Sabine Pfeiffer: Digitalisierung als Distributivkraft


Von Redaktion am 13. Oktober 2021

Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Spätestens seit der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Dan Schiller 1999 den Begriff des “digitalen Kapitalismus” prägte, kursiert er durch die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion meist als Schlagwort, höchstens als heuristische Kategorie, denn eine profunde und zugleich detaillierte Theorie mit evidenten Kriterien liegt bislang nicht vor. So lautet die Einschätzung der Arbeits- und Techniksoziologin Sabine Pfeiffer, nachdem sie die Arbeiten der wichtigsten aktuellen Protagonisten, insbesondere die von Dan Schiller (2014), Michael Betancourt (2015)  und Philipp Staab (2019), geprüft hat. Letztere unterzog sie den speziellen Kategorien von “Dynamik – Transformation – Akteure”, “Immaterielles – Arbeit – Wert” sowie von “Knappheit – Unknappheit – Krise” (33). Bei allen drei Autoren registriert sie die eine oder andere Übereinstimmung, aber auch gravierende Abweichungen und Lücken. Doch keine liefert für all diese Kategorien eine erschöpfende und plausible Erklärung, so dass die Autorin einen eigenen, originellen, weitgehend auf Marx rekurrierenden Ansatz zur Definition und Erklärung des “digitalen Kapitalismus” vorlegt, der beim gegenwärtigen Entwicklungsstand nicht mehr in der Entfaltung und Produktivität der Produktivkräfte wurzelt, sondern in der der Distributivkräfte (wie der Titel schon annonciert) – eine eigene Wortschöpfung, die es ausführlich zu begründen gilt.

Dazu holt die Autorin weit und gründlich aus: Mit der in London lehrenden Ökonomin Mariana Mazzucato (2018)  klärt sie den Begriff »Wert« (im Marxschen Sinne), den sie als Scharnier zwischen den skizzierten Analysen und ihrem Ansatz der Distributivkraft begreift. Mazzucato beschäftigt sich mit den ökonomischen  Logiken und Prozessen der digitalen oder der von der Digitalisierung getriebenen Ökonomie und der veränderten Rolle des Staates, der die Risiken der Innovation und Transformation trägt, während die Privatwirtschaft und die Investoren die erzielten Gewinne einstecken.

Auch das dialektische Verhältnis von Tausch- und Gebrauchswert ändert sich, wie Pfeiffer betont und an der Herstellung einer App exemplifiziert: Die zunächst einmalige Programmierung, die Produktion, erzeugt einen abstrakt-stofflichen Warenkörper (Code), der sich (durch Kompilierung und Kopierbarkeit) als besonders tauschwertkompatibel erweist. Möchte man mehr davon für den Markt, braucht man keine neuerliche Produktion, sondern die App wird über einen Appstore verbreitet und kann unendlich kopiert werden. Diese scheinbar völlige Loslösung der Gebrauchswertproduktion von der Warenproduktion mutet zunächst wie ein wahrgewordener Traum des Kapitalismus an. Der Tauschwert lässt sich unendlich realisieren. Dieser neuen Form der Wertrealisierung schenke Mazzucato zu wenig analytische Beachtung, kritisiert Pfeifer am Ende und vertieft die Begründung ihres Ansatzes weiter – womit sie Geduld und theoretische Anstrengung der Leser*innen weiter beansprucht.

Denn eine weitere Stufe des Kapitalismus, also die digitale, lässt sich nach ihrem Dafürhalten im Sinne Marx‘ erst konstatieren, “wenn an den ökonomischen Prinzipien etwas umgestaltet wird” (99). Also müsse man »hinter« die Phänomene schauen und bei den ökonomischen Prinzipien suchen. Dafür zieht sie Marx‘ Theorie der Produktivkraftentwicklung heran und fragt mit Karl Polanyis Analyse der “Great Transformation”  anhand der Herausbildung des industriellen Kapitalismus nach substantiellen Kriterien der Veränderung. Doch die Perspektive der beiden ist unterschiedlich: auf die Einkaufsseite (vor allem der Arbeitskraft) bei Polanyi, auf den Produktionsprozess und der Nutzung menschlicher Arbeit zur Wertgenerierung (und dessen einseitiger Aneignung) bei Marx. Beide vernachlässigen die Wertrealisierung, die im entwickelten Kapitalismus, egal ob traditionell industriell oder digital, immer wichtiger wird. Diese entfaltet nun die Autorin systematisch, und zwar entlang der drei treibenden Dynamiken: Marktausdehnung, Konsum und Krise. Auf sie müssen die Unternehmen ständig und flexibel reagieren und die Wertrealisierung möglichst umfassend sicherstellen. Dafür haben sie – so die Autorin – drei zentrale Distributivkräfte entwickelt und verbessern sie ständig weiter; nämlich Werbung und Marketing, Transport und Lagerung sowie Steuerung und Prognose. Diese Distributivkräfte stellt die Autorin in den weiteren Kapiteln ausführlich dar und exemplifiziert sie auch an empirischen Beispielen: an den Internet-Giganten GAFAM als Plattformökonomie, an digitalen Technologien und ihren Potenzialen sowie an der Transformation der Arbeit selbst.

Allerdings fallen diese Fallstudien nicht so differenziert und tiefschürfend aus. Denn Pfeiffers Erklärung des gegenwärtigen, womöglich “digitalen Kapitalismus”  fokussiert auf besagte Wertrealisierung als Folge der anhaltenden Krise und Überproduktion und nicht mehr – wie noch bei Marx – auf die Wertgenerierung, auch wenn sie am Ende nochmals betont, dass sie ein Teil der Produktivkraftentwicklung sind:

“Immer wettbewerbsentscheidender wird es […], neue Märkte zu erschließen und beim Absatz schneller zu sein als die Konkurrenz. Daher fließen immer mehr Aufwände in Werbung und Marketing (Konsumanstiftung), Lagerung und Transport (schneller am Point of Sales) und die Prognose und Steuerung des Absatzes (Markt und Produktion präziser und in Echtzeit aufeinander abstimmen). Und hier versprechen digitale Technologien (insbesondere Künstliche Intelligenz und Big Data) sowie digitale Geschäftsmodelle (vor allem durch personalisierte Werbung und die Multiplikation der Point of Sales in Raum und Zeit) die wirksamste Abhilfe. Weil Märkte und Konsum begrenzt sind, profitieren von diesen Optionen diejenigen Unternehmen am meisten, die sich ohne Zögern und besonders konsequent digital transformieren” (270).

Ohne Frage, diese Perspektiven-Erweiterung ist unerwartet und originell, lohnt weiter diskutiert und empirisch validiert zu werden (auch ohne die gründlichen Exkurse in die Marxsche Exegese, wie die Autorin selbst einräumt). Denn in aktuellen Debatten wird ja vorrangig in den modernen Industriegesellschaften die Digitalisierung der Produktion betont und die Transformation der physisch produzierenden Industrie in immaterielle Dienstleistungen, Blaupausen und in das digitale Management weltweit arbeitsteiliger Produktionsprozesse. Insgesamt handelt es sich um eine sehr konzise, strukturierte, transparente und gewissermaßen didaktisch vorgehende Studie, in der die Autorin auch ihr persönliches Engagement einbringt – was bei einer solch komplizierten Thematik selten ist.

Statt eines Fazits am Ende öffnet die Autorin über Reproduktion und Destruktion die Perspektive noch auf ökologische Fragen sowie auf die Künstliche Intelligenz oder das maschinelle Lernen, was recht plötzlich kommt und nicht mehr in die gelobte Logik passt. Mit Marx weist sie nochmals darauf hin, dass der Kapitalismus nicht nur den Menschen, sondern auch die Natur ausbeutet. Und da er auf stetes Wachstum getrimmt ist, lässt sich auch der Verbrauch der endlichen Ressourcen nicht stoppen, wie viele Studien belegen. Auch die Digitalisierung zehrt sie auf und produziert weitere ökologische Schäden. Marktapologeten behaupten nun, dass modernste digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen diesen Trend umkehren oder zumindest das enge Junktim zwischen Wachstum und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen auflösen können. Dem widerspricht die Autorin in einer ausführlichen Argumentation und endet in einer düsteren Erkenntnis: “Die maßlose Benutzung und Ausnutzung von Mensch, Natur und Gesellschaft lässt sich wohl kaum mehr allein damit mildern oder gar stoppen, dass die einen sich einschränken und die anderen ihre Sorge-Aktivitäten ausweiten. Wir werden nicht darum herumkommen, auch nach den systematischen Gründen zu fragen, die immer neue Monster schaffen und das systematische Kümmern um unerwartete Folgen nur dann erlauben, wenn sich daraus ein Geschäftsmodell machen lässt” (288). Dazu wird es noch viel analytischer Schärfe und konstruktiver Phantasie bedürfen.

Literatur:

  • Betancourt, Michael: The Critique of Digital Capitalism: An Analysis of the Political Economy of Digital Culture and Technology. Cincinnati, North Charleston [2015] Punctum Books
  • Mazzucato, Mariana: The Value of Everything: Making and Taking in the Global Economy. London [2018] Allen Lan
  • Polanyi, Karl: The Great Transformation: The Political and Economic Origins of Our Time. Boston [2001] Beacon
  • Schiller, Dan: Digital Depression: Information Technology and Economic Crisis. Urbana, Chicago, Springfield [2014] University of Illinois Press
  • Staab, Philipp: Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit. Frankfurt a.M. [2019] Suhrkamp

Links: