Sabine Coelsch-Foisner, Christopher Herzog (Hrsg.): Visualisierung


Von Redaktion am 7. Juli 2021

Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Menschheits- und kulturgeschichtlich war das (fixierte) Bild vor dem (geschriebenen) Wort. Seither beschäftigt sich die Menschheit mit jeweils unterschiedlichen Zugängen, Wertungen und Schwerpunkten mit dem “Bildwerden und dem Bildgeben”, verstanden als universelle Visualisierung (19), so die Herausgeberin, die Salzburger Anglistin S. Coelsch-Foisner in ihrer grundlegenden Einleitung dieses Sammelbandes. Entstanden ist er nach der Jahrestagung des fünften Forschungsclusters der ARGE “Kulturelle Dynamiken” der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG) 2018 in Wien. Das Hauptaugenmerk der Tagung lag auf den Zusammenhängen von eikon und episteme – von Bild und Erkenntnis – in ganz verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, für unterschiedliche Erkenntnisobjekte und Themen und auch in künstlerischen Dimensionen. Erkenntnisziel war die interdisziplinäre Reflexion von “Dynamiken des Visualisierens” sowie die Auslotung “konzeptioneller und methodologischer Schnittmengen einzeldisziplinärer Ansätze und visueller Praktiken in Wissenschaft und Kunst” (9).

Dementsprechend fallen die hier versammelten zehn Beiträge ganz heterogen aus, da sie in diversen Disziplinen und Kunstpraktiken verortert sind, und sie sind von einem einzelnen Rezensenten kaum angemessen zu beurteilen. Übergreifende, ebenso analytische wie thematische Klammer, so die Herausgeberin abermals, soll die Prämisse sein, dass Visualisierung eine “Denk- und Kulturleistung” und ein “Indiz für das kognitive und konstruktive Potenzial Einzelner und ganzer Gesellschaften” (Ebd.) sei. Diese Klammer bleibt allerdings vage oder abstrakt; sie lässt sich schwerlich überall und konkret genug entdecken. Vermutlich kann dies wohl kaum präziser geschehen, da der Band sich anschickt, vielfältige Objekte in der Menschheits- und Kulturgeschichte hinsichtlich Bildlichkeit zu überblicken. Schon in besagter Einleitung streift die Herausgeberin souverän durch sie: beginnend etwa bei Bildkonzepten der Renaissance und der frühen Neuzeit, der damaligen Entwicklung optischer Instrumente, vorbei an Johannes Keplers Optiktheorie mit seiner Unterscheidung von imago (dem wahrgenommenen Bild) und pictura (dem physischen Bild), das von der camera obscura projiziert werden kann (eine Unterscheidung, die die englische Sprache bis heute kennt) bis hin zu den 1980er Jahren, mit ihren vielfältigen Termini, um die vorherrschenden Visualisierungstrends in Wissenschaft und Praxis zu kennzeichnen – wie etwa iconic turn (Gottfried Boehm), visual turn (Klaus Sachs-Hombach) u.v.a. m. – und endlich zu den digitalen Techniken heute, die Visualität und Bildlichkeit mit ihren immateriellen Potenzialen ganz neu zu denken, formieren und nutzen zwingen.

Allerdings werden diese von den vorwiegend historisch und/oder idiographisch ausgerichteten Beiträgen höchstens am Rande thematisiert. Rubrizieren lassen die sich nach ihrer eher geisteswissenschaftlich-historischen, naturwissenschaftlich-medizinisch-technischen und künstlerischen Provenienz. Zu Beginn stellt U.B. Sleytr die Synthetische Biologie als neue interdisziplinäre Wissenschaftsdisziplin vor, die „bezüglich der Methoden, der Zielsetzungen und der Perspektiven einen Paradigmenwechsel zur traditionellen Biologie einleitet” (28). Ihre verändernden Potenziale lassen sich auch durch maskenartige Tonskulpturen visualisieren. Einen “kunstgeschichtlichen Streifzug durch die Geschichte der Visualisierung” (45), von steinzeitlichen Handabdrucken zu Social Media Likes, illustriert mit vielen exemplarischen Abbildungen, liefert sodann E. Pokorny.

Bildgebende Verfahren sind in der Neurologie schon länger eingeführt. G.K. Kovacs zeigt in seinem Beitrag, welche bedeutende Funktionen Musteranalysen für die Interpretation visualisierter Strukturen haben und welche Verbindungen zur Kunst bestehen. Als “Medien eines unbegrifflichen Denkens” (97) versteht R. Innerhofer Bilder im Allgemeinen und Sprachbilder im Besonderen und zeigt an Beispielen utopischer Literatur deren ästhetische wie politische Funktionen. Danach erlaubt L. Stumpfögger einen “Einblick in die Köperwerkstatt der Schauspielkunst” (119). Ausgehend von Brechts Metapher vom Bild des Körpers als einer Live-Skulptur will sie dazu motivieren, den Körper und seine Bewegungen auf neue Art sehen zu lernen.

In der klassischen Archäologie wird seit jeher, so W. Wohlmayer, das Spannungsverhältnis von “Sichtbarmachung” und “Veranschaulichung” diskutiert (137). Er fokussiert darüber hinaus das Berühren bzw. Ertasten von Ausgrabungsgegenständen als “ertastendes Sehen” und veranschaulicht diese Intention an vielen Beispielen. Die Welt nicht nur von oben zu sehen, sondern auch von ihrer Unterseite, dafür plädieren M. Fiebig, S. Gruppe und Th. Payer. Am Beispiel des “Wiener Untergrunds” zeigen sie Veränderungen und nicht zuletzt Umweltzerstörungen durch menschliche Achtlosigkeit auf.

Armut ist in den reichen Industriestaaten nur selektiv sichtbar. C. Segmak und E. Kapferer wollen den Zusammenhang von Sehen und Armut auf verschiedene Weise herausarbeiten und dabei “besonderes Augenmerk auf Mechanismen der Visualisierung als unter der Oberfläche Befindliches” legen, um “eigentlich Nicht-Sichtbares vor Augen zu führen” (177). Schließlich führt die Herausgeberin ein Gespräch mit dem Bühnen- und Kostümbildner H. Kapplmüller und dem Theatermacher T. Tesche über die Visualisierung szenischer und mimetischer Räume im Theater. Wie Bühne dabei zum Illusionsraum oder aber wie die Illusion des Guckkastenbildes durchbrochen werden, ist eines der Themen. Darüber hinaus werden etliche andere Aspekte, Thesen und Interpretationen zum Theater-Raum artikuliert, die anhand symptomatischer Abbildungen veranschaulicht werden.

Der Band beeindruckt nicht nur durch eine heutzutage ungewöhnliche sorgfältige und aufwendige Edition, er präsentiert sich auch durch unzählige Illustrationen und Fotografien, angefangen von Kapplmüllers “Daumenkino” bis hin zu seinen Fotografien im “Perspekteure-Buch” im Anhang, in ungewöhnlicher Bildlichkeit. Ob er allerdings das Anliegen der Herausgeberin, die “wechselseitige Abhängigkeit vom Denken über Bilder und vom Denken in Bilder” (23) über die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen und die Kunst hinaus einzulösen vermag, sei dahingestellt. 

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