Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise


Von Redaktion Journalistik Journal am 31. März 2009

Neun Thesen zum Strukturwandel der Medien

Von Klaus Meier

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Wer sich zurzeit durch die unzähligen Meldungen, Analysen und Kommentare zur Lage der Medien und des Journalismus fräst, bleibt erschöpft und ratlos zurück. Die Krise ist nicht einfach zu deuten, wenn man nur auf die aktuellen Ereignisse starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Die kurzfristigen Aktivitäten und Trends in der Medienbranche sind gegenläufig und widersprechen sich.

In den USA scheint die Analyse leichter: Die Trends sind im Mutterland der Massenpresse eindeutig. Während von März 2007 bis März 2009 mindestens zwölf Großstadtzeitungen die Printausgabe eingestellt haben (vgl. www.newspaper­deathwatch.com), viele weitere große und kleine Zeitungsunternehmen horrende Schulden ansammeln und zum Beispiel die Tribune Company (u. a. „Chicago Tribune“, „Los Angeles Times“) Insolvenz beantragen musste und die „New York Times“ nur durch die Finanzspritze des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim (noch) überleben kann, melden journalistische Online-Angebote Erfolgsgeschichten: Die „Los Angeles Times“ nahm Ende 2008 mit Online-Werbung so viel Geld ein, dass sie damit die Personalkosten für 600 Print- und Online-Journalisten bezahlen kann. Und Blogs werden für die Öffentlichkeit relevant und ökonomisch tragfähig. So hat sich die „Huffington Post“ – das Blog-Projekt von Arianna Huffington – vor allem während des US-Wahlkampfs als politisches Medium mit zunehmendem Einfluss etabliert.

Auch in Deutschland schlägt die Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Redaktionsetats durch. Aktuelle Krisenbeispiele aus dem Verlagswesen sind die WAZ-Gruppe, die bei ihren vier NRW-Zeitungstiteln 300 von knapp 900 Print-Redakteursstellen streicht und im Gegenzug die Online-Redaktion „derwesten.de“ von 20 auf 40 Journalisten ausbaut, sowie Gruner&Jahr, wo die Zeitschrift „Park Avenue“ eingestellt wurde und die Redaktionen von FTD, „Capital“, „Impulse“ und „Börse online“ zusammengelegt werden sollen.

Doch es geht auch innovativen Online-Angeboten an den Kragen – der Holtzbrinck-Konzern zum Beispiel schloss „watchberlin.de“ und „zoomer.de“ – und gleichzeitig wird in die gedruckte Tageszeitung kräftig investiert: Der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont kaufte vor kurzem „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“ und die „Hamburger Morgenpost“ für 152 Millionen Euro. Die Verlagsgruppe Madsack in Hannover erwarb für 310 Millionen Euro Beteiligungen der Axel Springer AG an Regionalzeitungen (u. a. „Leipziger Volkszeitung“, „Lübecker Nachrichten“).

Haben sich DuMont und Mad­sack damit noch mehr Vergangenheit eingekauft? Oder ging es ihnen um etablierte journalistische Marken, die sie in die digitale Zukunft führen wollen?

Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem strukturellen Medienwandel zu unterscheiden – vor allem auch weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die folgenden Thesen konzentrieren sich auf langfristige Entwicklungen – mit Schwerpunkt auf Print- und Online-Journalismus.

1. Die Tageszeitung verliert nicht nur junge Leser, sondern auch „News Junkies“ im mittleren Alter ans Internet.

Nur noch 26 Prozent der 14- bis 19-Jährigen lesen nach Studien des Instituts für Demoskopie eine regionale Tageszeitung. Kohorten­analysen der vergangenen Jahrzehnte ergeben, dass Menschen, die als Jugendliche nicht zur Zeitung greifen, dies auch später nicht mehr tun.

Es geht nicht mehr nur um die jungen Leser: Zeitreihenanalysen zeigen, dass die Tageszeitung vor allem in den Alterssegmenten zwischen 25 und 44 Jahren ans Internet verliert – und zwar bei den Intensivlesern (vgl. Kolo/Meyer-Lucht 2007). Die „News Junkies“ informieren sich mehrmals täglich im Internet und greifen seltener zur Tageszeitung, auch wenn sie diese vielleicht noch abonniert haben.

2. Die Anzeigenkrise verschärft den Wettbewerb zwischen Print und Internet, aber der Online-Werbezuwachs kann die Print-Verluste nicht ausgleichen.

Nicht nur auf dem Publikumsmarkt, sondern auch auf dem Werbemarkt entwickelt sich das Internet zunehmend zur Konkurrenz für die klassischen Medien. Während die Werbeeinnahmen der Tageszeitungen in Deutschland in der Krisenzeit von 2000 bis 2003 um ein Drittel gesunken sind und seitdem allenfalls stagnieren, verzeichnen Online-Angebote Wachstumsraten zwischen acht Prozent in Krisenjahren und 100 Prozent in Boomjahren.

Nach Angaben des Zentralverbands der Werbewirtschaft sind die Netto-Werbeeinnahmen aller Medien 2006 und 2007 um 2,6 und 2,0 Prozent gestiegen – die Online-Werbung um 49 und 39 Prozent (ohne Suchmaschinenwerbung). Die Anzeigenkrise, die uns 2009 noch im Kern bevorsteht, machte sich schon 2008 bemerkbar: Während Publikumszeitschriften fünf Prozent und Tageszeitungen ein Prozent weniger Anzeigeneinnahmen erzielten als im Jahr zuvor, war der Online-Zuwachs mit 27 Prozent durchaus solide (vgl. Nielsen Media Research). Allerdings sind die Werbeeinnahmen durch journalistische Angebote im Internet (noch?) auf zu niedrigem Niveau, als dass dadurch die (bevorstehenden) Verluste der Print-Werbung ausgeglichen werden könnten.

3. Crossmedialer Journalismus in integrierten Print-Online-Redaktionen ist nach wie vor ein tragfähiges Konzept, um starke Print-Marken in die digitale Zukunft zu führen.

Schon vor zwei Jahren wurde Arthur Ochs Sulzberger, der Verleger der „New York Times”, mit den Worten zitiert: „I really don’t know whether we’ll be printing ,The Times’ in five years, and you know what? I don’t care.“ Heute wird ernsthaft darüber spekuliert, zum Beispiel in der Januar-Ausgabe des Magazins „The Atlantic“, dass die „Times“ schon viel früher nicht mehr gedruckt erscheint. Sulzberger sieht es als wesentliches Ziel „to manage the transition from print to internet“.

Auch in Deutschland werden redaktionelle Print-Ressourcen durch das „Kreuzen der Medien“ am crossmedialen Newsdesk und im integrierten Newsroom praktisch ins Internet geschoben (vgl. Meier 2007a) – aktuelles Beispiel ist der neue Newsroom der „Frankfurter Rundschau“. Allerdings geht das nicht automatisch und nicht ohne Schmerzen und Weiterbildung (vgl. García Avilés et al. 2009). Online-Journalismus braucht andere Konzepte und Arbeitsweisen als der Print-Journalismus.

4. Nachrichten sind nichts mehr wert.

Immer weniger Menschen wollen für Nachrichten bezahlen. Paid-News-Modelle im Internet sind in den vergangenen 15 Jahren weltweit reihenweise gescheitert – bei gleichzeitiger Kannibalisierung des Tageszeitungsmarkts: In vielen Ländern Europas wurden Gratis­tageszeitungen auf dem Markt durchgedrückt (vgl. Bakker 2008) – von z. B. Dänemark (62 Prozent Marktanteil) über die Schweiz (34) bis nach Spanien (55) und Italien (46). Auch im gratis-freien Paradies Deutschland ist die verkaufte Auflage der Tageszeitungen von 25 Millionen im Jahr 1998 auf 20 Millionen 2008 gesunken.

Dass es inzwischen kostenlos Nachrichten um jede Ecke gibt, glauben sogar Chefredakteure, wie Ulrich Reitz von der WAZ, der deshalb die Dienste der Deutschen Presse-Agentur (dpa) gekündigt hat. Dem NDR-Medienmagazin ZAPP sagte er über seine Nachrichtenredakteure: „Die sind den ganzen Tag im Internet. Die haben vielfältige Quellen aus dem In- und Ausland, die sind in allen Medien ständig unterwegs und surfen sich durch. […] Und so, wie wir Informationen von dpa benutzen oder weiter daran arbeiten, so machen wir es aber auch mit anderen Informationsquellen, ohne für diese Informationsquellen zu bezahlen. Vielleicht ist das ein Stück weit die neue Welt. Die Zahl der Quellen hat sich ja auch dramatisch vermehrt.“

Ob das (unabhängige) Nachrichtensystem erhalten werden kann, wenn sich sowohl Medienunternehmen als auch das Publikum umsonst bedienen, darf bezweifelt werden.

5. Gedrucktes Papier funktioniert für Hintergrund, Analyse und Meinung – zumindest in Krisenzeiten.

meier2Insbesondere in Zeiten der Krise suchen die Menschen nach Ordnung und Verständnis für das, was geschieht. Und offenbar finden sie dies im ordentlichen, gewohnten Muster der gedruckten Wochenschrift. Nicht nur die Chefredakteure des „Spiegel“, Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo, haben erkannt, „dass Krisen für Journalisten auch ,gute‘ Zeiten sind“ („dies gilt insbesondere für unser Haus“).

Gute Zeiten sind auch für die „Zeit“ angebrochen: Im vierten Quartal 2008 markiert die Wochenzeitung eine historische Höchstmarke von 501.000 verkauften Exemplaren – und mit 1,63 Millionen Lesern die höchste Reichweite seit 18 Jahren. Sowohl „Zeit“ als auch „Spiegel“ steigerten die Reichweite in den vergangenen vier Jahren um 400.000 Leser (vgl. www.ma-reichweiten.de). Einen ähnlichen Erfolg verbucht die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ mit zurzeit 341.000 verkaufter Auflage – der höchsten seit Gründung im Jahr 2001. Und Jakob Augstein will mit dem Relaunch des „Freitag“ als crossmediales Meinungsmedium auf den Zug der Thesen 3 bis 5 aufspringen.

6. Die Konzentration im Tageszeitungsmarkt wächst; die Zeitungsvielfalt nimmt ab.

Führende Zeitungskonzerne haben in den vergangenen Jahren große und mittelgroße Tageszeitungen zugekauft (z. B. „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Berliner Zeitung“, „Braunschweiger Zeitung“), was die Verlagskonzentration im Zeitungsmarkt verschärft. Mitte 2008 hielten die fünf größten Konzerne 45 Prozent des Zeitungsmarkts in Deutschland (vgl. Röper 2008) – die Transaktionen zum Jahresende nicht eingerechnet.

Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft der Konzerne ab, die redaktionelle Vielfalt im eigenen Hause zu erhalten: Redaktionen werden zusammengelegt; Zentralredaktionen beliefern verschiedene publizistische Produkte; bislang im eigenen Hause konkurrierende Lokalredaktionen werden ausgedünnt. Der Begriff der „crossmedialen Redaktion“ hat so eine neue Dimension erhalten: Es geht nicht mehr nur um die Produktion für Print und online, sondern auch um die gemeinschaftliche Produktion für verschiedene Print-Plattformen. Beispiele sind der Springer-Newsroom in Berlin („Welt“, „Welt kompakt“, „Berliner Morgenpost“, „Welt am Sonntag“) sowie die Pläne der WAZ-Gruppe (Zentralredaktion für WAZ, NRZ, „Westfälische Rundschau“).

Vor allem im Regionalen wird die Zeitungsvielfalt in den nächsten Jahren weiter abnehmen: Weitere Zeitungen werden sich zusammenschließen und gemeinsam einen Mantelteil produzieren oder zumindest Material austauschen. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel wird es demnächst nur noch eine einzige Mantelredaktion geben, welche die „Schweriner Volkszeitung“ und den „Nordkurier“ beliefert. Die dritte Regionalzeitung in diesem Bundesland, die „Ostsee-Zeitung“, erhält den Mantel von den „Lübecker Nachrichten“.

7. Das Geschäftsmodell des privat-kommerziellen Journalismus steht auf der Kippe. Die ganze Branche ist auf der Suche nach neuen Modellen.

Die beiden Finanzströme des Journalismus versiegen langfris­tig: Das breite Publikum verabschiedet sich – mit Ausnahme der Eliten (vgl. These 5) und der Rundfunkgebühren – von der Finanzierung journalistischer Leistung. Anzeigen waren noch nie besonders geeignet, um unabhängigen Journalismus zu garantieren – und gerade jetzt in wirtschaftlichen Krisenzeiten ist das Lamento aufgrund der Konjunktur­abhängigkeit wieder groß. Doch auch langfristig wird der Werbekuchen kleiner: Wir befinden uns 2007 (ein „Boomjahr“!) mit 20,8 Mrd. Euro Gesamt-Netto-Werbeeinnahmen gerade mal auf dem Niveau von 1998 – und das inkl. des zwischenzeitlichen Wachstums im Internet.

Unternehmen schaufeln einen Teil des Anzeigenetats in Richtung PR und Corporate Publishing: Man will die Zielgruppen lieber direkt mit eigenen medialen Plattformen erreichen (vgl. These 8).

Das Geschäftsmodell des privat-kommerziellen Journalismus, das im 19. Jahrhundert erfunden wurde, erweist sich als nicht mehr zukunftsfähig – zumindest nicht in der Breite des Massenmarkts, sondern allenfalls in einzelnen Nischen. Die Suche nach alternativen Geschäftsmodellen hat – in aller Kürze – folgende Vorschläge und bereits laufende Versuche erbracht:

  • Die Werbemodelle im Internet lernen von Werbenetzwerken, mit denen Google Milliarden verdient. Die klassische Banner­anzeige in Kombination mit Klickzahlmessung ist nicht tragfähig. Alles in allem ist indes Geduld und Kreativität in einem jungen Markt gefordert.
  • Medienunternehmen werden mehr mit Transaktion und Handel verdienen und damit journalistische Angebote querfinanzieren. Zum Teil ist das heute schon so: „Süddeutsche Zeitung“ und „Zeit“ verkaufen Bücher, DVDs und Wein; Burda finanziert „Focus online“ u. a. mit „holidaycheck.de“ und „zooplus.de“. Die „Washington Post“ erlöst durch den Weiterbildungskonzern Kaplan mehr als mit dem journalistischen Geschäft. Allerdings wird die Frage aufkommen, was das Unternehmen Hubert Burda Media zum Beispiel von der Telekom noch unterscheidet (vgl. These 8).
  • Printausgaben von Tageszeitungen werden zunehmend nur noch an eine Elite verkauft – vermutlich mit wesentlich höheren Abogebühren.
  • Wo es an dieser Elite mangelt, werden Tageszeitungen zu Wochenzeitungen und erscheinen gedruckt nur noch ein- oder zweimal pro Woche mit Hintergrund und Übersicht. Denn die Papierpreise steigen weiter – und der Wettlauf um News macht die Zeitung nur kaputt. Vorreiter sind der „Christian Science Monitor“, der in Bos­ton ab April 2009 nicht mehr täglich eine Zeitung, sondern nur noch wöchentlich ein Magazin druckt und seine Aktivitäten im Internet ausbauen will, sowie die „Jungfrau Zeitung“ in Interlaken/Schweiz, die in erster Linie online erscheint – und nur dienstags und freitags als so genanntes „Print out“ gedruckt und an die Abonnenten vertrieben wird.
  • Eine staatliche Unterstützung des Zeitungsdrucks und -vertriebs hat prominente Befürworter – gerade jetzt in Zeiten des „Schutzschirms“ für alles, was systemrelevant und pleite ist. Jürgen Habermas hat schon vor zwei Jahren festgestellt, es sei kein „Systemfehler“, wenn der Staat versuche, das öffentliche Gut der Qualitätspresse im Einzelfall zu schützen. Er nennt als Möglichkeiten einmalige Subventionen, Stiftungsmodelle mit öffentlicher Beteiligung oder Steuervergünstigungen für Zeitungsunternehmen in Familieneigentum (vgl. Habermas 2007). In Frankreich zum Beispiel hat die staatliche Subvention von Zeitungen und der Nachrichtenagentur AFP Tradition. In der aktuellen Krise hat Staatspräsident Nicolas Sarkozy nachgelegt: Er will u. a. die staatliche Unterstützung für das Austragen von Zeitungen von acht auf 70 Millionen Euro erhöhen und jugendlichen Lesern ein staatlich bezahltes Gratisabonnement schenken. Die Erfahrungen mit Subventionen – vor allem auch in Frankreich – zeigen indes, dass dies zu Abhängigkeit und mangelnder Innovationsfähigkeit führt.
  • Immer wieder einmal wird die Ausweitung der öffentlich-rechtlichen Idee gefordert: Der öffentliche Auftrag wäre dann nicht mit der Knappheit von Rundfunkkanälen begründet, sondern mit dem Marktversagen des Journalismus im Internet. Von einer „Kulturflatrate“ ist dann die Rede, welche die Anbieter von Breitbandanschlüssen erheben bzw. abgeben sollen. Fraglich ist allerdings, wie der Geldsegen verteilt werden soll: Nur an die traditionellen (Online-)Verleger – oder auch an individuelle Blogger und zivilgesellschaftliche Medien bzw. Bürgermedien?
  • Stephan Ruß-Mohl hat unlängst die sympathische, aber ökonomisch wohl wenig tragfähige Idee einer „Volksaktie“ vorgeschlagen: Verlage sollen Anteile in der treuen Lesergemeinde verkaufen – analog zum taz-Modell.
  • In der elaborierten Stiftungslandschaft der USA ist noch ein weiteres Finanzierungsmodell möglich. Der kalifornische Immobilien-Unternehmer Herbert M. Sandler und seine Frau Marion sponsern die Stiftung „Pro Pub­lica“ mit jährlich drei Millionen Dollar, deren Zweck es ist, eine Redaktion mit mehr als 20 Journalisten zu unterhalten, die inves­tigative Geschichten ausgraben und kostenlos Redaktionen zur Verfügung stellen. Der Milliardär Eli Broad hat das Interesse seiner „Broad Foundation“ an der „LA Times“ signalisiert: „Newspapers ought to be owned by foundations, not look for great financial returns.“ Beispiel ist der britische „Guardian“, der seit 1936 dem Scott Trust gehört und der zu den wenigen Zeitungen weltweit zählt, welche den Medienstrukturwandel innovativ und kreativ aufgegriffen haben – zum Beispiel mit einer „Web first“-Politik seit Juni 2006 oder seit wenigen Wochen mit einem modernen integrierten Newsroom in einem neuen Gebäude.

8. Journalismus in massenmedialen Organisationen verliert das Monopol.

Eine Reihe von Indizien belegt, dass das journalistische Monopol der Selbstbeobachtung und Synchronisation der Gesellschaft zu wanken beginnt – auch wenn die gängigen und durchaus plausiblen Theorien der Massenkommunikation dagegen sprechen und begründen, warum nur unabhängige Medienorganisationen als „Intermediäre“ dauerhaft publizistische Leistungen von Relevanz erbringen können (vgl. Jarren 2008). Immer mehr gesellschaftliche Akteure erreichen ihre Zielgruppen direkt – ohne Umweg über den traditionellen Gatekeeper Journalismus. Und sie machen das ganz geschickt, indem sie journalistische Arbeitsweisen und Darstellungsformen imitieren. Es ist schwieriger geworden, journalistische Produkte von anderem „Content“ zu unterscheiden.

Beispielhaft ist die Website „t-online.de“ – eine Plattform des Konzerns Telekom, die mit „Nachrichten, Service und Shopping“ mehr als 14 Millionen Unique User erreicht (mehr als doppelt so viele wie „Spiegel Online“). Auch außerhalb des Internets boomt das Corporate Pub­lishing: Die IVW registriert Print-Zuwachs nur noch bei Kundenzeitschriften (zurzeit 58 Millionen Auflage). Das weite Spektrum der Public Relations bietet noch mehr – vom Business TV bis zum Social Media Management via Blogs, Communities, Twitter & Co.

meier3Der direkte Kontakt mit der Quelle ist für die Rezipienten in vielen Teilbereichen der Öffentlichkeit inzwischen selbstverständlich: von den Kadidatenwebsites, -blogs und -tweets im Wahlkampf (und im Fall Barack Obama auch danach) über die Science Blogs von Wissenschaftlern bis zu den Websites, Blogs und Tweets von Promis, Stars und Sternchen. Wer will es zum Beispiel den jugendlichen Fans von Britney Spears oder Lukas Podolski verübeln, dass sie lieber die Medien ihrer Idole nutzen als die hämischen Verrisse von Journalisten in den so genannten Leitmedien? Gut – öffentliche Relevanz hat das nicht zwingend. Es ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass sich die traditionellen Plattformen des (unabhängigen) Journalismus von großen Teilen der Bevölkerung abkoppeln.

Erfolgreiche Modelle im Internet schaffen neue vernetzte Institutionen: Sie sind nicht mehr an eine monolithische massenmediale Organisation gebunden. Das Frauennetzwerk „glam.com“ zum Beispiel, in das neuerdings auch Verleger Hubert Burda investiert, vernetzt Blogs mit anderen – auch journalis­tischen – Online-Quellen.

9. Neue Kompetenzdimensionen erweitern die Journalistenausbildung: Pioniergeist und der Wille zum Experimentieren.

Noch vor 20 Jahren war es leicht, die Dimensionen journalis­tischer Kompetenz zu skizzieren: Während Chefredakteure im Volontariat lediglich die traditionelle Recherche-, Schreib- und Redigierkompetenz trainieren wollten, war es schon revolutionär, aus der Journalistik heraus in Fach-, Sach- und Vermittlungskompetenz zu differenzieren. Jetzt kommen zwei große Felder hinzu, die weiter wachsen: die Technik- und Gestaltungsfähigkeit sowie die Organisations- und Konzeptionskompetenz – vom Projektmanagement bis zum redaktionellen Marketing (vgl. Meier 2007b). Gute Ideen für neue journalistische Formate und Produkte sind gefragt – kurzum: Pioniergeist und der Wille zum Experimentieren.

Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, schrieb jüngst über die Mitarbeiter in seinem Pressehaus (vgl. Hombach 2009): „Hinter jeder Tür vielleicht ein kreativer Feuerkopf, vielleicht aber auch ein Bremser mit dem Territorialverhalten eines Merowingers.“ Der Druck auf die Journalisten wächst: Wer nicht teamfähig ist, wer nicht ein Leben lang dazulernen will, wer sich nicht auf permanenten Wandel einstellen möchte – für den wird es schwer im Journalismus.

Journalismus wird sich wandeln, sich zum Teil sogar neu erfinden: In den USA wird das Experiment demnächst live beobachtet werden können, wenn noch mehr Zeitungen sterben. Der New Yorker Journalistik-Professor Jay Rosen meint dazu ganz trocken: „Big daddy newspaper has gone and left journalism.“

Zitierte Quellen:

  • Bakker, Piet (2008): The simultaneous rise and fall of free and paid newspapers in Europe. In: Journalism Practice, 2. Jg., S. 427-443.
  • García Avilés, José A./Meier, Klaus/Kaltenbrunner, Andy/Carvajal, Miguel/Kraus, Daniela (2009): Newsroom Integration in Austria, Spain and Germany. Models of Media Convergence. In: Journalism Practice, 3. Jg., Heft 2/2009. (im Druck)
  • Habermas, Jürgen (2007): „Keine Demokratie kann sich das leis­ten“. In: Süddeutsche Zeitung vom 16.5.2007. (www.sueddeutsche.de/kultur/21/404799/text)
  • Hombach, Bodo (2009): Warum lasst ihr euch das bieten? In: Cicero, Heft 2/2009. (www.cicero.de/97.php?ress_id=6&item=3418)
  • Jarren, Otfried (2008): Massenmedien als Intermediäre. Zur anhaltenden Relevanz der Massenmedien für die öffentliche Kommunikation. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 56. Jg., S. 329-346.
  • Kolo, Castulus/Meyer-Lucht, Robin (2007): Erosion der Intensivleserschaft. Eine Zeitreihenanalyse zum Konkurrenzverhältnis von Tageszeitungen und Nachrichtensites. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 55. Jg., S. 513-533.
  • Meier, Klaus (2007a): „Cross Media“: Konsequenzen für den Journalismus. In: Communicatio Socialis, 40. Jg., S. 350-364.
  • Meier, Klaus (2007b): Journalistik. Konstanz, S. 219-223.
  • Röper, Horst (2008): Konzentrationssprung im Markt der Tageszeitungen. In: Media Perspektiven, Heft 8/2008, S. 420-437.

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