Yoel Cohen (Hrsg.): Spiritual News


Von Redaktion am 1. Juli 2019

Rezensiert von Nigjar Marduchaeva

“Coruption, political intrigue, sex, violence, and fiscal irregularities make good religion news” (21). Zugespitzt, aber durchaus treffend beschreibt Yoel Cohen – in Anlehnung an “only bad news are good news” – die gängige Vorstellung von Religionsjournalismus. Dass das Thema deutlich facettenreicher ist als dieser Satz suggeriert, demonstriert der vorliegende Sammelband in insgesamt 19 Beiträgen. Worauf fokussiert sich die Berichterstattung, wodurch wird sie inhaltlich gelenkt und welche Einflussfaktoren bestimmen ihren Tenor? Diesen und anderen Fragen geht Spiritual News nach.

Vor dem Hintergrund aktueller religiös motivierter Debatten und Ereignisse weltweit untersuchen 23 internationale AutorInnen, wie und von wem Religionsjournalismus im 21. Jahrhundert gestaltet, beeinflusst, praktiziert und rezipiert wird. Die Texte besprechen, welcher Platz gegenwärtig welchen religiösen Themen in den Medien eingeräumt wird – unter Einbezug der klassischen Massenmedien und der Neuen Medien, sowohl in der religiösen als auch säkularen Presse.

In ihren Beiträgen setzen die AutorInnen auf eine komparative Herangehensweise. Anhand eines breit gefächerten Einblicks in die globale Situation der religionsbezogenen Medienberichterstattung werden relevante Ereignisse und Entwicklungen im postsowjetischen Russland, in China, Nigeria, Saudi Arabien, Malaysia, Brasilien, Israel, den USA und im Vatikan besprochen. Eingeteilt ist der 418-seitige Band insgesamt in sechs größere Abschnitte: A) Introduction, B) Newsgathering, C) Regional Patterns, D) Media Events, E) The Influence of Religion Reporting, F) The Impact of New Media Upon Religion.

Die Publikation analysiert, wie Medien, politische Systeme, Wirtschaft, Kultur und nicht zuletzt Religion selbst die Berichterstattung über Religion(en) in verschiedenen Ländern bzw. geographischen und kulturellen Regionen mitformen. Es werden soziokulturelle Diskurse und Ereignisse mit religiösem Bezug und politischem Ausmaß vorgestellt sowie die Frage erörtert, ob und wie diese im jeweiligen Land journalistisch verarbeitet werden (dürfen). Mediale Darstellungen der Debatte um Charlie Hebdo, der “Ehe für alle“ in Frankreich und der LGBT Community in Malaysia sind Themenbeispiele, denen sich die AutorInnen im Band zuwenden. Welchen Wandlungsprozessen “religious news reporting” durch die fortschreitende Digitalisierung unterliegt, wird durchweg betont.

So beschreibt z. B. Noha Mellor in “Religious Ideologies and News Ethics: The Case of Saudi Arabia” wie religiöse Gesetzmäßigkeiten Einfluss auf die Ausübung der journalistischen Arbeit nehmen und verweist mit konkreten Beispielen auf die unterschiedliche Handhabung von inländischen Ereignissen mit gravierenden Folgen für betroffene Bevölkerungsgruppen seitens staatlich gelenkter Medien einerseits und Sozialer Medien bzw. privaten Medienanstalten andererseits.

Babak Rahimi widmet sich eingehend dem Thema “Internet News, Media Technologies, and Islam: The Case of Shafaqna“. Er zeigt auf, wie Neue Medien neue Strukturen und Denkanstöße innerhalb einer Religion auslösen und diese somit sogar formen können: “The emergent media technologies change boundaries of self, community and the world […]” ist seine Schlussfolgerung.

Wann gewinnt Religion als Thema für die Presse an Relevanz? Welche Folgen hat die jeweilige Medienpräsenz auf innergesellschaftliche Strukturen? Was sind die dem Religionsjournalismus ressorttypischen Spezifika und Hürden? Oder anders formuliert: Welche Faktoren fordern den Religionsjournalismus als Journalismus heraus? Denn, so stellt Cohen fest: “Religion is […] thought in the first instance to be a direct, almost existential challenge to the very nature of journalism […] religion is a problem because it always claims to be about something else, something beyond the rational, material world where most journalists do their work”. (19f.) Gleichzeitig gilt jedoch: “As more and more sources of religion news become active, it is more and more possible to contemplate challenging the once protected boundaries of clerics, religious leaders, and others in positions of authority in the various religions”. (22)

Mit die größte Hürde für Religionsreporter ist der Zugang zu verlässlichen Quellen vor Ort (vgl. 68-73, 79, 83, 96) – “knowing whom to contact can be half the battle” (84). Allerdings bietet nicht jedes religiöse (oder politische oder religiös-politische) System hier die entsprechenden Möglichkeiten. Ein weiteres Problem dabei ist oftmals die mangelnde Vertrauensbasis Medienschaffenden gegenüber (vgl. 69f.). Schließlich werden mögliche Risiken aufgezeigt, denen sich speziell diese Berufsgruppe ausgesetzt sieht (vgl. 72).

Bereits “[s]eit Aufkommen der ersten Zeitungen ist das Verhältnis zwischen Kirche und Journalismus spannungsgeladen.“ (Kaiser 2012: 120). Das Misstrauen seitens der Kleriker könnte sich mit der Befürchtung erklären, Journalismus und Medien seien anti-religiös (vgl. 7, 53). Aber es lohnt auch die Berücksichtigung folgender Perspektive, die die “funktionalen Gemeinsamkeiten beider Berufe“ berücksichtigt: Auf der Kanzel wie in der Redaktion nehmen Journalisten wie Pfarrer die Welt professionell wahr, deuten sie in unterschiedlicher Perspektive, üben einen Bildungsauftrag aus, leisten Lebenshilfe und beziehen kritisch Position gegenüber gesellschaftlichen Missständen.“ (Kaiser, 2012: 120)

Hier prallen also zwei unterschiedliche Systeme mit gleichen Ambitionen aufeinander, die so in Konkurrenz zueinander treten. Für die journalistische Praxis ergibt sich daraus folgendes Problem: Kann eine religiöse Person zugleich ReligionsjournalistIn sein (vgl. 53ff, 63)? Oder, anders gefragt: Inwiefern kann trotz Religionszugehörigkeit und gelebter religiöser Praxis eine objektive, wertfreie Berichterstattung gewährleistet werden (vgl. 56ff, 63f)?

Als besonders interessant erweist sich in diesem Zusammenhang Kapitel 4 des Bandes, das die Berufsgruppe der “Vaticanologists“ beschreibt. Diese sind für die Berichterstattung u. a. in der Vatikan-eigenen Presse zuständig. Die Autorin des Kapitels, Miriam Diez Bosch, hebt hervor: “A Papal liturgy cannot be covered by any run of the mill journalist.” (78) Die Berichterstattung über den Vatikan bedürfe Experten mit tiefem Verständnis für die Geschichte, Theologie, Liturgie und Kunst der Katholischen Kirche, aber auch für internationale Politik (vgl. 78). “Vaticanologists“ arbeiten mit unterschiedlichen journalistischen Formaten und berichten crossmedial, nicht zuletzt, um auch Nicht-Katholiken zu erreichen (vgl. 87).

In diesem Zusammenhang ist auch Kapitel 17 sehr aufschlussreich. In “The Catholic Church and Twitter“ diskutieren Daniel Arasa, Lorenzo Cantoni und Juan Narbona die Wandlung der Beschaffenheit von medialer Präsenz der Katholischen Kirche durch Social Media und Twitter. Neben den hauseigenen Medien und Internetseiten des Vatikans, auf die Kapitel 4 eingeht, betonen die Autoren in Kapitel 17 die Nutzung Sozialer Medien: „The Vatican also has a presence on […] YouTube (November 2005), Facebook (June 2011), and Instagram (October 2013). […] Twitter is the most popular tool for spreading breaking news and ideas in most countries […], in March 2013, Pope Francis chose to use the microblog to communicate not only with Catholics, but also with many non-believers.” (330f.)

Klar hervor geht die Tatsache, dass Religion nicht mehr reine Privatsache ist. Seit das Internet nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken ist und erst recht durch das Web 2.0, ist Religion Teil der öffentlichen Debatte geworden (vgl. 4). Das Bedürfnis nach Verständnis von und das Beharren auf ein Mitspracherecht über Religion seitens der breiten Öffentlichkeit bestimmt im modernen Zeitalter den soziokulturellen Diskurs (vgl. 16). Gleichzeitig sind Religion(en) auf die Öffentlichkeit durch Medienpräsenz angewiesen, um die eigene Existenz aufrechtzuerhalten (vgl. 24).

Dem hier rezensierten Band gelingt es nicht nur, die aktuellen Fragestellungen zusammenzufassen, sondern einerseits unter konkretem globalen Gegenwartsbezug Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und darauf basierend Prognosen aufzustellen (vgl. 25), und andererseits auch über bedeutsame historische Fakten zu informieren, die helfen, das Dargelegte nachzuvollziehen. Yoel Cohen hat es geschafft, Religion als Gegenstand der internationalen Berichterstattung umfassend zu diskutieren und die wissenschaftliche Bibliothek in diesem bis dato noch mager ausgestatteten Fachgebiet um eine wichtige Lektüre zu bereichern.

Profitieren können hiervon sowohl herangehende ReligionsjournalistInnen als auch am Weltgeschehen Interessierte, die sich zum einen ein besseres Verständnis im Umgang mit Medien verschaffen und zum anderen tiefergehend mit religionsbezogenen Inhalten sowie weltweiten Entwicklungen bzw. Veränderungstendenzen auf soziokultureller Ebene im religiösen Kontext beschäftigen wollen.

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