Stefan Weidner: Jenseits des Westens

Rezensiert von Caroline Lindekamp

Katastrophen, Kriege, Krankheiten: Blicken die Medien hierzulande auf Länder jenseits ihres eurozentrischen Fokus, ist diese punktuelle Betrachtung dominiert von Negativschlagzeilen – eben den berühmten drei K. Eine begrenzte Themen- und Ländervarianz in der Auslandsberichterstattung verzerrt unser Bild entsprechender Nationen. Genau diese Diskrepanz erlebte Islamwissenschaftler Stefan Weidner bei seiner ersten Reise nach Nordafrika. Mit ihr steigt er in Jenseits des Westens ein: In Marokko suchte Weidner die absolute Fremde fern “seiner kleinbürgerlichen Schein-Idylle“ (9), um der Selbstentfremdung im positiven Sinn zu entfliehen. “Die Fremde ent-fremdete mich, machte, dass ich mich weniger fremd fühlte – zuerst mir selbst gegenüber, dann im Verhältnis zu meiner Umwelt.“ (11)

Das Gegenüber von Fremde und Heimat überträgt Weidner in den folgenden gut 300 Seiten auf eine gesellschaftliche Dimension und macht es zu einer “globalen Problematik“ (202). Damit rührt er am Kern einer Debatte, die auch die Kommunikationswissenschaft führt. Diese dreht sich um die Hypothese, Konzepte wie Demokratie und Theoriemodelle zu deren Erforschung seien universell gültig und anwendbar. Weidner entkräftet derartige Ansprüche an Universalismus als Zeugnis eurozentrischer Hegemonie und wendet sich ebenso von Dogmatikern der anderen Seite der Kontroverse ab, indem er sich – wie schon im Untertitel angekündigt – für ein neues kosmopolitisches Denken einsetzt. Dabei zehrt er philosophisch von den Denkern der Aufklärung (vgl. 13) sowie den Lehren verschiedener Weltreligionen (vl. etwa 294ff.) und verortet seine Publikation geographisch nicht ausschließlich, aber vor allem in der MENA-Region (Middle East and Northern Africa) – eben dort, wo er Fremdheit und Heimat für sich in eine neue dialektische Beziehung zueinander brachte.

Universalismus beanspruchen Weltenbürger, die territoriale Grenzen transzendieren und die Welt ohne Differenz denken. Ihre Entfremdungsintoleranz leugnet ab, dass es überhaupt Fremdheit gibt (vgl. 175). Regelmäßig wird dieses Begründungsnarrativ als imperialistisch kritisiert. Damit übereinstimmend nimmt Weidner ihm seine Glaubwürdigkeit, indem er ein Paradox aufdeckt: “Wer den vermeintlich wohlmeinenden westlichen Universalismus nicht schlucken will, fällt heraus und wird nicht mehr wohlmeinend betrachtet, sondern gilt als Gegner“ (250). Ausnahmen sind unerwünscht, denn sie stellen die eigenen Anschauungen in Frage – so wird der Anspruch an Universalismus zum Dogma. Denn “die Verwestlichung ist selten bis nie eine Frage der Wahl“ (86). “Westernize or perish“ ist die Pointierung, zu Deutsch etwa “Verwestliche oder gehe unter“, die Weidner von dem in der akademischen Welt gängigen “Publish or perish“ ableitet (86).

Mit der Herleitung schlägt Weidner die Brücke zur Wissenschaft, die sich angesichts der eigenen Globalisierungstendenzen mit genau dieser Thematik auseinandersetzen muss. Das gilt für Wissenschaft im Allgemeinen, für die Sozialwissenschaften im Speziellen und ganz entschieden auch für die Kommunikationswissenschaft. Die Internationalisierung betrifft Journalismus und Medien als Forschungsgegenstand sowie Methoden und Theorien als ihre Forschungswerkzeuge. Technologischer Fortschritt erleichtert den Zugang zu ausländischen Mediensystemen, erweitert damit die potentielle Datenbasis und ermöglicht länderübergreifende Forschungskooperationen.

Doch der Trend zu international vergleichender Journalismusforschung kommt nicht ohne Herausforderungen: Während sich Mediensysteme und Journalismus in Interrelation mit dem sie umgebenen System in etablierten Demokratien und umso mehr in Transformationskontexten rapide wandeln, erweitern sich die Modelle zu ihrer Erforschung zwar, sind dabei aber immer geprägt von der westeuropäisch-nordamerikanischen Dominanz. Weidner verweist als Beispiel für den westlichen Machtanspruch in der Wissenschaft (vgl. 99) auf Schlesinger (1992, S. 127), der betont: “Nur im Okzident gibt es ‘Wissenschaft‘ in dem Entwicklungsstadium, welches wir heute als ‘gültig‘ anerkennen.“ Kritiker der Überpräsenz derartig geprägter Ansätze erwidern: Die Wissenschaft verwestlicht ihre Sichtweise auf nicht-westliche Forschungsgegenstände und verzerrt damit unsere Wahrnehmung. Entsprechend fordern sie “Entwestlichung“, im internationalisierten Diskurs gängiger geläufig unter dem englischen “De-Westernization“.

Waisbord und Mellado (2014) betrachten die Problematik speziell in der Kommunikationswissenschaft und richten denselben Vorwurf an Ent- wie Verwestlicher: Beide würden Fragen beantworten, bevor diese überhaupt gestellt werden. Wenn Kommunikationswissenschaft in erster Linie der Erhaltung ihrer bestehenden Ausdrucksformen dient, sei sie nicht bereit, die eigenen Lehren, Texte und Traditionen zu revidieren, und nicht fähig, sich anderen Kulturräumen angemessen zu öffnen.

Derartige Vorwürfe in Richtung Wissenschaft sind nicht neu. Edward W. Said adressierte sie zunächst an die westeuropäische und nordamerikanische Orientwissenschaft und trat damit eine fächerübergreifende Debatte los. Er skizziert in Orientalism (1979) Orientalismus als ein politisiertes Konstrukt des Westens, das die Unterschiede zwischen Okzident und Orient übertreibt und verstärkt. Der Okzident erzeuge den Orient in herabsetzender Abgrenzung zu sich selbst und gründe die Beziehung beider auf dieser vergleichenden Hegemonie. Weidner widerspricht dem nicht, doch er moniert, dass der radikale postkoloniale Diskurs in der Nachfolge Saids keinen positiven Gegenentwurf bereitstelle. “Der Grundmodus dieser Kritik verbietet die positive gesellschaftspolitische Vision gleichsam von selbst“ (251).

Zwischen den Extremen Universalismus und Partikularismus verortet Weidner seine Forderung nach einem neuen kosmopolitischen Denken, “das nicht lediglich die Universalisierung eines lokalen, kulturspezifischen, einer bestimmten Entwicklung und Tradition sich verdankenden Narrativs ist, […] sondern zunächst nur den politischen Raum, den Gesprächsraum eröffnet und offenhält, der allenfalls den Diskussionen einer globalen Problematik angemessen wäre“ (202). Neuer Kosmopolitismus könne und wolle Errungenschaften, die herkömmlich als westliche gelten oder im Westen entstanden sind, nicht einfach über Bord werfen. Stattdessen “müssen wir den ‘westlichen‘ Universalismus auf seine Ursprünge zurückverfolgen und uns fragen, wann, warum und ab welchem Moment er problematisch wird“ (91).

Weidner kommt dieser Forderung selbst nach, denn mit Jenseits des Westens wird er einmal mehr zum Kulturvermittler. Das Buch sei “wenig mehr als ein kuratierter Mitschnitt, Auszug eines unendlich viel größeren Gesprächs, eines zugleich, hoffe ich, auch älteren und zukünftigen“ (325). Weidner hält den Dialog offen, denn letztlich bindet er den Leser allein durch das Lesen in diesen ein. Wo die wissenschaftliche Debatte ein Publikum jenseits der eigenen akademischen Gemeinschaft kaum erreicht oder auch nur adressiert, schafft er einen Brückenschlag.

Eines bleibt Weidner dem Leser jedoch schuldig: Einen konkreten Vorschlag, wie das neue kosmopolitische Denken umsetzbar ist, macht er nicht. Hier kann eine Wissenschaft ansetzen, die jenseits von Dogmatismus denkt.

Literatur:

  • Said, Edward W.: Orientalism. Western representations of the Orient. London [Vintage Books] 1979.
  • Schlesinger, Arthur M.: The disuniting of America. Reflections on a multicultural society. New York [Norton] 1992.
  • Waisbord, Silvio; Claudia Mellado: De-Westernizing Communication Studies: A Reassessment. In: Communication Theory, 24, S. 361–372.

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