Matthias Becker: Datenschatten. Auf dem Weg in die Überwachungsgesellschaft?


Von Redaktion am 13. März 2012

Rezensiert von Saskia Sell

Die kritische Reflexion über den gesellschaftlichen Umgang mit Kommunikationstechnologien im Allgemeinen und die damit einherge-henden dynamischen Strukturen von Macht und Kontrolle im Besonderen, ist seit der nahezu flächendeckenden Verbreitung des Internets Kernbe-standteil der wissenschaftlichen wie journalistischen Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum. Der bipolare Diskurs zwischen ungetrübter Euphorie auf der einen und kulturpessimistischen Schreckensszenarien auf der anderen Seite ist einer immer nüchterner werdenden Auseinandersetzung mit den komplexen Wechselwirkungen zwischen Kommunikations-technologie und Gesellschaft gewichen. Das Onlinemagazin Telepolis, in dessen Buchreihe Matthias Beckers Datenschatten. Auf dem Weg in die Überwachungsgesellschaft? erschienen ist, bleibt dabei fester Bestandteil des öffentlichen Diskurses um die Facetten der Netzkultur.

Von einem “diffusen Unbehagen” (1), was den heutigen Umgang mit der Trias Sicherheit-Überwachung-Datenschutz betrifft, ausgehend, holt Becker zum Rundumschlag durch sämtliche Bereiche des Alltags aus, die durch ein unterschiedliches Maß an zwischenmenschlicher oder systemischer Überwachung mittels moderner Kommunikationstechnologie gekennzeichnet sind.

Nach einer knapp gehaltenen Darstellung der Grundlagen von Digitalisierung und Informatisierung im Zusammenhang mit Kontrollmechanismen (Kapitel 1 und 2), kommen zunächst zentrale Akteure aus der Arbeits- und Unternehmenswelt in ausführlichen Interviews zu Wort, die von Becker zu den Teilbereichen “Überwachung bei der Arbeit” (23) und “informatorischer Kontrolle von Organisationen” (49) befragt werden (Kapitel 3 und 4). Daran anknüpfend widmet sich der Autor dem Umgang der staatlichen Behörden mit Bürgerdaten (Kapitel 5) und skizziert eine Entwicklung vom Sozialstaat hin zum “Sozialdatenbankstaat” (69), bevor er die “Informatisierung der Gesundheitssysteme” (85) im Gespräch mit einem Arzt und einem Medizinsoziologen kritisch durchleuchtet (Kapitel 6). Im Folgenden wird der Umgang der Sicherheitsbehörden mit dem Datenschatten näher betrachtet (Kapitel 7). Hier kommen sowohl ein leitender Staatsanwalt als auch der Bundesbeauftragte für Datenschutz, die Sprecherin des Chaos Computer Clubs und ein Politologe, der sich mit dem Thema Innere Sicherheit beschäftigt, zu Wort.

Nachdem die gesellschaftlichen Teilbereiche Arbeitswelt, Sozial- staat und Innere Sicherheit auf ihre Überwachungstechnologien und damit verbundenen Handlungsmuster hin durchleuchtet wurden, kommt Becker zur “Überwachung in Partnerschaft und Familie” (129). Er führt Gespräche mit einer kanadischen Psycholo- gin, die sich auf Online-Netzwerke spezialisiert hat, und mit einem Experten für “Geoslavery” (136) und den Bereich der Überwachung durch Personenortung (Kapitel 8). Danach springt Becker zurück in den Bereich der Wirtschaft, um auch die Auswirkungen von an gläserne Kunden gerichtete “gezielte Werbung” (148) in seine Auseinandersetzung mit der Überwachungsgesellschaft zu integrieren (Kapitel 9).

Im letzten Kapitel (Kapitel 10) liefert Becker zunächst Hintergrund- informationen zum “Right to Privacy” (155ff), bevor er sich dem sozialpsychologischen Phänomen der Compliance der Überwachten (159) widmet, ohne das eine Überwachungsgesellschaft gar nicht denkbar wäre. Das den Diskurs prägende Bild von Benthams durch einen “Zwang zur Sichtbarkeit” (159) charakterisierten Panopticon wird hier weiterhin mit Foucault als “Sinnbild moderner Herrschaft” (160) interpretiert, bevor abschließend die Kernursache für das eingangs erwähnte Unbehagen klar wird: “Überwachung kommu- niziert Misstrauen” (162). Was an dieser Stelle fehlt, ist eine ausführlichere Einordnung der innerhalb der zahlreichen Interviews angesprochenen wiederkehrenden Muster, die die Überwachungs- gesellschaft charakterisieren.

Insgesamt überzeugt Beckers journalistische Auseinandersetzung mit dem Datenschatten, den wir inzwischen alle werfen, vor allem durch die Breite der gebotenen Perspektiven und die Berücksich- tigung sämtlicher Teilbereiche unseres komplexen Alltags. Es gehört ein ordentliches Maß an professionellem Fingerspitzengefühl dazu, bei einem Thema wie dem der Überwachungsgesellschaft nicht automatisch in verschwörungstheoretische oder rein technikdeter- ministische Sphären abzugleiten. Becker gelingt diese Gradwan- derung mühelos, was seine Arbeit auch für eine Zielgruppe, die über die klassische Telepolis-Leserschaft hinausgeht, interessant macht.

 

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