No risk, no fun! Selbstoffenbarung auf Social Networking Sites

Pressemitteilung vom 6. Juni 2016

No risk, no fun! Selbstoffenbarung auf Social Networking Sites

Warum offenbaren sich Menschen auf Social Networking Sites, obwohl sie um die Risiken für die Privatsphäre wissen? Dieser im digitalen Informationszeitalter zunehmend relevanten Frage ging die Gewinnerin des Herbert von Halem Nachwuchspreises des Jahres 2014, Julia Niemann von der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, in ihrer prämierten Arbeit Risiken und Nutzen der Kommunikation auf Social Networking Sites nach.

Basierend auf der ›Theory of Reasoned Action‹ untersuchte die Kommunikationswissenschaftlerin in einer fundierten Online-Studie mit 1031 Teilnehmern aus unterschiedlichen Alters- und Bildungsschichten die möglichen Hintergründe, warum wir jegliche Bedenken über den Verlust der Privatsphäre beim Benutzen von Plattformen wie z. B. Facebook über Bord werfen. Über eine Milliarde Menschen weltweit nutzen ihren Facebook-Account täglich. Über den Content, den die User dabei fortlaufend generieren, kann Facebook problemlos differenzierte Profile über deren Verhalten und Vorlieben erstellen. Darauf zugeschnitten verkauft der Börsenriese aus den USA Werbeplätze im Wert von derzeit etwa 17 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Somit stellt der Mensch für Facebook nicht etwa nur einen Kunden oder einen Nutzer dar, er wird mit seinen persönlichen Daten zum wichtigsten Rohstoff für das Unternehmen. Obwohl bekannt ist, dass die Sicherheitsstandards in Sachen Datenschutz beim Unternehmen von Mark Zuckerberg zu wünschen übrig lassen und sowohl Regierungen als auch Geheimdienste auf Anfrage am Datenstrom beteiligt werden, kommunizieren die Menschen, auch hier in Deutschland, sehr offen in diesem Sozialen Netzwerk über ihr tägliches Wohl und Wehe – ohne eine realistische Einschätzung über kurz- oder langfristige Folgen in Bezug auf die persönliche Souveränität und Integrität treffen zu können.

Die Ergebnisse dieser Studie von Julia Niemann bringen viele wichtige und neue Erkenntnisse über das Privacy Paradox, das sich in grundsätzlichen Einstellungs- und Verhaltensdifferenzen zwischen Selbstoffenbarung und dem Bedürfnis nach Privatsphäre ausdrückt. Das Privacy Calculus Model macht deutlich, dass den Risiken für die Privatsphäre auch Nutzen der (semi-)öffentlichen Kommunikationen auf den Social Networking Sites gegenüberstehen, die offenbar bedeutsamer sind. In Anbetracht des Nutzens dieser Kommunikationsform zur Selbstoffenbarung und Pflege von sozialen Kontakten scheinen die Nutzer bereit zu sein, den Verlust ihrer Privatsphäre und den Kontrollverlust ihrer persönlichen Daten als Tauschobjekt dafür einzusetzen.

Die Arbeit von Julia Niemann stand nicht nur auf der Shortlist für den GOR Thesis Award 2016, sie wird auch im Hinblick auf die sich fortlaufend verändernden Möglichkeiten der digitalen Kommunikation eine wichtige Grundlage für weitere und längerfristige Untersuchungen des menschlichen Verhaltens in diesen Kontexten darstellen.

AUTOREN / HERAUSGEBER

Julia Niemann

Julia Niemann, Dr., Jg. 1980, studierte Medienmanagement am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, an dem sie seit 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt ist. Von 2009 bis 2015 war sie Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft und Sozialforschung der Universität Hohenheim. Zu ihren Forschungsinteressen zählen vor allem Fragestellungen aus dem Bereich der Rezeptions- und Wirkungsforschung, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Online-Medien. ...