Stephan Eisel: Internet und Demokratie


Von Redaktion am 4. Mai 2012

Rezensiert von Martin Emmer

Potenzielle Leser dieses Buchs sollten sich von Anfang an im Klaren darüber sein, dass das zu Beginn formulierte Ziel dieses Buchs, einen “nüchterne(n) Blick auf die Chancen und Gefahren” (26) des Internets zu werfen, nicht einmal ansatzweise eingelöst wird. Das Buch sollte eher gelesen werden als ein exemplarisches Panorama der Ratlosigkeit und der Ängste großer Teile der etablierten politischen Klasse im Umgang mit der Digitalisierung unserer Gesell- schaft, insbesondere des konservativen Lagers – und als solches hat es durchaus Informationswert. Der Leser wird Zeuge wie der Autor – langjähriges Mitglied und Mitarbeiter von CDU, Konrad-Adenauer-Stiftung und Deutschem Bundestag – über dreihundert Seiten versucht, seine kognitive Dissonanz im Umgang mit digitalen Medien zu bewältigen. Dabei nimmt er wenig Rücksicht auf die breite Faktenlage, eine widerspruchsfreie Argumentation oder ordentliche Quellenarbeit, wenn er sich und die Leser ständig entweder der Irrelevanz und Wirkungslosigkeit oder der dramatischen Gefährlichkeit ‘des Internets’ für den politischen Prozess versichern muss.

So diskutiert der Autor in fünf Teilen und zwanzig Kapiteln die politisch relevanten Problemfelder, die das Internet berührt: Menschenwürde, Persönlichkeitsschutz, politischer Diskurs, Meinungsbildung, politische Entscheidungsfindung, Internet- kriminalität und Extremismus. Dass das Buch dabei keinen relevanten Beitrag zu einer sachlichen und wissenschaftlich fundierten Debatte um die politische Rolle von Digitalisierung und Online-Kommunikation leisten kann, sondern als klare politische Positionierung verstanden werden sollte, hat eine Reihe von Gründen:

1. Der Autor definiert die für eine sachliche Abwägung nötigen zentralen Begriffe nicht eindeutig, wie es dem formulierten Anspruchs eines Überblicks bzw. einer systematischen Analyse angemessen wäre. Dadurch sind die zentralen Gegenstände im weiteren Verlauf des Buches sehr flexibel für alles Mögliche einsetzbar: Das “Internet” beispielsweise ist einmal ein Netzwerk, das sich erst durch die Nutzung durch die Menschen konstituiert (23), mal ein dem Telefon ähnliches “Medium” (41), ein technisches Hilfsmittel (280), ein öffentlicher Raum (165),  an anderen Stellen wiederum tritt es als Akteur auf, der z.B. als kulturelles Gedächtnis “doppelgesichtig” (149) und dabei auf “immer größere Informationsauswahl fixiert” ist und dadurch unkontrollierbare Wirkungen auslösen kann. Gleiches gilt für ebenfalls zentrale und häufig verwendete Konzepte wie “die Netzcommunity” oder “Öffentlichkeit”. Subjektive Abqualifizierungen, z.B. von Kommunikationsinhalten in Onlinemedien als “unwichtig” oder “unsinnig” (59), widersprechen dem Anspruch einer neutralen Analyse ebenfalls deutlich.

2. Das Buch hat einen umfangreichen Quellenanhang, der auf 60 Seiten 727 Verweise versammelt. Das erweckt den Eindruck besonderer Sorgfalt, der Umgang mit diesen Quellen ist aber in vielerlei Hinsicht genau das Gegenteil. So bestehen weite Teile des Textes aus einem Patchwork aus wörtlichen Zitaten, was die Zuordnung von Aussagen, die Unterscheidung von Fakten, Wertungen und Einordnungen stark erschwert. Dramatischer ist noch, dass der empirische Forschungsstand in wesentlichen Abschnitten völlig ignoriert wird. Kapitel 12 etwa versucht nachzuweisen, dass das Internet zu Fragmentierung und Rückzug in sogenannte “Echokammern” führt, in denen Gleichgesinnte nur noch die eigenen Interessen und Meinungen hören und verstärken. Belegt werden diese Behauptungen im Wesentlichen mit frühen Quellen aus den späten 90er Jahren; die Tatsache, dass die empirische Forschung der letzten zehn Jahre all diese Befürchtungen kaum belegen konnte (Emmer/Wolling 2010), wird völlig ignoriert. Dem Leser wird hier eine fiktionale Welt präsentiert, wie sie sich die Theoretiker des frühen Internets erdacht haben, die aber an den heutigen tatsächlichen Zuständen – und an den durchaus vorhandenen und diskussionswürdigen Problemen – leider vollkommen vorbeigeht.

Dramatisch ist die selektive Wahrnehmung des Autors dort, wo Quellen inhaltlich verstümmelt oder falsch wiedergegeben werden. So ließen sich unzählige Beispiele etwa für eine äußerst willkürliche Auswahl von Quellen finden. Ein besonders dramatischer Fall unsachlichen Umgangs mit Quellen ist aber die Zusammenfassung der eigenen Forschungsergebnisse des Rezensenten, die er um einen wesentlichen Detailbefund gekürzt fand: Während unsere vielfach publizierten Ergebnisse (zusammengfasst in: Emmer/Vowe/Wolling 2011) gezeigt haben, dass die Nutzung politischer Informationsnutzung durch den Internetzugang zunimmt und als positiver Effekt des Internets (“selektive Mobilisierung”) im Zeitverlauf stabil bleibt, das Internet daneben aber auf andere Formen politischer Kommunikation keinen Einfluss hat, liest sich dies bei Eisel so: “Bei Interneteinsteigern bleibt das Interesse an politischer Online-Information stabil, es kommt aber im Lauf der Zeit eben ‘nicht zu einer Mobilisierung in der interpersonalen oder gar der Partizipationskommunikation.’” (53). Der Befund eines partiellen, aber durchaus robusten Mobilisierungseffekts wird hier durch eine kleine Kürzung unterschlagen und so praktisch ins Gegenteil verwandelt.

3. Unklare Begrifflichkeiten und selektiver Umgang mit Quellen verbinden sich schließlich mit einer in Teilen eristischen Dialektik (Schopenhauer 1983). Wie aus dem Lehrbuch (Schopenhauers “Kunstgriff 3″) werden vermeintliche Gegenpositionen häufig bis in Extreme ausgeweitet, die sich dann mit Leichtigkeit widerlegen lassen. Hier einige Beispiele von vielen: “Es wäre ein großer Fehler, von einer Welt auszugehen, ‘in der nicht existiert, was nicht digital existiert’” (48); “das Internet (kann) nicht ausschließlich den … öffentlichen Raum in unserer Gesellschaft herstellen” (165); “… das Recht auf Repräsentation durch Fokussierung auf die plebiszitären Versuchungen des Internets leugne(n)” (206); all diese Dinge sind ohne Zweifel abzulehnen, Stephan Eisel bleibt jedoch alle Belege dafür schuldig, dass solche Positionen ernsthaft in der heutigen Debatte um die Rolle des Internets in der Politik vertreten würden. In diesen Abschnitten zeigt sich besonders deutlich, dass das Buch vor allem die Grundangst konservativer Politiker verhandelt: die Angst vor der vollständige Auflösung aller über Jahrzehnte hinweg gepflegten, vertrauten Werte, Prozesse und Akteure.

Das Buch ist angesichts der oben diskutierten Schwächen nicht als Einstiegsliteratur zu empfehlen. Es könnte aber trotz aller sachlicher Unsauberkeiten einen wertvollen Beitrag zur politischen Debatte um die Nutzung des Netzes für politische Kommunikation und dessen kommunikationspolitische Regulierung liefern, wenn es nicht versuchen würde, sich als neutraler analytischer Beitrag zu maskieren, sondern offen als parteiische, konservative Positionsbestimmung in der netzpolitischen Debatte auftreten würde. Gerade hier besteht ja ein erheblicher Nachholbedarf.

Online-affine Leser sollten der Versuchung widerstehen, das Buch als weiteren Beleg für eine lächerliche Weltsicht eines weiteren ‘Internetausdruckers’ abzutun, sondern es als Chance betrachten, einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines digitalen Einwanderers und Skeptikers zu gewinnen, der – das dokumentiert er in einem durchaus interessanten, aber etwas knappen Kapitel – durchaus Bereitschaft zu und auch langjährige Erfahrung mit dem politischen Einsatz von Online-Medien mitbringt. Die Möglichkeit, Ansatzpunkte für den Abbau von Ängsten und der Entwicklung eines Dialogs zu ermitteln, bietet das Buch immerhin.

Literatur:

  • Emmer, M.; G. Vowe; J. Wolling: Bürger online. Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland. Konstanz [UVK] 2011. (http://www.buerger-online.net)
  • Emmer, M.; J. Wolling: Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit. In Beck, K.; Wolfgang Schweiger (Hrsg.): Handbuch Online-Kommunikation. Wiesbaden [VS Verlag] 2010, S. 37-59.
  • Schopenhauer, A.: Eristische Dialektik. Die Kunst, Recht zu behalten. Zürich [Haffmans] 1983.

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