Wilhelm Kempf: Friedensjournalismus. Grundlagen, Forschungsergebnisse und Perspektiven


Von Herbert von Halem am 14. Juni 2022

Rezensiert von Ralf Spiller

Der Begriff des Friedensjournalismus taucht bereits um 1900 zum ersten Mal auf, die sozialwissenschaftliche Forschung beschäftigt sich seit etwa 25 Jahren mit dem Konzept. Doch was genau ist Friedensjournalismus? Ein Journalismus über den Frieden? Ein normatives Konzept, wie Berichterstattung erfolgen sollte? Oder vielleicht noch etwas anderes?

Kempfs kurzes Buch (160 Seiten) bringt Licht ins Dunkel. Der Band beginnt mit einem Kapitel von Sonja Kretzschmar und Annika Sehl, in dem die beiden Autorinnen verschiedene Ansätze des Friedensjournalismus aufzeigen und in die bisherige Journalismusforschung einordnen. Es folgen vier Kapitel von Kempf zu „Sozialpsychologie des Friedensjournalismus. Eine Bestandsaufnahme nach 25 Jahren Forschung und Entwicklung“ (Kap. 1), „Kriegspropaganda versus Friedensjournalismus“ (Kap 2), „Begriffe und Konzepte des Friedensjournalismus“ (Kap. 3) und „Konstruktive Berichterstattung über Verhandlungen“ (Kap. 4).

Im Verlauf der Lektüre wird klar, dass es drei sehr unterschiedliche Konzeptionen von Friedensjournalismus gibt: Zum einen der Entwurf von Johan Galtung, dessen theoretische Basis die Nachrichtenwerttheorie ist. Demzufolge bilden Nachrichtenfaktoren wie Negativismus, Personalisierung und Eliteorientierung einen Rahmen, der ein stereotypes Bild von Konflikten vermittele. Galtung fordert, sich von diesen Nachrichtenfaktoren zu lösen, und zwar zugunsten einer Berichterstattung, die friedens-, wahrheits-, menschen- und lösungsorientiert ist (102).

Der zweite Ansatz stammt von Kempf selbst und hat als theoretische Grundlage sozialpsychologische Konflikttheorien. Im Kern geht es um eine schrittweise Deeskalation bei der Konfliktwahrnehmung, zu der JournalistInnen durch ihre Berichterstattung einen Beitrag leisten könnten. Es gehe darum, mit den richtigen Fragen an den Konflikt heranzutreten: Nicht „Wer ist der Übeltäter?“ und „Wie kann man ihm Einhalt gebieten?“, sondern „Wo liegt das Problem?“ und „Wie kann man es im gemeinsamen Interesse lösen? (108f).

Das dritte (Praxis)-Konzept von Lynch und McGoldrick (2005) postuliert klare Forderungen, wie JournalistInnen über Konflikte berichten sollen: „Peace Journalism is when editors and reporters make choices – of what stories to report, and how to report them – which create opportunities for society at large to consider and to value non-violent responses to conflict“ (ebd, 5).

Während Kempf den Ansatz von Galtung respektiert, obwohl er sich deutlich von seinem eigenen Konzept von Friedensjournalismus unterscheidet, lehnt er den Ansatz von Lynch/McGoldrick klar ab. Jeglicher Anspruch auf journalistische Objektivität werde bei diesem Konzept über Bord geworfen (105).

Kempf belegt seine Aussagen mit zahlreichen empirischen Studien. So zeige z.B. die Berichterstattung über Friedensprozesse, dass JournalistInnen kaum dem Ansatz eines Friedensjournalismus nach Galtung folgen. Es dominiere vielmehr deutlich die von Galtung kritisierte Darstellung nach Nachrichtenfaktoren (131).

Das Buch ist gut lesbar, wirkt dabei jedoch nicht wie aus einem Guss. Vielmehr ist deutlich bemerkbar, dass es sich aus zahleichen früheren Aufsätzen und Buchkapiteln des Autors speist. So hätten die Erklärungen aus Kap. 3 „Begriffe und Konzepte des Friedensjournalismus“ sicherlich besser weiter vorne ins Buch gepasst. Leider ist die Schriftgröße in den Grafiken und Tabellen außerdem so klein, dass sie kaum lesbar sind. Und in wenigen Passagen verlässt Kempf den sachlich-wissenschaftlichen Stil, z.B. wenn er schreibt, „… dass Propaganda zu stinken beginnt.“ (85).

Es ist der große Verdienst von Kempf, dass er die zahlreichen eher disparaten Studien und Quellen – das Literaturverzeichnis umfasst rund 200 weitere Titel zum Thema – zum Friedensjournalismus in diesem Buch zusammengeführt und dem Ganzen einen Rahmen gegeben hat. Eine breite Rezeption der verschiedenen Konzepte eines Friedensjournalismus scheint in der Praxis bisher kaum erfolgt zu sein. Zu Unrecht, denn Medien spielen eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung von Konflikten und damit auch ihrer Lösung. Das Werk von Kempf dürfte ein wichtiger Baustein sein, um der Rezeption dieses hochaktuellen Themas neuen Schub zu geben.

Links: