Giovanna Dell’Orto, Irmgard Wetzstein (Hrsg.): Refugee News, Refugee Politics


Von Redaktion am 16. August 2019

Rezensiert von Gabriele Hooffacker

Dass das Thema Flucht in den Medien und das Verhältnis der europäischen Gemeinschaft zu den Geflüchteten den politischen Diskurs bis heute prägen würde, war zu Beginn des Jahres 2015 nicht abzusehen. Bis zur Neujahrsnacht veränderten sich die gesellschaftliche Einschätzung und die Medienresonanz jedoch grundlegend. Die Begrifflichkeiten “Flüchtlingskrise” sowie das Framing von Flucht und Migration als Sicherheitsproblem der europäischen Länder legen davon Zeugnis ab. Damit ist das Thema prädestiniert für Forschungen rund um politische Ereignisse und die Dynamik von Medien und Gesellschaft.

Die Wende der Rezeption markieren die Ereignisse der Sylvesternacht 2015 in Köln. Sie zeitigten eine zunehmend aggressivere Stimmung ausgehend von bestimmten Kreisen auf den Plattformen der sogenannten sozialen Medien, an die sich eine Diskussion um die Rolle der Medien insgesamt anschloss. Mit dieser Veränderung, mit dem Verhältnis von Social Media und klassischen Medien sowie der Rolle des selbst in einer Veränderungskrise steckenden Journalismus in der Gesellschaft befasst sich der englischsprachige Herausgeberband Refugee News, Refugee Politics.

Bereits 2017 haben die Herausgeberinnen der vorliegenden Publikation zu zwei Symposien an der Universität Wien und der University of Minnesota eingeladen. Die Ergebnisse bündeln sie in diesem Sammelband. Er konzentriert sich auf die zwei Themenschwerpunkte “Grenzen” und “Integration”, zum einen in Griechenland, über das die meisten Flüchtlinge eingereist sind, und in Deutschland und Österreich, wo sie sich niedergelassen haben.

Neben Wissenschaftler/innen aus Politik und Soziologie kommen immer wieder auch Vertreter/innen der journalistischen Praxis sowie der Zivilgesellschaft zu Wort. Diese Verklammerung der Welten – politische Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Journalismus – ist einer der Vorzüge des Bandes. Perspektiven aus Kommunikationswissenschaft und Journalistik sind eher am Rande vertreten.

Vier Themenkreise, vier Perspektiven

In ihrer Einleitung stellen die beiden Herausgeberinnen Giovanna Dell’Orto und Irmgard Wetzstein fest, dass “the ‘refugee crisis’ is covered by a profession itself in crisis.” (7). Das zeigt insbesondere die zweite Hälfte des Bandes, Teil 3 und 4, die sich mit dem Journalismus beschäftigen, während sich Teil 1 und 2 mit den Entwicklungen in Politik und Gesellschaft befassen.

Den theoretischen Rahmen der politischen Ereignisse bildet die Migrationsforschung. “Welcoming Citizens, Divided Government, Simplifying Media“: Der emeritierte Münsteraner Historiker und Migrationsforscher Dietrich Tränhardt leitet mit seinem historischen Überblick und seiner Einordnung der widersprüchlichen Ereignisse zwischen 2015 und 2017 den Band ein. Ergänzt wird der Beitrag durch den journalistischen Blick auf die Zeit durch Peter Riesbeck vom Tagesspiegel. Vicki L Birchfield und Geoffrey Harris befassen sich mit dem “expectations-politics-policy conundrum” in der EU zwischen populistischem Nationalismus und Zustimmung zum EU-Projekt. Sabine Lehner und Markus Rheindorf schlagen den Bogen zur Medienlandschaft in Österreich im Untersuchungszeitraum, während Irmgard Wetzstein in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung die Themen Gender und Sicherheit stellt. Sie arbeitet die Stereotype des jungen männlichen Migranten und der unterdrückten muslimischen Frau heraus, denen die hilflose europäische junge Frau gegenübersteht. Den Abschluss des ersten Teils bilden eine Studie von Andreas Panagopoulos und ein Essay von Costas Kantouris über die Fluchtwelle durch Griechenland und ihre mediale Rezeption.

Mit der Zivilgesellschaft in den drei Untersuchungsländern befasst sich der zweite Teil des Bandes. Die Autor/inn/en sind jeweils in der Flüchtlingsarbeit aktiv: Sophia Ioannou und Valia Savvidou von “SolidarityNow” schreiben über Griechenland, Kerstin Lueck und Leonhard Dokalik-Wetzstein über Bildungsprogramme für Lehrende, die Geflüchtete unterrichten, Claudia Schäfer und Andreas Schadauer über Fake News und Hate speech, mit denen sich Geflüchtete in Österreich konfrontiert sehen.

Dem Journalismus in Griechenland im Untersuchungszeitraum ist der dritte Teil gewidmet. Hier gibt es für die deutschsprachigen Leser wohl am meisten Neues zu entdecken. “Trying to find the right words” hat Ioannis Papadopoulos, Kathimeri, seine Zusammenfassung überschrieben. Demnach haben griechische Medien bis 2015 meist mit negativer Konnotation von “illegalen Einwanderern” gesprochen. Das änderte sich erst mit dem Tod des dreijährigen Jungen Aylan Kurdi.

Die traumatischen Erlebnisse, die Journalisten in Idomeni erwarteten, wo viele der Geflüchteten nach dem Schließen der Balkanroute strandeten, beschreiben Phoebe Fronista und Sofia Papadopoulou in ihrem Beitrag, während Jeanne Carstensen die Herausforderung darstellt, das Thema für ein amerikanisches Publikum aufzubereiten.

Der afghanische Journalist Mustafa Mohammad Sarwar von Radio Free Europe/Radio Liberty schreibt über seine Berichterstattung, die sich vorwiegend an ein migrantisches Publikum wendet, und plädiert dafür, auch Geflüchtete als mit Schwächen behaftet anzuerkennen, sie nicht zu idealisieren. Elena Becatoros und David Rising (AP) zeigen die Schwierigkeiten auf, sich in Statistiken zu verirren und Verzerrungen bei der internationalen Berichterstattung zu vermeiden.

Wie sich die Berichterstattung wandelte

Der vierte und letzte Teil des Bands analysiert die Berichterstattung in Österreich und Deutschland. “From Empathy to Hostility in 127 days” haben Edith Meinhart, Martin Staudinger und Peter Unger von profil ihre Analyse des Wandels der öffentlichen Meinung in der österreichischen Presse und dem Fernsehen überschrieben. Jan Bieliecki von der Süddeutschen Zeitung hat den Wendepunkt nach der Kölner Silvesternacht zum Thema gemacht. Carmen Valero berichtet für El Mundo aus Berlin und schreibt über “Fake News and a Profession in Crisis”. Caterina Lobenstein fordert “Widening the Focus: Why Writing About Migration is More Than Writing about Migrants” und Melissa Eddy, The New York Times, schreibt über “Telling Stories of Integration in Germany”.

Dieser Sammelband von anhaltender Aktualität beleuchtet das Thema aus den Perspektiven unterschiedlicher Akteure aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Journalismus. Dabei setzen die Autor/inn/en durchaus unterschiedliche Methoden ein – vom Essay über subjektive Erfahrungen und ihre Reflexion bis zur Inhaltsanalyse ist alles vertreten.

Wie aktuell die Reflexionen von Journalist/inn/en zum Thema sind, zeigt sich am Beitrag von Eva Thöne (Spiegel Online) “Torn between Transparency and Stereotypes. How to Report About Refugees and Crime”. Sie stellt die zunehmende Berichterstattung über Kriminalität von Migranten in direkten Zusammenhang mit dem Vertrauensverlust in die klassischen Massenmedien und plädiert für eine differenzierte Berichterstattung.

Was der Sammelband nicht leisten will und kann: Lösungswege aufzeigen. Wie vermeidet man Stereotype, wie das Framing “Kriminalität”? Wie kommt man aus der Personalisierungsfalle? Und wie kann Journalismus bei aller Empathie die Einordung in nicht nur nationale, sondern supranationale Zusammenhänge leisten? Wie umgehen mit dem Vertrauensverlust in die Medien? Und wie geht es mit dem Journalismus nach dieser Erfahrung weiter?

Das ist ein bisschen schade, denn gerade von den Praktiker/innen des Journalismus hätte man sich an einigen Stellen neue Erkenntnisse und konkretere Schlussfolgerungen für die journalistische Praxis gewünscht. So bleibt ein Kaleidoskop der aufwühlenden Jahre 2015 bis 2017, eine Dokumentation zivilgesellschaftlicher und journalistischer Herausforderungen. Für die Rezeption der Thematik in der internationalen Gemeinschaft ist es sicherlich von Vorteil, dass alle Beiträge des Bandes in englischer Sprache publiziert wurden.

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