Felix Frey

Mentale Chronometrie in der Kommunikationswissenschaft. Eine methodologische Diskussion von Reaktionszeitmessungen zur Untersuchung unbewusster Rezeptionsprozesse

Der Beitrag gibt einen Überblick über Ziele und Varianten sowie die Konzeption, praktische Durchführung und datenanalytische Auswertung mentalchronometrischer Verfahren als einer speziellen Form der apparativen Beobachtung und diskutiert Potenziale und Probleme insbesondere von Reaktionszeitmessungen anhand einer Beispielstudie. Ziel dieser Beispielstudie war die empirische Bestimmung der relativen Ähnlichkeit von Medienrezeptionsepisoden zu nicht medienbezogenen Wahrnehmungs- bzw. Denkprozessen. Der Beitrag diskutiert methodische Aspekte von Reaktionszeitstudien entlang ihrer jeweiligen Implikationen für die inferenzstatistische, interne, Konstrukt- und externe Validität der Befunde. Außerdem werden forschungspraktische Probleme, wie z.B. die technisch-apparative Umsetzung, thematisiert. Als mögliche Hürden für den Einsatz mentalchronometrischer Verfahren in der Kommunikationswissenschaft lassen sich auf dieser Basis die hohen Investitionen in Zeit und Ausstattung und die Anforderungen an eine theoriegeleitete, versuchsplanerische Eingrenzung der Spielräume bei der Interpretation der Befunde identifizieren. Zugleich eröffnen diese Verfahren aber einen Zugang zu unbewussten Strukturen und Prozessen bei der Medienrezeption. So lassen sich Reaktionszeiten als Indikator für die Aufmerksamkeit, kognitive Beanspruchung oder das kognitive Involvement bei der Medienrezeption, für die kognitive Zugänglichkeit von Einstellungen, Präferenzen, Vorstellungen, Wissen, Werten oder Intentionen oder den Elaborationsgrad der Informationsverarbeitung heranziehen. Weil für diesbezügliche Fragestellungen kaum methodische Alternativen zur Verfügung stehen und zumindest der materielle Aufwand durch Eigenleistungen reduziert werden kann, könnte die Medienrezeptionsforschung diese methodische Option in Zukunft häufiger in Betracht ziehen und für eigene Fragestellungen anpassen.