Stephan Niemand: Alltagsumbrüche und Medienhandeln


Von Redaktion am 11. Mai 2021

Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Wie Mediengebrauch und alltägliche Lebensführung miteinander verwoben sind, untersuchte ein von der DFG gefördertes Projekt an der Universität Münster von 2008 bis 2016 unter der im Deutschen etwas misslichen Übersetzung der Domestizierung. (Denn weder domestizieren die Medien den Alltag noch umgekehrt; passender sind Kategorien wie Dispersion oder Penetration von Seiten der Medien, Strukturierung und Aneignung von Seiten des Publikums). Die deutsche Formulierung der Verhäuslichung der Medien trifft es besser, zumal das Projekt konsequent die Perspektive der Rezipienten wählte. Der Fokus lag dabei auf der Verbreitung und Integration des Internets in die häusliche Umgebung und den Alltag, wobei deren zweite Phase, nämlich die so genannte Mobilisierung des Internets durch Tablets und Smartphones, noch weitgehend unberücksichtigt blieb.

Gleichwohl hat das Projekt interessante Erkenntnisse und methodische Innovationen gezeitigt. Einmal weil es eines der wenigen Panel-Studien im Bereich Rezeptions- und Aneignungsforschung ist, zum zweiten weil es den noch wenig erprobten Untersuchungsansatz von Paaren – 25 an der Zahl, anfangs im Alter von 25 bis 63 Jahren – in ihrer alltäglichen Umgebung wählte und sie in “Haushaltsporträts” (109) zusammenfügte. Deren Mediengebrauch wurde drittens über sieben Jahre lang mehrmethodisch, vor allem mit qualitativ-ethnografischen Erhebungsinstrumenten, dokumentiert und interpretiert.

Diese Dissertation des (ehemaligen) Mitarbeiters greift sich eine spezielle, womöglich exemplarische Thematik des Projektes heraus, nämlich die so genannten “Alltagsumbrüche”, also mehr oder weniger tiefgreifende Zäsuren der Lebensführung und der Alltagsbewältigung aus Sicht der Probanden und ihre möglichen Auswirkungen auf den Mediengebrauch in zeitlicher, räumlicher, inhaltlicher, sozialer und sinnbezogener Hinsicht. Dabei wird kein kausaler Zusammenhang unterstellt, lediglich eine subjektive Umgestaltung oder Umorientierung der Mediennutzung. Analytisch griffiger wird der Fokus nicht spezifiziert (113). Aufgeführt werden Elternschaft (Geburt von Kindern), Trennung und neue Partnerschaft, Umzug, Auszug der Kinder als schwerwiegende Übergangsphasen, Tod des Ehepartners, Renteneintritt, berufliche Verände-rungen, gesundheitliche Beeinträchtigungen als weitere, wobei diese Gewichtung nicht ganz einleuchtet. Mittels der Daten aus der ersten Projektphase (2008 bis 2011) und der zweiten (2011 und 2013) stellt Niemand nun “transitionsspezifische” und “transitionsübergreifende” Fallvergleiche an, um “Muster und Entwicklungsverläufe zu systematisieren und gegebenenfalls Fälle oder einzelne Aspekte zu gruppieren und zu typologisieren”. Erreicht werden sollen damit “möglichst verallgemeinerbare Aussagen” (109).

Nach einem ersten theoretischen Teil, in dem gängige Ansätze vorgestellt werden, unterzieht Niemand im umfangreicheren, zweiten empirischen Teil 58 von den Probanden bekundeten Alltagsumbrüche, von denen besonders die mittelalten und älteren Paare/Haushalte betroffen waren, einer übergreifenden, aber vor allem exemplarischen Analyse. Am häufigsten waren Umzüge (11), Elternschaften (8) und Auszüge der Kinder (7). Entsprechend brachten sie räumliche Veränderungen der Wohnlage wie der Wohnungen, des Zeitmanagements und des Tagesrhythmus, der Rollenverteilung der Geschlechter, der Informations- und Entspannungsbedürfnisse, der sozialen Haushaltskonstellationen, der Kontakte sowie der technischen Infrastruktur mit sich, die sich jeweils auf die Gewohnheiten und Schwerpunkte des Mediengebrauchs (Medien-repertoires) mehr oder weniger deutlich niederschlugen.

In den letzten Kapiteln führt der Autor die verschiedene Einzelbefunde zusammen und zieht daraus mehr oder weniger verallgemeinerbare Schlussfolgerungen. Zwar formuliert er in seiner Arbeit mehrfach, die Medien(rezeptions)forschung habe sich bislang mit den Zusammenhängen zwischen Alltag und Mediengebrauch noch wenig befasst, aber dieses Votum kann eigentlich nur für das von ihm zugespitzte Spezifikum des “Alltagsumbruchs” gelten. In der soziologischen und ethnologischen Forschung wird Alltag eher als das beharrliche, resistente Kontinuum der Lebensführung erachtet, das nur schwerlich, allenfalls infolge gravierender Zäsuren und äußerer Einflüsse, verändert oder gar umgeworfen wird.

Diese Erkenntnis zeitigt auch die Biografie- und Lebenslaufforschung für Ältere etwa beim Renteneintritt bzw. der Berufsaufgabe. Die traditionellen Massenmedien, zumal die täglichen Programmmedien, haben diese unauffälligen, auch orientierenden Kontinuitäten in vielerlei Hinsicht – von der Tageszeitung am Morgen bis zur Tagesschau um 20 Uhr – bestärkt und bestärken sie noch immer. An einigen Konstellationen exemplifiziert Niemand die Zusammenhänge zwischen “Entfaltungschancen, Zwängen und Erwartungen sowie Bedürfnissen und Daseinsthematiken” (240), oder – einfacher – wie Alltagsbewältigung und Medienhandeln ineinander verwoben sind. So wertet ein Umzug in ländliche Regionen mit schlechterem Internetempfang das konventionelle Fernsehen wieder auf. Der Tod eines Partners gibt dem Überlebenden wieder größere Freiheiten, seinen Medienkonsum selbstbestimmt zu gestalten, aber dieser muss oft auch soziale Lücken überbrücken. Oder junge Eltern richten ihre Zeitbudgets und den Medienkonsum zunächst vorrangig an den Be-dürfnissen des Babys aus.

Erst das Internet, besonders die persönlich adressierten Dienste und die sozialen Netzwerke, krempeln diese gewachsenen Routinen und Selbstverständlichkeiten von Grund auf um, was gemeinhin als digitale Revolution apostrophiert wird. Auch wenn solche Veränderungen nicht “technikdeterministisch” interpretiert werden sollten, wie der Autor zurecht betont (236), könnten die digitalen Medien mächtigere Potenziale haben als die früheren meist technischen Erweiterungen der Massenmedien.

Demnach lautet die aktuell spannendere Forschungsfrage, ob und wie ‘der’ von verschiedenen Probandengruppen gelebte Alltag und ihre etablierten Medienrepertoires die Diffusion und Verhäuslichung des Internets bestehen (oder bestanden haben) und wie sie sich möglicherweise ändern (oder geändert haben). Sie deutet der Autor nur in einer Fußnote als ebenfalls “interessante Forschungsfrage” an, die hier aber nicht verfolgt werde (16). Zwar betont der Autor am Ende seiner Untersuchung noch einmal, durch den Zusammenhang zwischen Alltagsumbrüchen und Medienhandeln [ließe sich] zeigen, “dass die Medienaneignung von einem komplexen Zusammenspiel aus lebenssituationsspezifischen Entfaltungschancen, Zwängen und Erwartungen sowie Bedürfnissen und Daseinsthematiken einerseits und den technischen Affordanzen eines Mediums andererseits geprägt ist” (251). Wenige Seiten davor (238) exemplifiziert er allerdings, wie Alltagsumbrüche “neue digitale Nutzungsweisen” zeitigen: etwa Onlinepartnerbörsen, um einen neuen Partner/eine neue Partnerin nach der Trennung kennenzulernen, Einkaufen per Onlineshopping, um das neu geborene Kind ständig betreuen zu können, Telefonieren via Skype, um mit den flügge gewordenen Kindern über raumzeitliche Distanzen Kontakt zu halten etc. – alles Nutzungs- und Aneignungsweisen, die von beiden Polen, vom veränderten Alltag wie von innovativen Medientechnologien bestimmt sind. Mithin wird man den Analyseblick entsprechend zugleich weiten und schärfen müssen, um gerade als Kommunikations- und Medienforscher beide Dynamiken angemessen in den Fokus zu bekommen.

Links: