Matt Carlson: Journalistic Authority

Rezensiert von Katherine M. Engelke

Warum sollten Journalisten überhaupt Gehör finden? Die Antwort auf diese Frage liegt Matt Carlson zufolge in der journalistischen Autorität begründet. Da die bisherige Literatur sich durch eine nur oberflächliche Auseinandersetzung mit diesem Thema auszeichnet (vgl. 3), wendet sich Carlson in seinem Buch Journalistic Authority einer weiteren Frage zu: Wodurch erlangt der Journalismus seine Autorität?

Die Publikation verfolgt dabei zwei konkrete Ziele. Erstens, eine konzeptionelle Intervention zu liefern, indem die einzelnen Komponenten der Theorie der journalistischen Autorität ausführlich erläutert werden. Dies mündet zweitens in einem analytischen Modell, mithilfe dessen der aktuelle Zustand der journalistischen Autorität erfasst und auch kritisiert werden kann.

Carlson nimmt eine holistische Perspektive auf sein Forschungsthema ein und verfolgt einen relationalen Ansatz. Journalistische Autorität versteht er dabei als “a contingent relationship in which certain actors come to possess a right to create legitimate discursive knowledge about events in the world for others” (13). Argumente dafür, warum Journalisten Gehör finden sollten – Argumente für journalistische Autorität – werden ständig (neu) gemacht, sodass es sich hierbei um einen kontinuierlichen Prozess handelt. Carlsons relationale Theorie baut dabei auf drei Grundprinzipien auf: (1) Die Beziehungen, durch welche der Journalismus Autorität erlangt, sind vielfältig und umfassen Akteure innerhalb und außerhalb der Nachrichtenredaktionen selbst, (2) diese Beziehungen sind kontextabhängig, (3) Autorität kann nicht durch eine einzelne Variable erklärt werden, sondern ist ein Zusammenspiel verschiedenster Faktoren (vgl. 23).

Den beiden Zielen seines Buches folgend widmet sich Carlson in den einzelnen Kapiteln den verschiedenen Komponenten der journalistischen Autorität. Zwischen der Einführung und der Schlussfolgerung ist das Werk dabei in zwei große Abschnitte eingeteilt. Im ersten Abschnitt wird ausführlich behandelt, wie Journalisten ihre Autorität legitimieren. Konkret wird dies erläutert anhand der journalistischen Identität und dem (umstrittenen) Verständnis des Journalismus als Profession (Kapitel 1), verschiedener Formen des Journalismus und dabei insbesondere des Einflusses der Digitalisierung (Kapitel 2) und schließlich durch Narrative über den Journalismus, die Carlson auch als metajournalistische Diskurse bezeichnet (Kapitel 3).

Im zweiten Abschnitt wird erörtert, wie sich die Beziehungen zwischen Journalisten, welche nach einer autoritären sozialen Position streben, und anderen Akteuren, welche diese Position anerkennen, gestalten. Carlson widmet sich dabei dem Publikum (Kapitel 4), den Quellen (Kapitel 5), der Technik (Kapitel 6) und öffentlichen Journalismuskritikern (Kapitel 7). Seine Überlegungen bauen umfassend auf einschlägigen aktuellen und klassischen Studien aus der Journalismusforschung auf, die der Autor sinnvoll und gewinnbringend verknüpft. Darüber hinaus schöpft er aber auch aus anderen Disziplinen und entwirft seine Theorie ebenfalls auf der Grundlage u.a. von soziologischen, politikwissenschaftlichen und philosophischen Ansätzen.

Die Einführung und der Schlussteil bilden dabei einen hervorragenden Rahmen, denn bereits die Einführung liefert einen umfassenden Überblick über Autorität im Allgemeinen (vgl. 7ff.) sowie journalistische Autorität im Speziellen (vgl. 13ff.). Das im Schlussteil entworfene Modell von journalistischer Autorität (vgl. 183) spiegelt schließlich den Aufbau des Buchs wider und fasst dabei die entscheidenden Aspekte zusammen: zum einen die Komponenten der Gruppenidentität, der textuellen Praktiken und des Metadiskurses und zum anderen die Beziehungen zwischen Journalisten und dem Publikum, den Quellen, der Technik und den Kritikern. Hinter dieser knappen Zusammenfassung in Tabellenform steht Carlsons in den Kapiteln zuvor entwickeltes komplexes und dynamisches Konzept, in dem die verschiedenen Einflüsse auf die journalistische Autorität sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Die Lektüre der Einführung und des Schlussteils allein vermittelt dem Leser daher bereits ein gutes Verständnis der relationalen Theorie journalistischer Autorität.

Jedoch würde die Lektüre nur dieser beiden Kapitel den Leser um viele interessante Einsichten und Erläuterungen berauben, da die Komponenten des Modells dort gezwungenermaßen nicht in aller Detailliertheit vorgestellt werden. Die Komponenten stellen nämlich auch für sich allein häufig bereits interessante Beiträge zur Journalismusforschung dar. Beispielhaft seien hier das Konzept des metajournalistischen Diskurses genannt (vgl. 77ff.), zu welchem Carlson auch einen eigenen Journal-Beitrag geliefert hat (Carlson 2016), sowie die (historisierten) Ausführungen zur Technik als Akteur im Journalismus (vgl. 150ff.). Carlson gelingt es im Verlaufe des Buches darüber hinaus, seine theoretischen Überlegungen mit einer Vielzahl an konkreten Beispielen zu untermalen und sie dadurch zu veranschaulichen. Das Buch ist daher nicht nur für die Zielgruppe der Studierenden und WissenschaftlerInnen interessant, sondern auch für PraktikerInnen sowie schlichtweg am Journalismus interessierte LeserInnen gut zugänglich.

Kritisch anzuführen ist diesbezüglich, dass die Beispiele größtenteils aus den USA stammen. Diese Limitation wird jedoch von Carlson selbst transparent behandelt. Er setzt es sich dementsprechend zum Ziel, sein analytisches Modell so zu entwickeln, dass es auch außerhalb des amerikanischen Kontexts Anwendung finden kann – ein Ziel, das erreicht wird.

Aufgrund der umfassenden Aufarbeitung des Forschungsthemas ist ein stilistisches Manko umso ärgerlicher: Der Autor verwendet Endnoten am Ende des Buches, um auf die verwendete Literatur sowie weitere Ergänzungen zu seinen Überlegungen hinzuweisen. Für LeserInnen, welche direkt die verwendeten Quellen nachvollziehen sowie weitere Erörterungen dazu rezipieren möchten, führt dies zu einem ständigen Hin- und Herspringen im Buch, welches den Lesefluss stören kann.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Carlsons Buch eine Forschungslücke schließt und zudem die Grundlage für vielfältige Anknüpfungspunkte bietet: So lassen sich Fragen des Vertrauens oder Misstrauens in den Journalismus, der verschwimmenden Grenzen zwischen Journalismus und Werbung oder der Partizipationsmöglichkeiten des Publikums – um nur drei Beispiel zu nennen – vor dem Hintergrund der journalistischen Autorität und mithilfe des hier entworfenen Konzepts behandeln.

Literatur:

  • Carlson, M.: Metajournalistic Discourse and the Meanings of Journalism. Definition Control, Boundary Work, and Legitimation. In: Communication Theory, 4, 2016, 349-368.

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