Partizipativer Journalismus – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ausgabe 1/2012

Der Begriff Partizipation ist in den vergangenen Jahren zu einem vermeintlichen Zauberwort geworden – nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch im Journalismus. Vor dem Panorama der Werbe- und Medienkrise werteten viele Beobachter die stärkere Einbindung der Nutzer als Wundermittel im Kampf gegen die Erosion redaktioneller Ressourcen. Was genau jedoch unter sinnvoller Nutzerpartizipation zu verstehen ist, blieb vielen der beteiligten Akteure dabei unklar. Viele Verlagshäuser verordneten sich ein “Mitmachen beim Mitmachen”, häufig jedoch ohne zielgerichtete Strategie. “Irgendwas 2.0″ nennt Thorsten Quandt derartige Vorstöße. Liest man seinen Beitrag in der neuen Ausgabe des Journalistik Journals (JoJo), eine pointierte Zusammenfassung einer internationalen Vergleichsstudie zum Status quo des Mitmach-Journalismus, wirkt Partizipation eher wie ein “Plastikwort”, eine jener “sprachlichen Attrappen” also, die sich mit Uwe Pörksen auf alles anwenden lassen, im Inneren jedoch leer bleiben. Von Zauber keine Spur!

Das neue JoJo-Themenheft möchte dazu beitragen, die Diskussion über Partizipation im Journalismus zu systematisieren – und ihr dadurch zu ein wenig mehr Sub­stanz verhelfen. Dazu gehört nicht nur eine grundsätzliche Beschäftigung mit Begriff und Gegenstand des partizipativen Journalismus, wie Sven Engesser sie anbietet. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit der historischen Dimension des Themenfeldes. Denn Mitmach-Journalismus ist keineswegs ausschließlich an netzbasierte Anwendungen wie Weblogs, Wikis, Video- oder Netzwerkplattformen gebunden. Wie vor allem Thomas Birkner und Wiebke Loosen zeigen, gab es User Generated Content schon lange vor dem Aufkommen des Web 2.0: “Jahrhunderte der Mediengeschichte wären ohne die aktive Partizipation von Bürgern in den Medien gar nicht möglich gewesen. Im Jahre 1899 bat beispielsweise die Berliner Illustrierte Zeitung ihre Leser darum, Fotos […] einzusenden – bei Veröffentlichung gab es dafür 200 Mark.” Und auch der klassische Leserbrief, das Hörer-/Zuschauertelefon und die Offenen Kanäle waren (und sind) etablierte Plattformen der Nutzerbeteiligung, die nicht erst auf die Verbreitung des Internets warten mussten, um ihre unbestrittenen Potenziale unter Beweis zu stellen.

Unbestritten ist allerdings auch, dass die Partizipationsbarrieren durch die technischen Möglichkeiten des Internets heute so niedrig wie nie zuvor sind. Insofern ist es lohnenswert zu analysieren, wie sich die etablierten Instrumente der Publikumsinklusion unter den Bedingungen des Web 2.0 verändern und weiterentwickeln. Die neue JoJo-Ausgabe untersucht dies in verschiedenen Fallstudien: Annika Sehl, Hannah Lobert und Michael Steinbrecher stellen Ergebnisse ihrer Begleitforschung zum partizipativen TV-Lernsender nrwision vor und vergleichen dessen Merkmale mit denen des Social Web. Ilka Lolies erörtert das diskursive Potenzial von Online-Kommentaren im Vergleich zum herkömmlichen Leserbrief. Wiebke Möhring diskutiert die besonderen Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung im Lokaljournalismus. Und Hanna Jo vom Hofe und Chris­tian Nuernbergk präsentieren Befunde einer Redaktionsbefragung zur Nutzung des Microblogging-Dienstes Twitter im professionellen Journalismus.

Zusammengenommen zeigen die Beiträge, dass trotz günstiger Rahmenbedingungen nach wie vor eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit im partizipativen Journalismus klafft. Ebenso geben sie aber zahlreiche Ratschläge, wie diesem Missverhältnis im Bedarfsfalle entgegenzuwirken ist.

ABSTRACTS

Felix Frey
Mentale Chronometrie in der Kommunikationswissenschaft. Eine methodologische Diskussion von Reaktionszeitmessungen zur Untersuchung unbewusster Rezeptionsprozesse
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Alexander Lindau / Steffen Lepa
Das Unbeobachtbare beobachtbar machen: Dynamische Binauralsynthese als Verfahren zur Untersuchung audiotechnologiebezogener Hypothesen im Rahmen medienpsychologischer Rezeptionsexperimente
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Annika Hamachers / Volker Gehrau
Der Stellenwert der Beobachtung innerhalb der Kommunikationswissenschaft. Eine Analyse empirischer Beiträge aus 22 Internationalen Fachjournals
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Jane Müller (geb. Fleischer)
Medienethnographie online: Einsatz einer Medienethnographie zur Erforschung der Informationsaneignung mittels Onlinemedien
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Felix Sattelberger / Wolfgang Seufert
Beobachtung onlinebasierter Informationssuche und interpersonal-öffentlicher Kommunikationsprozesse. Eine Längsschnittanalyse der Online-Kommunikation über Kinofilme mittels latenter Wachstumskurvenmodellierung
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Denise Sommer / Dorothée Hefner
Von der (Un)Möglichkeit, Medienverweise in Alltagsgesprächen zu beobachten: Kepplinger und Martin (1986) revisited
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Pamela Nölleke-Przybylski
»Was tue ich da eigentlich?« – den Beobachtungsprozess reflektieren
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Johannes Breuer / Malte Elson / Daniel Pietschmann / Benny Liebold
Spectator Mode: Forschungsethische Fragen bei der Beobachtung von Computerspielern
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Christian Schicha
Bildethik – normative Ansprüche an visuelle Diskurse im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis
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Friedrich Krotz
Mediatisierung und die wachsende Bedeutung visueller Kultur: Zum Verhältnis zweier Kommunikationswissenschaftlicher Metaprozesse
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Brenda L. Berkelaar / Luis Francisco-Revilla
Motivation, Evidence, and Computation: A Research Framework for Expanding Computational Social Science Participation and Design
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Rebecca Venema
Bilder – Normen – Diskurse. Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen für die Analyse von Normen in Debatten über visuelle Alltagspraktiken
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Katharina Lobinger
Praktiken des Bildhandelns in mediatisierten Gesellschaften – eine Systematisierung
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Biagio Aragona
Beyond Data Driven Social Science: Researching Big Data Assemblages
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Maria Schreiber / Gerit Götzenbrucker
Körperbilder – Plattformbilder?
Bildpraktiken und visuelle Kommunikationauf Social Media
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Sigrun Lillegraven
Die Reise eines Bildes: eine Visuelle Kontextanalyse im Präsidentschaftswahlkampf von Hillary Clinton
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Ulla Patricia Autenrieth
(Vor-)Bilder: Von Gisele Bündchen zur ›Average Mom‹ –
Die Selbstdisziplinierungsspirale um den ›After-Baby-Body‹ unter den Bedingungen bildzentrierter Kommunikation in vernetzten Umgebungen
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Wolfgang Reißmann
Visualisierung, handlungsorientierte Kommunikationstheorie und private Bildpraxis in dichten Medienumgebungen
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Jan R. Riebling
The Medium Data Problem in Social Science
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Katharina Lobinger / Rebecca Venema / Benjamin Krämer / Eleonora Benecchi
Pepe the Frog – lustiges Internet-Meme, Nazi-Symbol und Herausforderung für die Visuelle Kommunikationsforschung
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Stefan Meier
›Die neue visuelle Authentizität‹
Modifikation des Dokumentarischen als Effekt fortschreitender Mediatisierung
weiterlesen

Christian Schwarzenegger / Jakob Hörtnagl / Lena Erber
Straffer Körper, gutes Leben? –
Fitnessinhalte auf Instagram zwischen Ideal und Selbst und deren Aneignung durch junge Frauen
weiterlesen

Jakob Jünger
Mapping the Field of Automated Data Collection on the Web: Collection Approaches, Data Types, and Research Logic
weiterlesen

Ulla Patricia Autenrieth
Diskurse des (Un-)Zeigbaren und die Rolle von Alter und Geschlecht – am Beispiel #Yolocaust
weiterlesen

Ulla Patricia Autenrieth
Die Theatralisierung der Freundschaft
Zum Einfluss von Bildern und bildbasierter Kommunikation auf Social Network Sites auf die Freundschaftsbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen
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Partizipativer Journalismus – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
  • 1/2012
  • lieferbar

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