Florian Sprenger: Medien des Immediaten


Von Redaktion am 12. April 2013

Rezensiert von Christoph Raetzsch

Das Forschungsinteresse von Florian Sprengers Medien des Immediaten lässt sich sehr prägnant an der eingangs gestellten Frage festmachen: “wie etwas dort wirken kann, wo es nicht ist” (36). Der Autor stellt in seiner über 500-seitigen Studie die Frage nach dem Medium neu. Das Medium ist dabei jenes ‘Dazwischen’, das einen ‘Abgrund’ zwischen Ursache und Wirkung überbrückt, eine Differenz von Sender und Empfänger herstellt, und in dem Kommunikation von Abwesendem mit Anwesenden erst möglich wird. Gleichzeitigkeit erscheint in Form der Verkleinerung oder sogar des Verschwindens des Zeitraums der Übertragung. So schreibt Sprenger: “Die Paradoxien der Unmittelbarkeit von Medien bestehen in der Negation der eigenen Voraussetzungen” (12).

In der Wahrnehmung einer Unmittelbarkeit tritt das Medium selbst in den Hintergrund seiner Operation. Das Immediate drückt dabei eine jahrhundertealte Faszination mit den Wirkmechanismen, Effekten und Bedingungen gleichzeitiger Kommunikation aus, die bei Sprenger im Sinne einer foucault’schen Genealogie aufeinander bezogen werden. So stehen im Vordergrund der Studie die “diachronen Formationslinien des Wissens” um Phänomene des Immediaten mit dem Ziel, eine “philosophische Problemgeschichte” (19) zu entwerfen. Dabei greift der Autor auf Werke und historische Quellen aus der Physik, der Medientechnik, der Philosophie und Medientheorie zurück, bezieht diese in ihren epistemologischen Annahmen und historischen Bezügen aufeinander, um am Ende für eine Neurorientierung der Medienwissenschaft im Sinne einer historisch reflexiven Praxis der Wissensproduktion zu plädieren.

Ausgehend von der platonischen Kritik an der Schrift, stellt sich Sprenger dabei gegen die weit verbreitete Auffassung “Mediengeschichte als Verfallsgeschichte” (56) sei nur in Hinblick auf das Verschwinden von Präsenz durch Medien zu denken. Statt dessen plädiert er für eine stärkere Hinwendung zu den Präsenzmechanismen der Medien, die ihrerseits neue Präsenzformen und -wege für Abwesendes schaffen.

Das Werk gliedert sich in drei Hauptkapitel, die ihrerseits eine Genealogie des Immediaten darstellen. Dabei fällt zunächst die eigentümliche Gleichsetzung von Elektrizität und Telegraphie mit dem Begründer der modernen Medienwissenschaft, Marshall McLuhan, auf. Nun soll McLuhan hier nicht in den Rang eines Mediums gerückt werden, auch wenn er das zu seiner Zeit sicher für viele war. Sprenger entwickelt aus einer “Mediengeschichte der Elektrizität” (29) das physikalische Prinzip der elektrischen Unmittelbarkeit und reflektiert dies in seiner Betrachtung der Telegraphie als konkreter Kommunikationstechnologie.

In einem weiteren Schritt werden jene Annahmen über die Wirkung von Medien, wie sie im Werk von McLuhan gesellschaftspolitisch und phänomenologisch brisant werden (the medium is the message), wiederum auf die Ideengeschichte des Konzepts des Immediaten bezogen. Dabei steht in Anlehnung an McLuhans Understanding Media (1964) oder Bolter/Grusins Remediation (1999) im Mittelpunkt, wie Medien die eigene Vermittlung “verdecken”, sich also selbst “negieren”, dabei aber wiederum eigene Bedingungen schaffen, die für Kommunikation konstitutiv sind (26). Wie diese Negation der Vermittlung historisch gefasst wurde, und welche Wirkungen, Bedingungen und Techniken ihr zugrunde lagen, ist das große Thema dieses umfangreichen Werkes.

Sprenger gelingt mit Medien des Immediaten eine sehr tiefgründige Analyse der philosophischen, medientechnischen und medientheoretischen Genealogien, die über den Begriff der Unmittelbarkeit ein Wissensfeld generiert, das in seiner scheinbaren Alltäglichkeit oft übersehen wird. Mit der eigenwilligen aber sehr überzeugenden Gliederung in die drei Hauptfelder “Elektrizität – Telegraphie – McLuhan” unterstreicht der Autor die Notwendigkeit medienhistorisierender Forschung, die aus der Gegenwart heraus versucht, ideengeschichtliche Vorläufer wie technologische Praktiken aufeinander zu beziehen. Dieses medienarchäologische Vorgehen könnte in einem weiteren Schritt um die Dimension der sozialen Aneignung medialer Praktiken erweitert werden, auch um jene Wirkung des Immediaten selbst als kulturstiftendes Moment stärker fokussieren zu können.

Kritisch bleibt zu ergänzen, dass die Art der Darstellung das Historisch-Kontingente der Befunde, bei aller zugestandenen Reflexivität, oft bereits als eine absehbare Folge vorgefasster Annahmen präsentiert. Der Aufbau des Arguments setzt dabei als Wissen voraus, was das Werk erst als Erkenntnis beim Leser wecken möchte. Hier wäre eine stärkere Strukturierung des Inhalts auf Basis der These und weniger anhand des Materials wünschenswert.

Literatur:

  • Bolter, J.; Grusin R.; Remediation. Understanding New Media. Cambridge MA [MIT Press] 1999
  • McLuhan, M.; Understanding Media. The Extensions of Man. Paperback ed., Cambridge MA [MIT Press] 2001 [Orig. 1964]

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