Was ist Eurofiction?


Von Herbert von Halem am 27. September 1999

Mit der Veröffentlichung des ersten Berichts des Eurofiction-Projekts über einheimische fiktionale Fernsehangebote in fünf europäischen Ländern ist das Vorhaben, unser Wissen über die europäische Fernsehindustrie zu vertiefen, um einen weiteren wichtigen Schritt vorangekommen. Fiktionale Angebote spielen in den von europäischen Fernsehanstalten ausgestrahlten Programmen eine wesentliche Rolle. Ihre Bedeutung steht somit in wirtschaftlicher wie auch in kultureller Hinsicht ausser Zweifel. Deshalb ist es geradezu paradox, daß es bis zur Schaffung von eurofiction keinen auf Dauer angelegten institutionalisierten Zusammenhang gab, der eine Untersuchung fiktionaler Fernsehangebote auf europäischer Ebene auf der Grundlage gemeinsam vereinbarter Kriterien und Kategorien ermöglicht hätte.

Eurofiction wird von der Fondazione Hypercampo gefördert. Für das Projekt konstitutiv sind eine auf Miteinander und Austausch angelegte Forschung sowie die Vereinbarung eines gemeinsamen Methodendesigns zur Analyse fiktionaler Fernsehangebote. In diesem Sinne stellt Eurofiction eine Pionierleistung dar. Das Projekt wird von einem bislang aus fünf Forscherteams bestehenden Netzwerk getragen, dem im eigenen Lande ein weithin anerkannter Expertenstatus auf dem Gebiet der Fernsehforschung und insbesondere auf dem der Erforschung fiktionaler Fernsehangebote zukommt. eurofiction stellt mithin einen Meilenstein für eine dezidiert auf der europäischen Ebene operierende Erforschung des Phänomens Fernsehen dar.

Als eine der Sammlung und Verbreitung von Kenntnissen zur europäischen audiovisuellen Industrie verschriebene Einrichtung kann die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle die Schaffung des eurofiction-Netzwerks nur begrüßen. Dies drückt sich u.a. auch in der Unterstützung der ersten Ausgabe des Eurofiction-Berichts aus.

Die Unterstützung von Eurofiction steht im Zeichen einer übergreifenden Strategie, der sich die Informationsstelle im Zuge ihrer Aufgabe der Datensammlung im audiovisuellen Bereich verpflichtet hat. Zu den Bemühungen der Informationsstelle zählen weiterhin: 1. Die Herausgabe eines Statistischen Jahrbuchs, das grundlegendes statistisches Material zum audiovisuellen Bereich bereitstellt. Das Jahrbuch gibt Auskunft über die Umsatzzahlen der großen Unternehmen, zu Basisdaten der europäischen Fernsehanstalten, einen Überblick über die fiktionalen Angebote, Daten zu Ausstrahlungsrechten, Importen fiktionaler Angebote sowie Informationen über den Stand des Bereichs Fernsehen in den 34 Mitgliedstaaten der Informationsstelle. Es enthält zudem Aufschlüsse über Marktanteile sowie gesicherte Daten zum wirtschaftlichen Abschneiden und zum bestehenden Programmangebot der großen Fernsehanstalten. Das Jahrbuch wird von der Informationsstelle in Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen (bipe Conseil, idate, Screen Digest) und speziellen Einrichtungen (insbesondere act, ecca und eur) sowie zahlreichen anderen Informationsanbietern (vor allem ets und der von Médiamétrie angebotene Eurodata-Dienst) erstellt. 2. Das Projekt Iris, ein der rechtlichen Situation gewidmeter Überblick, der Zusammenfassungen der wichtigsten gesetzlichen Vorschriften und Präzedenzfälle im Bereich Rundfunk und Fernsehen bietet. 3. Zum Angebot der Audiovisuellen Informationsstelle zählt weiterhin ein Auftritt im www, der links zu den home pages von Fernsehsendern sowie einen Führer zu weiteren Informationsquellen bietet (http://www.obs.coe.int). Im Laufe des Jahres 1998 wird dieses Angebot durch Einzelstudien weiter ausgebaut, die einen umfassenden Überblick über den Bereich Rundfunk und Fernsehen in den verschiedenen Ländern geben sowie eine Datenbank anbieten, die Informationen über europäische Fernsehsender enthält.
Nach Ansicht der Informationsstelle fügt sich der für das eurofiction-Projekt gewählte Ansatz im Bezug auf einheimische fiktionale Fernsehangebote (die Feststellung des Umfangs der ausgestrahlten einheimischen Produktionen, die Analyse der in den Angeboten abgedeckten Themen, die filmographische Zusammenstellung der wichtigsten Sendungen) nahtlos in die eigene übergeordnete Strategie ein. eurofiction stellt somit eine ideale Ergänzung zu unserer eigenen Datensammlung dar, die einem Schlüsseltypus der europäischen Fernsehproduktion gewidmet ist.

Im filmographischen Index im Anhang finden sich übrigens ausführlichere Angaben zu den einheimischen fiktionalen Produktionen, die u.a. im Text erwähnt wurden oder herausragend sind.
Seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe des eurofiction-Berichts in englischer Sprache unter der Schirmherrschaft der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle haben verschiedene nordeuropäische und russische Organisationen um Mitgliedschaft im eurofiction-Netzwerk nachgesucht. Für die Wissenschaftler aus den verschiedenen Gründungsorganisationen von eurofiction stellt dieser von Kollegen aus anderen Ländern geäußerte Wunsch nach Zusammenarbeit eine Bestätigung ihrer Arbeit dar. Als eine ihrer Verfassung und Berufung nach paneuropäische Einrichtung kann die Audiovisuelle Informationsstelle die schrittweise Ausweitung des eurofiction-Projekts bis zu einer Abdeckung des gesamten europäischen Raumes nur willkommen heißen.

Darüber hinaus erfüllt uns die Beobachtung, daß diese Veröffentlichung das Interesse nationaler und europäischer Einrichtungen auf sich gezogen hat, die mit der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle zusammenarbeiten oder in der europäischen audiovisuellen Industrie beheimatet sind, mit großer Befriedigung.

Wir von der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle freuen uns, daß wir eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Expertenorganisationen sowie professionellen europäischen und nationalen Rundfunkorganisationen – die nur allzu oft wenig oder gar nichts darüber wissen, was der andere tut – spielen können, wenn es darum geht, gemeinsame Ziele und Richtlinien zu erarbeiten.

André Lange, Europäische Audiovisuelle Informationsstelle, Wissenschaftlicher Leiter, Bereich Marktinformation.