„Keine Schnecke, sondern die Maus“


Von Redaktion Journalistik Journal am 9. Oktober 2008

Zwei Jahrzehnte europäische Journalistik

Von Gerd G. Kopper

Jemand, der nicht unmittelbar beteiligt war, wird aus heutiger Sicht die Aufbruchstimmung nicht nachvollziehen können, die mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall von Mauer und Stacheldraht zwischen 1989 und 1991 den Journalismus im gesamten Europa durchzog. Ein Europa gemeinsamer Perspektiven, Ziele und Interessen schien zum Greifen nah. Es musste nur noch ins Leben gerufen werden.

So wurden länderübergreifende Kooperationen aktiviert. „El Paìs“ in Madrid, die „Süddeutsche Zeitung“ und „The Independent“, London, erlaubten Zugriff und Nutzung des gesamten redaktionellen Tagesinhalts aller angeschlossenen Partner-Redaktionen. Es wurden umfangreiche Pakete für journalistische Trainingsprogramme in den Ländern Mittel- und Osteuropas geschnürt. Der Ressortchef Politik von „El Paìs“ war Mitautor eines Entwurfs für einen Zusammenschluss der Journalistenschulen in Europa. Der Enthusiasmus dieser ersten Jahre in einem neuen und viel versprechenden Europa beflügelte aktive Journalisten, Journalistenausbilder und Professoren. So entstand ein neuartiger Verband der Europäischen Journalistenschulen (EJTA). Hauptziel der EJTA in dieser Phase war die Gründung einer gemeinsamen zentralen Ausbildungsstätte, die sich allein den Möglichkeiten des neuen „europäischen Journalismus“ widmen sollte. Großzügig gefördert wurden diese Pläne und viele der neuen journalistischen Trainingsprogramme durch die Europäische Kommission in Brüssel. Verglichen mit dem Enthusiasmus dieses Aufbruchs herrscht heute nur noch graue Betriebsamkeit. Die Europäische Union (EU) sucht für ihre Kommunikationsstrategie keineswegs mehr den Weg über Medien und Journalismus, sondern den direkten Zugang zum Bürger. Die ursprüngliche europäisch geprägte Faszination an experimentellen journalistischen Trainingsprogrammen gibt es dort nicht mehr. Heute existieren in Brüssel und Straßburg nur noch Besuchs- und Pflichtprogramme im Sinne der neuen Kommunikationsstrategie, genannt „Plan D“ („Aktionsplan für eine bessere Kommunikationsarbeit der Kommission zu Europa“). Grundlagen, Rahmenbedingungen und Zielsetzungen des „Journalismus in Europa“ haben sich in knapp 20 Jahren radikal gewandelt.

Europa selbst hat sich in zwei Jahrzehnten massiv verändert und zwar nicht nur durch die Zahl seiner Mitglieder, durch die Wirtschafts- und Währungsunion und durch den Umbau seiner Grundlagen (Konferenzen von Maastricht, Amsterdam, Nizza und letzthin Lissabon). Verändert haben sich vor allem die Gesellschaften in Europa. Es schwindet die Generation, für die das Projekt eines geeinten Europa vor allem Garantie für dauerhaften Frieden unter den Nachbarvölkern war. Die Erwartungen der nachwachsenden Generationen blieben bisher diffus.

Es haben sich im Laufe von nur 20 Jahren die Grundlagen der öffentlichen Kommunikation und Information und damit auch der politischen Organisation massiv verändert. Und die Fundamente des europäischen Wirtschaftssystems gleichen in nichts mehr denen zu Beginn der 1990er Jahre. Europa wurde dynamisches Teilsegment eines globalisierten Wirtschaftsraums im Zeichen des Turbokapitalismus.

Insofern hat das Thema „Journalismus in Europa” seinen Eigenwert und seinen Problemschatten mehrfach geändert. Heute gilt es als eher langweilig in wichtigen Quartieren. Wobei kaum eines der Grundprobleme geklärt oder gar gelöst ist:

  • Über weite und wichtige Bereiche europäischer Politik ist in keinem der Mitgliedsländer Hinreichendes zu erfahren (z. B. zur Militärpolitik).
  • Ein durchgehender täglicher journalistischer Themendiskurs innerhalb der gesamten EU fehlt.
  • Mehr als 80 Prozent der aktiven europäischen Politikentscheidun­gen entziehen sich dem Verständnis von Nicht-Fachleuten – und unterlaufen somit die typischen Standard-Journalismus-Formate.
  • Die politische Wirksamkeit europäischer Politik und das medienvermittelte Verständnis am Ort der Wirkung, in den Ländern, Städten und Gemeinden, klaffen weit auseinander.

Diese Aufzählung ließe sich um viele Punkte erweitern.

Es haben sich im Laufe der europäischen politischen Phasen eingespielte Facetten zu diesem Thema herausgebildet. Darin spiegeln sich nicht nur Unterschiede im Problemverständnis, sondern ebenso Themenkonjunkturen. Als wichtigste gelten: „Europäische Öffentlichkeit” (EÖ), „Europaberichterstattung” (EB) und „europäische Kommunikationspolitik” (EK).

  • Das Thema EÖ war ursprünglich ein fundamental politisches. Dann verkürzte es sich innerhalb der Politik auf eine parteipolitische Waffe – zumeist durch Oppositionsgruppen. Inzwischen ist es vor allem Selbstbeschäftigungsgegenstand einschlägiger Fachdisziplinen und dient dort dem akademischen Reputations-Management. Einen wesentlichen Hintergrund für diesen Wandel bildet der im Laufe der Jahre vollzogene Strategiewechsel in der Kommunikationspolitik der Europäischen Union.
  • Das Thema EB kennzeichnet die kurze Faszinationsphase in der journalistischen Praxis. Es ist dies eine – jedenfalls in Deutschland – bereits vergangene Phase, in der sich Ressortchefs und sogar Chefredakteure ernsthaft Gedanken über Form, Verfahren, Platzierung und Optionen der Europaberichterstattung gemacht haben.
  • Das Thema EK ist noch aktuell – und schon sieht man Projektkohorten in diese neue Richtung schwenken. Themenkonjunkturen sind identisch mit viel versprechenden Ressourcen-Horizonten. Honi soit qui mal y pense.

Selbst Enthusiasmus braucht eine ökonomische Basis. Der euphorischen Phase des „Europa-Journalismus” fehlte sie am Ende. Die Kooperation europäischer Qualitätszeitungen reüssierte nicht im finanziell erforderlichen Werbemarkt. Die Paradeinnovation einer europäischen Wochenzeitung, „The European“ (Start 1990 in London), des später übel beleumundeten Großverlegers Maxwell starb einen ökonomisch frühen Tod. Kaum jemand erinnert sich noch an dieses inspirierte und scharfsinnig erarbeitete Projekt, das anfänglich mit einer Viertelmillion Auflage sogar mehrsprachige Sektionen für den Vertrieb auf dem Kontinent vorsah.

Auch in der post-enthusiastischen Phase des „Journalismus in Europa“ gab es immer wieder redaktionelle Glanzstücke und Parade-Journalis­tinnen und -Journalisten. Einzelne ihrer Arbeiten ließen sich bündeln und könnten als Beweis für die herausragende Qualität in diesem Sektor gelten. Im Juli 2003 hatte Judy Dempsey in der „Financial Times“ mehr als eine ganze Seite, um Hintergrund und Abgründe der europäischen Sicherheits- und Außenpolitik darzustellen. Sie tat dies in Form ihrer scharf beobachteten Begleit-Reportage über den grauen Alltag des Hohen Repräsentanten der EU, Javier Solana, auf Flugreisen, in Wartehallen und verstrickt im Gewirr des internationalen diplomatischen Protokolls. Die Verbindung von rasiermesserscharfer Beschreibung dieses bizarren europäischen Alltags auf politischer Entscheidungsebene und distanzierter Gesamtbetrachtung der politischen Grundprobleme vermittelte europäische Realität pur. Dempseys Abbild war unverstellt, unideologisch, problembezogen. Mindestens zehn Arbeitstage – einschließlich der Reisen – waren für diesen Artikel aufgewandt worden. Nur wenige Medien in Europa sind bereit, fortlaufend derart in Qualität des „Journalismus in Europa“ zu investieren.

Gerade solche Ausnahme-Beispiele sollten zu keinem Missverständnis führen. In den übrigen britischen Blättern – außerhalb der Sensationspresse – gilt ein journalis­tisches Alltagsmodell zum Thema Europa, nämlich radikaler Pragmatismus: Europa findet sich im Blatt nur, wenn es direkt und markant vor der Haustür passiert. Das heißt, fast nie. Und damit Ende des Themas dort. Dass die „Sun“, Inbegriff eines Krawallblattes, Europa im Sommerloch für Schreckensmeldungen entdeckt (vor einigen Jahren: EU verlangt Abschaffung roter Busse in London), ändert daran nichts.

Jede genaue Beobachtung und jeder transnationale Vergleich des „Journalismus in Europa“ zeigt, dies ist ein Sektor mit überbordenden strukturellen Problemen, regiert von: abbruchreifen Traditionen, Kostenmargen, Qualifikationsdefiziten, mangelnder Nachfrage, unbrauchbaren Inhalten und vielem Vergleichbarem mehr. Zwanzig Jahre Beobachtung haben gezeigt, dass journalistische Trainingsprogramme niemals gegen vorhandene strukturelle Barrieren ankommen. Journalis­tische Ausbildung in diesem Bereich ohne Instrumente, die auf den Abbau hinderlicher Strukturen zielen, schaffen mehr Illusion als Wirkung. Die Konsequenz daraus: Redaktionen und Medien müssen weit mehr als nur punktuell eingebunden werden.

Dies gilt auch aus einem anderen Grund: Die Defizite und qualitativen Mängel in der Europaberichterstattung, sie durchkreuzen messerschnittartig sogar die Redaktionen von Qualitätsmedien. Der Aufklärungseffekt der zuständigen Wissenschaft, genannt Journalistik, ist leider nur marginal. Es ist zu befürchten, dass dies auch an dieser Wissenschaft liegt. Sie ist häufig auf dem Weg, einer eher auf Fingerspitzen-Akrobatik ausgerichteten modernen Kommunikationswissenschaft zu folgen – und begibt sich damit heraus aus der Praxis, in der Erfolge keineswegs so hurtig fällig sind wie jeder weitere Eintrag im akademischen Schriftenverzeichnis.

Bei aller berechtigten Kritik, es gibt deutliche Fortschritte:

  • Erstens, heute gelangt man an nahezu jede europäische Information, von überall her in Europa. Dies ist dank Internet, E-Mail, Mobilfunk keine Frage des Geldes mehr, sondern eine inhaltlicher, investigativer und technischer Kenntnisse.
  • Zweitens, es gibt im Gros der Redaktionen empirisch nachmessbar sehr viel mehr ernsthaftes Bemühen, Redaktionsaufwand, Seiten und Zeit für europäische Themen – und das heißt, weitaus mehr als noch vor zehn Jahren.
  • Drittens, kaum ein Berufsnovize im Journalismus hat heute noch die Chance, sich am Berichterstattungs-Gegenstand Europa vorbeizuschlängeln. Nicht einmal mehr auf lokaler Ebene. Auch das war vor zehn Jahren noch ganz anders. Grundbegriffe der europäischen Politik werden heute ebenso vorausgesetzt wie Kenntnis zum Wahlverfahren für den Oberbürgermeister.
  • Viertens, neben den etablierten Journalismus-Kanälen gewinnen neue Angebote Gewicht. Sie arbeiten im Internet. Und häufig findet man hier eine Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen – und in der Folge überraschende europapolitische Effekte. Das führt zur Insider-Beobachtung einer darauf spezialisierten dänischen Journalistin: „Der wirkliche europäische Fortschritt ist keine Schnecke, sondern die Maus.“

Fachgebiete zum Problembereich des „Journalismus in Europa” müssen einen fundamentalen Wandel durchlaufen. Ihre Orientierung muss zunehmend transdisziplinär, technologisch bestimmt und auf Bedingungen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung ausgerichtet sein. Daraus ergibt sich ein wirksames Bezugs-Dreieck von Wissenschaft, journalistischer Praxis und Politik – mit wechselseitiger direkter Durchdringung.

In Zukunft werden sehr lang laufende fachliche und wissenschaftliche Projekte zunehmend wichtiger. Nur auf deren Basis können immense Herausforderungen gemeistert werden, wie etwa hinreichende theoretische und empirische Verständnisgrundlagen zu den Unterschieden in den journalistischen Kulturen Europas. Die bisherige Forschung steht hier erst am Anfang. Und es bedarf hierzu neuartiger, vor allem tragfähiger akademischer Netzwerke in Europa.

Die Verbindung zu journalis­tischer Praxis und zur europäischen Politik kann nur über eine innovationsbestimmte Fachwissenschaft gelingen. Dazu gehören eine Vielfalt an Erprobungsschritten, an gezielten Experimenten und immer wieder auch nachhaltigen Kooperationen mit Medienbetrieben. Dies gilt nicht zuletzt deswegen, weil zunehmend sämtliche Probleme industrieller Rationalisierung auch in diesem Berufsfeld ihren Niederschlag finden – und verstärkt finden werden. Die Vielfalt Europas wird sich in der Fülle industrieller Lösungswege niederschlagen. Ein Fach, das dabei nicht nur den Überblick gewinnt, sondern Weg weisend agieren kann, eröffnet dem „Journalismus in Europa“ eine zukunftsfähige Dimension. In der Medienindustrie gibt es ihn wieder, den kooperativen Austausch innerhalb Europas. Allerdings unter neuen Vorzeichen. Das Wort führt jetzt nicht der Ressortleiter Politik, wie ehedem bei „El Paìs“, sondern jemand aus der Verlagsleitung, in der Regel ein Finanzfachmann.

Fotos: European Commission, JenaFoto24.de