Ronja Röckemann

Online-Bewertung von Prostitution/Sexarbeit –

Derivatisierung in Freierforen

Abstract (deutsch)

In ›Freierforen‹ beschreiben und bewerten Freier in sogenannten ›Berichten‹ online ihre Besuche bei Personen, die in der Prostitution/Sexarbeit tätig sind. Die Foren stehen in der Kritik, die darin beschriebenen Personen ›wie Objekte‹ erscheinen zu lassen. Der Aufsatz geht dieser Kritik theoretisch und empirisch fundiert nach. Er fragt, inwiefern und auf welche Weisen die Subjektivität von Personen, die in der Prostitution/Sexarbeit tätig sind, in Freierforen geleugnet oder missachtet wird. In Anlehnung an Konzepte der ›Objektifizierung‹ (NUSSBAUM 2002, LEMONCHECK 1985) unterscheidet er vier Ebenen und unterschiedliche Formen der Missachtung menschlicher Subjektivität. Der Aufsatz basiert auf einer Analyse von 400 Threads aus vier Freierforen. Vorrangig untersucht wurden die Bezeichnungen, Beschreibungen und visuellen Repräsentationen der in Freierforen beschriebenen bzw. bewerteten Personen, mit besonderem Fokus auf Körper-Darstellungen. Darüber hinaus wurden auch Beiträge aus Diskussions-Threads analysiert sowie Foren-Selbstbezeichnungen (z. B. als »Stiftung Hurentest«). Der Aufsatz zeigt exemplarisch Analysebeispiele, in denen den Beschriebenen (1) Lebendigkeit, (2) Empfindungsvermögen, (3) kognitive Kapazitäten und (4) Rechte abgesprochen werden. Er zeigt demgegenüber auch, dass die Beschriebenen parallel dazu in Freierforen als aktiv handelnde, entscheidende und bis zu einem bestimmten Grad auch als achtenswerte Subjekte erscheinen. Der Aufsatz diskutiert, wie diese Muster zueinander stehen und charakterisiert die scheinbaren Widersprüche mit dem Konzept der ›Derivatisierung‹ (CAHILL 2011): Die in Freierforen beschriebenen Personen werden weitestgehend auf den Status von ›Derivaten‹ reduziert, d. h. solcherart Subjekte, die als legitim auf die Subjektivität von Freiern – als Einzelpersonen und Gruppe – reduzierbar gedeutet werden.

Abstract (englisch)

In ›johns‘ forums‹, clients of prostitution/sex work (›johns‹) write so called ›reports‹ in which they describe and rate the people they have visited. These forums are criticized for making the people described in them appear ›like objects‹. This article asks to what extent and in which ways the content of johns‘ forums denies or disregards the subjectivity of people who work in prostitution/sex work. Relying on concepts of ›objectification‹ (NUSSBAUM 2002, LEMONCHECK 1985) the paper distinguishes four levels and different forms of disregard for human subjectivity. The article is based on an analysis of 400 threads from four different johns‘ forums. Priority was given to the analysis of designations, descriptions and visual representations of the people described in the forums, with particular focus on body depictions. In order to answer the research question comprehensively, other dimensions were also part of the study: for example, posts from discussion-threads and forum-labels (such as »Stiftung Hurentest«). The paper presents examples in which the (1) vitality, (2) sentience, (3) cognitive capacities, as well as (4) rights of people who work in prostitution/sex work are denied or disregarded. In contrast, the article also shows that they appear as active, decisive and worthy of respect. The paper discusses how these patterns relate to each other and characterizes the apparent contradictions with the concept of ›derivatization‹ (CAHILL 2011): They are reduced to the status of particular kinds of subjects, ›derivatives‹ who are presented as legitimately reducible to the subjectivity of johns.

[PDF herunterladen]