Vincent Fröhlich, Lisa Gotto, Jens Ruchatz (Hrsg.): Fernsehserie und Literatur


Von Redaktion am 26. August 2019

Rezensiert von Jonas Nesselhauf

Als Richard Kämmerlings einst The Wire (2002–2008) in der FAZ als einen “Balzac für unsere Zeit” bezeichnete und Kolumnist Joe Klein gar den Literaturnobelpreis für die Serie forderte, spielte dies auf ein spannendes Medienverhältnis (und vielleicht auch Medienmissverständnis) an. Denn die neuen und komplexen Serien des “Quality Television” scheinen die Prinzipien des seriellen Erzählens von der Literatur auf die Mattscheibe zu übertragen: Ähnlich wie in den ‘großen’ Romanen des 19. Jahrhunderts werden die ausufernden Handlungsbögen in Formaten wie The Wire quasi ‘portioniert’, und dennoch entsteht hier das gesellschaftliche Panorama von Baltimore in einer enzyklopädischen Breite, ähnlich wie im Falle von Balzacs Frankreich oder Dickens’ London.

Und so wie die Zeitschriften-AbonnentInnen die Fortsetzung der Handlung in der kommenden Ausgabe des Feuilleton-Romans mit Spannung erwartet und mit den Figuren mitgefiebert haben dürften, so strukturieren heute Serien des linearen Fernsehens oder zahlreicher Streaming-Dienste den Alltag von ZuschauerInnen.

Dass dieser Zusammenhang zwischen Literatur und der Fernsehserie daher prinzipiell nicht neu ist, daran erinnert ein gerade von Vincenz Fröhlich, Lisa Gotto und Jens Ruchatz herausgegebener Band. Die 16 Beiträge verteilen sich auf vier Sektionen und beleuchten dabei die “Facetten einer Medienbeziehung” (so der Untertitel), wobei der Fokus sehr stark auf US-amerikanischen Formaten liegt. Dies ist sicherlich auf die nordamerikanische ‘Marktmacht‘ zurückzuführen, letztlich aber auch eine unnötige Einschränkung und spart zwangsläufig interessante Analysebeispiele aus.

Die teilweise umfangreichen Aufsätze jedoch können als fundierte Einzelanalysen überzeugen und decken eine Bandbreite von Literaturadaptionen wie Berlin Alexanderplatz (1980) über die Beschäftigung mit Literatur in Serien – etwa in Star Trek: The Next Generation (1987–1994) – bis hin zu ‘digitalen Schreiboperationen‘ in Mr Robot (2015–) ab.

So kann Hans Richard Brittnacher beispielsweise gelungen dramatische Aushandlungen in der HBO-Serie Deadwood (2004–2006) aufzeigen, deren Traditionslinie bis in die Antike zurückreicht und beispielsweise an Aristoteles’ Poetik erinnert. Dessen Gebot kleinerer Zeiträume, die Struktur von einzelnen Episoden sowie die Verwendung ‘klassischer’ Methoden wie dem Botenbericht oder der Mauerschau verweisen eben gerade nicht auf die ‘großen’ Romane des 19. Jahrhunderts, sondern erzeugen vielmehr eine hochspannende Dramenästhetik.

Ralf Adelmann wiederum untersucht mit Arthur Conan Doyles kongenialem Meisterdetektiv Sherlock Holmes eine aus der Literatur stammende Figur, die inzwischen in unzähligen Film- und Serienadaptionen weiterlebt und dabei immer wieder aktualisiert wird, etwa mit der Verlegung ins London (in der seit 2010 laufenden BBC-Serie Sherlock) oder – mit einem weiblichen Watson – ins New York (in Elementary, seit 2012) der Gegenwart. So zeigt sich am Ende, dass Sherlock Holmes dabei stets ein Kind seiner Zeit und somit auch “popkulturelle[n] Automatismen” unterworfen ist.

Uwe Wirth nimmt mit Castle (2009–2016) ein Flexi-Format in den Blick, also eine Krimiserie, die sich auf den abgeschlossenen ‘case of the week’ zentriert und darüber hinaus eher sporadische übergreifende Handlungsstränge aufweist. Die Romane des Co-Ermittlers Richard Castle jedoch spielen – wie auch bei anderen Formaten, etwa mit Hank Moodys God Hates Us All aus der Serie Californication (2007–2014) oder Barney Stinsons Bro Code aus How I Met Your Mother (2005–2014) – nicht nur eine integrale Rolle innerhalb der Serie, sondern schlagen auch (als Merchandising-Produkte) einen Bogen in die ‘reale’ Welt der ZuschauerInnen.

Hier wiederum kann Vera Cuntz-Leng mit ihrem überzeugenden Beitrag zur Fanfiction anknüpfen, denn längst ist dieser Prozess keine Einbahnstraße mehr, und die RezipientInnen können Serienproduktionen (auf den Ebenen von Handlung, Besetzung und Finanzierung) beeinflussen und sogar nachhaltig prägen.

Damit besticht der sauber gesetzte Band insgesamt durch sein breites Spektrum, das die Vielseitigkeit in der Verbindung zwischen Literatur und Fernsehserie spiegelt und dabei meist auch die medialen Potentiale und Limitierungen vergleichend mitreflektiert. Und ohnehin ist ein solcher Brückenschlag angesichts der deutschsprachigen Forschungsgeschichte der Fernsehserie nur zu begrüßen, wurde doch die literaturwissenschaftlich-narratologische Perspektive auf Fernsehserien in der Vergangenheit gerade von den Medienwissenschaften nicht immer ernst genommen oder verstanden.

Links: