journaille vermutlich einen tüchtigen Schreck einjagen in besagten Ländern, in denen die Institutionen der Medienselbstkontrolle teils aus historischen, teils aus politischen Gründen allenfalls schwach ausgeprägt sind. Beispiel Polen: Hier existiert zwar auf dem Papier ein Presserat – er wurde noch zu kommunistischen Zeiten gesetzlich verankert –, doch auch nach dem Umbruch von 1989 gab es keine Bestrebungen, ein solches Gremium, unter geänderten politischen Vorzeichen, zum Leben zu erwecken.

Ergo: Zu oft ist die Debatte über Medienselbstkontrolle in den vergangenen Jahren innerhalb der deutschen Landesgrenzen stecken geblieben. Der Vergleich mit anderen Journalismuskulturen und Mediensystemen unterblieb; auch international wurde die wegweisende Arbeit des inzwischen verstorbenen französischen Forschers Claude-Jean Bertrand, der weltweit Institutionen der Medienselbstkontrolle erhob und verglich, zunächst nicht weitergeführt (vgl. Bertrand 2000).

Diese Forschungslücke zu schließen, hat sich nun ein von der EU mit 1,5 Millionen Euro gefördertes Projekt am Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus an der TU Dortmund aufgemacht. Seit Februar dieses Jahres vergleichen Teams von Kommunikations- und Politikwissenschaftlern aus elf west- und osteuropäischen Ländern sowie zwei arabischen Staaten Status quo und Wirkungsmacht von traditionellen und innovativen Instrumenten der Medienselbstkontrolle; Höhepunkt wird eine für das kommende Jahr geplante empirische Studie in allen Partnerländern sein. Besonderes Augenmerk des Projekts “MediaAcT” liegt auf neuen Formen der Medienselbstkontrolle: Sind Medienblogs wie beispielsweise die Website “media­part.fr“, die eine wichtige Rolle im “Bettencourt-Skandal” um Präsident Sarkozy spielte, eine Option für Frankreich, das an einem eklatanten Mangel an Institutionen der Medienselbstkontrolle leidet? Können medienkritische Websites in der arabischen Diaspora ein politisches Gegengewicht zu den auf nationaler Ebene dominanten Staatsmedien in Tunesien und Jordanien sein? Dem Dortmunder Projekt geht es nicht zuletzt darum, das international viel diskutierte “Hallin/Mancini-Modell” journalistischer Kulturen (vgl. Hallin/Mancini 2004) einer kritischen Revision zu unterziehen. Was sagt der Status quo der Medienselbstkontrolle eines Landes über dessen Mediensystem aus – und möglicherweise sogar über dessen politische Kultur?

Ein zweiter für “MediaAcT” zentraler Aspekt ist die Frage nach dem Einfluss von Instrumenten der Medienselbstkontrolle auf die journalistische Praxis. Zu oft wird die Diskussion über Selbstverantwortung in den Medien bislang normativ geführt. Ja – auch wir sind der Ansicht, dass Medienselbstkontrolle sinnvoll ist und dass wir mehr und bessere Instrumente brauchen. Warum aber greifen existierende Instrumente nicht – und welche (medienpolitischen) Ansätze kann es geben, um hier umzusteuern? Bisherige Studien zur Medienselbstkontrolle, von denen viele auf systemtheoretischen Annahmen basieren, konnten überzeugend die “blinden Flecken” der Medienkritik aufdecken; eine Antwort auf die Frage nach möglichen Gründen für ein Scheitern der Medienselbstkontrolle sind sie schuldig geblieben.

Auch an dieser Stelle will “MediaAcT” wissenschaftlich Neuland betreten, indem das Projekt aus akteurstheoretischer Perspektive nach den (fehlenden) Anreizen für Medienmacher und Mediennutzer fragt, sich für Medienselbstkontrolle zu engagieren.

Das Rüstzeug gibt uns die moderne Institutionenökonomik nach Douglass North (1990) in die Hand. Sie widmet sich der Analyse rational handelnder – und gerade darum auch an Kooperationen interessierter – Akteure und ist deswegen gesellschaftlich so relevant und lebensnah, weil sie nach den kumulierten Effekten einer Vielzahl individueller nutzenmaximierender Entscheidungen fragt. Auf diese Weise ermöglicht sie das pragmatische Nachdenken über ein politisches Umsteuern von Anreizsystemen. Dass dabei von Land zu Land aus historischen Gründen unterschiedlich entwickelte Institutionen das rationale Handeln der jeweiligen Bevölkerung – und damit deren politischen und wirtschaftlichen “Output” – prägen, haben bereits die Gründerväter der ökonomischen Theorie herausgearbeitet, von Adam Smith mit “The Wealth of Nations” (1776) bis hin zu Max Weber, der in seiner “Protestantischen Ethik” (1904/05) religiöse Institutionen als maßgeblichen kulturellen Einflussfaktor auf das individuelle Handeln und damit auf das wirtschaftliche Wohlergehen einer Nation identifizierte.

Fragen wir uns nach dem oft beobachteten Scheitern von Institutionen der Medienselbstkontrolle, so zeigt sich, dass in allen (hier komprimiert dargestellten) Stufen des Prozesses Defizite vorliegen, die auf mangelnde Anreizstrukturen zurückzuführen sind (vgl. Jarren et al. 1996):

  • In der Phase der Problemartikulation und -definition bringen zu wenige Akteure medienethische Probleme auf die Agenda. Die Medienmacher haben in der Regel wenig Eigeninteressen, Branchenprobleme öffentlich zu machen. Anders sieht das meist nur in Konfliktfällen mit hohen wirtschaftlichen und politischen “Stakes” der beteiligten Akteure aus, wie im gegenwärtigen Streit zwischen ARD/ZDF und den Verlegern um gebührenfinanzierte Nachrichtenangebote im Internet. Hinsichtlich der Mediennutzer wiederum taugt der drohend wackelnde medienpädagogische Zeigefinger, mit dem einige Medienethiker “den Bürger” zu mehr Engagement in Medienfragen auffordern, allenfalls für den pensionierten Oberstudienrat als Anreiz. Gewinnbringender sind hier vermutlich an der Uses-and-Gratification-Forschung orientierte Ansätze, die nach dem „Spaßfaktor“ in der Medienkritik fragen und die seit kurzem auch eine Rolle in der Forschung zur Medienselbstkritik spielen (vgl. Mayer et al. 2008). Enormes Potenzial haben zudem die neuen Medien, wie die massenhaften Publikumsreaktionen via Twitter und Facebook zeigten, nachdem ZDF-Sportmoderatorin Kathrin Müller-Hohenstein on air über einen “inneren Reichsparteitag” des Fußballnationalspielers Miroslav Klose redete.
  • In der Phase der Problemlösung und Implementation fehlen zum einen die (rechtlichen) Anreize, sich der vorhandenen Instrumente der Medienselbstkontrolle zu bedienen – interessanterweise weisen Loit et al. (2010) darauf hin, dass der Anreiz für die Medienprofis, Ombudsleute und Presseräte als “Mediatoren” zu bemühen, vermutlich größer wäre, wenn journalistische Fehler leichter rechtlich zu ahnden wären. Werden die Institutionen tatsächlich aktiviert, fehlen den Angeprangerten wiederum die Anreize, die ausgesprochenen Sanktionen zu befolgen; kaum jemand kontrolliert bislang die erfolgreiche Implementation von Medienselbstkontrolle.
  • Was die Phase der Evaluation angeht, müssen wir Journalismusforscher und Kommunikationswissenschaftler uns an die eigene Nase fassen. Zu selten haben wir uns bislang der Frage gestellt, warum Medienselbstkritik scheitert – und ob sie nicht medienpolitisch anders organisiert werden müsste.

Wollen wir wirkungsvollere Medienselbstkritik, können wir entweder auf der Ebene der Sanktionen ansetzen und nach mehr formalisierten Beschränkungen für den Journalismus rufen – was, und das sei unterstrichen, niemand will und, zumal mit den bitteren Erfahrungen autoritärer Regimes, auch nur ansatzweise wollen kann. Bleibt die Ebene der Anreize in den unterschiedlichen Phasen des skizzierten Prozesses. Warum also nicht beispielsweise, wie auch Karmasin et al. (2010) vorschlagen, die staatlichen Subventionen für die Medienbranche auf den Prüfstand stellen und ihre Vergabe an – auch für die Öffentlichkeit wahrnehmbare – Aktivitäten im Bereich der Medienselbstkontrolle knüpfen? Zeig mir Deinen Ombudsmann, Verleger – und Du kannst weiterhin vom reduzierten Mehrwertsteuersatz profitieren. Für Länder wie Frankreich, in denen der Staat gar eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung von Medienangeboten spielt, könnte dies mehr als ein Gedankenspiel wert sein, wenn hier zudem entsprechende Impulse von der EU-Ebene ausgehen würden. Behalten wir uns also vor, den Tiger in Zukunft vielleicht doch noch als europäischen Exportschlager zu klonen – nachdem wir ihm neue Reißzähne implantiert haben.

Literatur:

  • Bertrand, Claude-Jean (2000): Media Ethics & Accountability Systems. New Brunswick, London.
  • Hallin, Daniel C./Mancini, Paolo (2004): Comparing Media Systems. Three models of media and politics. Cambridge.
  • Jarren, Otfried/Donges, Patrick/Weßler, Hartmut (1996): Medien und politischer Prozeß. Eine Einleitung. In: Jarren, Otfried/Schatz, Heribert/Weßler, Hartmut (Hrsg.): Medien und politische Praxis. Politische Öffentlichkeit und massenmediale Politikvermittlung im Wandel. Opladen, S. 9-37.
  • Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela/Kaltenbrunner, Andy/Bichler, Klaus (2010): Austria: A border-crosser. In: Eberwein, Tobias/Fengler, Susanne/Lauk, Epp/Leppik-Bork, Tanja (Hrsg.): Mapping Media Accountability – in Europe and beyond. Köln. (im Druck)
  • Loit, Urmas/Lauk, Epp/Harro-Loit, Halliki (2010): Estonia: Fragmented accountability. In: Eberwein, Tobias/Fengler, Susanne/Lauk, Epp/Leppik-Bork, Tanja (Hrsg.): Mapping Media Accountability – in Europe and beyond. Köln. (im Druck)
  • Mayer, Florian/Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina (2008): Watchblogs aus der Sicht der Nutzer. Befunde einer Onlinebefragung zur Nutzung und Bewertung von Bildblog. In: Media Perspektiven, H. 11, S. 589-594.
  • North, Douglass C. (1990): Institutions, Institutional Change and Economic Performance. Cambridge.

Foto: knallgrün/photocase.com